Sich selbst annehmen und lieben

Ich bin Ich, nicht vom Wesen, sondern bin mir „gegeben“. Ich habe mich also empfangen (von Gott).

Überhaupt gegeben – Nicht als Menschen einfachhin, sondern als diesen Menschen: diesem Volk zugehörig, dieser Zeit, von diesem Typus und diesen Anlagen. Bis zu jenen letzten Bestimmtheiten, die es überhaupt nur einmal gibt, nämlich in mir; jener letzten Eigenart, die macht, dass ich in allem, was ich tue, mich selbst wiedererkenne, und die sich in meinem Namen ausdrückt.

Ich soll sein wollen, der ich bin; wirklich ich sein wollen, und nur ich. Ich soll mich in mein Selbst stellen, wie es ist, und die Aufgabe übernehmen, die mir dadurch in der Welt zugewiesen wird.

Ich darf diesem Zugewiesenen nicht ausweichen; etwa in die Fantasie, und mich in einen Anderen hineinträumen: ich bin der und der… tue das und das… vermag dieses und jenes… spiele solche und solche Rolle… Bis zu einem gewissen Punkt ist das alles ja unschuldig; man erholt sich darin vom Selber-Sein. Von da ab wird es aber zur Gefahr, sich selber wegzulaufen.

Auch vor dem Bösen in mir darf ich nicht weglaufen: schlimmen Anlagen, verdichteten Gewohnheiten, aufgehäufte Schuld. Ich muss sie annehmen und zu ihnen stehen: so bin ich… das habe ich getan… Nicht im Trotz; der ist nicht Annahme, sondern Verhärtung. Aber in Wahrheit, weil nur sie über das Böse hinausführt: ich bin so; aber ich will anders werden.

So wird der Akt des Selbstseins in seiner Wurzel zu einer Askese: ich muss auf den Wunsch verzichten, anders zu sein, als ich bin; gar ein anderer, der ich bin.

Das bedeutet nicht den Verzicht auf das Streben, aufzusteigen. Das darf ich und soll es; aber auf der Linie des mir Zugewiesenen.

Ich soll damit einverstanden sein, der zu sein, der ich bin. Einverstanden, die Eigenschaften zu haben, die ich habe. Einverstanden, in den Grenzen zu stehen, die mir gezogen sind.

Der Mensch steht im Lichte der Offenbarung Gottes.

Gott hat den Menschen in eine Beziehung zu sich gesetzt, ohne die er weder sein noch verstanden werden kann. Er hat einen Sinn; der aber liegt über ihm, in Gott.

Gott hat den Menschen zu seinem Du gemacht und Er hat ihm gegeben, seinerseits in Gott sein Du, sein eigentliches Du, zu haben. In diesem Ich-Du-Verhältnis besteht sein Wesen. Und nur deswegen, weil Gott ihn die Beziehung des Ich-Du zu Sich begründet hat, kann der Mensch auch zu anderen Menschen in personale Beziehung treten.

Soviel weiß der Mensch, wer er ist, als er sich selbst aus Gott heraus versteht. Dazu muss er aber wissen, wer Gott ist; und das kann er nur, wenn er Seine Selbstbezeugung (Jesus Christus) annimmt.

Offenbarung und Erlösung geschah in Christus. Durch sie wurde dem Menschen gesagt, wer er sei, indem ihm gesagt wurde, wer Gott ist. Gotteserkenntnis und Menschenerkenntnis wurden wieder ein ganzes, und das Ebenbild bekam wieder seinen Sinn. Nur was der Mensch annimmt, von dem wird er durch Jesus Christus erlöst.

Man könnte sagen, im Text des Glaubensbekenntnisses fehle ein Artikel; der müsste lauten: Ich glaube an den Menschen, der gebildet wird nach dem Bilde Christi; dass er in mir ist, trotz allem, und dass er, trotz allem, in mir reift.

 

Gedanken nach Romano Guardini

der emmauspilger

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2 Kommentare zu “Sich selbst annehmen und lieben

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