Dankgebet zum Leben

Gott, ich danke dir für mein ganzes Leben,

für Licht und Schatten, für Freud und Leid; denn ich brauche alles.

Danke für das Lob, aber auch für den Tadel.

Das Lob bestärkt mich, der Tadel berichtigt mich.

 

Danke für den Freund,

aber auch für den Feind.

Der Freund übt Nachsicht gegen mich,

und der Feind erfordert sie von mir.

 

Danke für die Gesundheit,

aber auch für die Krankheit.

Die Gesundheit schafft mir Möglichkeiten,

und die Krankheit zeigt mir Grenzen.

 

Danke für die Gemeinschaft,

aber auch die Einsamkeit.

Die Gemeinschaft schenkt mir Menschen,

und in der Einsamkeit bist DU.

Gott, du bist in allen Lebenslagen bei mir.

Ich danke dir dafür.

 

(Pfarrer Josef Raschle, St. Gallen)

Mechthild von Magdeburg: Die Wüste hat 12 Dinge

Mechthild von Magdeburg: Die Wüste hat 12 Dinge

Der 15. August ist der Gedenktag der großen deutschen Mystikerin Mechthild von Magdeburg (1208-1294?). Sie war eine Begine, eine Gemeinschaft, in der Frauen caritative Aufgaben erfüllten, sich aber ebenso selbstbewusst in der Kirche zu theologischen Fragen meldeten und gehört wurden. In ihrem Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ fasst sie ihre mystische Gottesschau zusammen. „Die Wüste“ ist in der Tradition der Wüstenväter ab dem späten 3. Jahrhundert (Askese-Gebet-Arbeit) ein Motiv einer Geisteshaltung, welche durch Kontemplation und Meditation durch lassen seiner selbst, der Mystiker Meister Eckhart spricht von Gelassenheit, in Wahrheit, in Freiheit und im Frieden ganz Gott in einem sein und wirken kann. Dabei geht es keinesfalls um eine Flucht aus der Welt, sondern um eine Bereitung zu lieben in der Welt nach dem Willen Gottes. Mechthild definiert diese Wüste folgendenermaßen:

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Epiktet: Macht und Freiheit

Epiktet: Macht und Freiheit

„Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung, mit einem Wort alles das, was Produkt unseres Willens ist. Nicht in unserer Macht sind unser Leib, Besitz, Ehre, Amt, und alles was nicht unser Werk ist. Was in unserer Macht ist, ist seiner Natur gemäß frei, kann nicht verboten oder verhindert werden; was aber nicht in unserer Macht steht, ist knechtisch, kann verwehrt werden, gehört einem anderen zu. Deshalb bedenke, dass du Hinderung erfahren, in Trauer und Unruhe geraten, ja sogar Götter und Menschen anklagen wirst, wenn du das von Natur Dienstbare für frei und das Fremde für dein eigen ansiehst. Hältst du dagegen für dein Eigentum nur, was wirklich dein eigen ist, und betrachtest das Fremde als fremd, so wird dich niemand jemals zwingen oder hindern; du wirst niemanden anklagen oder beschimpfen, und nicht das Geringste mit Widerwillen tun; niemand kann dir schaden; du wirst keinen Feind haben, und nichts, was dir nachteilig sein könnte, wird dir begegnen.“

Dionysius der Kartäuser: Meditation zum Kreuz

Dionysius der Kartäuser: Meditation zum Kreuz

Betrachte aufmerksam mit deinem geistigen Auge, wie ich am Kreuz hänge. Ich hänge da mit ausgestreckten Armen, um dich umarmen zu können, so oft du zu mir kommen willst.


Meine Füße sind fest genagelt, damit du begreifst, dass ich nicht von dir fortgehen will und dies auch gar nicht kann.


Meine Hände sind durchbohrt, damit du weißt, dass ich dir nichts verweigern will, um das ich gebeten werde, und damit du auch verstehst, dass mich nicht die Nägel am Kreuz festhalten, sondern eine Liebe, die seit ewigen Zeiten dir gehört, wenn nur du in meiner Liebe bleibst.


Siehe also, mit welcher Kraft und mit welcher Liebe ich dich in meine Hände und Füße geschrieben habe, um dich nie mehr zu vergessen.


Doch damit war ich noch nicht zufrieden; ich habe noch etwas viel Größeres für dich getan. Ich habe mir von einem Soldaten die Brust aufreißen lassen, um dir den Weg zu meinem Herzen zu öffnen. Erkenne auch daraus meine große Liebe, die mich angetrieben hat, für dich zu sterben.

S.D.G.

Else Lasker-Schüler: Das Reich Gottes ist nah

Else Lasker-Schüler: Das Reich Gottes ist nah

Die Welt, aus der ich lange mich entwand, ruht kahl, von Glut entlaubt, in dunkler Hand; die Heimat fremd, die ich mit Liebe überhäufte, aus der ich lebend in die Himmel reifte. Es wachsen auch die Seelen der ver­pflanzten Bäume auf Erden schon in Gottes blaue Räume, um inniger von seiner Herrlichkeit zu träumen.

Else Lasker-Schüler, Dichterin

Ohne die Ewigkeit wäre der Mensch das einzig unvollendete Lebewesen auf Erden.

S.D.G.

Zum Kirchweihfest: Hymnen an die Kirche

Die deutsche Schriftstellerin und zur katholischen Kirche konvertierte Gertrud von le Fort verfasste 1924 den Gedichtzyklus „Hymnen an die Kirche“. Dort schreibt sie in VII:

„Wer errettet meine Seele vor den Worten der Menschen?

Sie tönen aus der Ferne wie Posaunen, aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen.

Sie drängen sich hervor mit Fahnen und Wimpeln, aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr Gepränge.

Höret, ihr Lauten und Vermessnen, ihr Wetterflücht’gen des Geistes und ihr Kinder eurer Willkür:

Wir sind verdurstet bei euren Quellen, wir sind verhungert bei eurer Speise, wir sind blind geworden bei euren Lampen!

Ihr seid wie eine Straße, die nie ankommt, ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber!

Ihr seid wie ein treibendes Gewässer, immer ist in eurem Munde euer eignes Rauschen!

Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege, und morgen seid ihr auch ihr Grab!

Wehe euch, die ihr uns mit Händen greifet: eine Seele kann man nur mit Gott fangen!

Wehe euch, die ihr uns mit Bechern tränket: einer Seele soll man die Ewigkeit geben!

Wehe, die ihr euer eitles Herz lehrt! Ein Priester am Altar hat kein Antlitz, und die Arme, die den Herrn erheben, sind ohne Schmuck noch Staub.

Denn wen Gott reden heißt, den heißt er schweigen, und wen sein Geist entzündet, der erlischt.

VIII

Du allein suchtest meine Seele! Wer will das Recht deiner Treue schmälern?

Meine Seele war wie ein Kind, das man im Verborgnen aussetzt.

Sie war eine Waise an allen Tischen des Lebens und eine Witwe im Arme des Geliebten.

Meine Brüder haben sie verachtet, und meine Schwestern haben ihr fremd getan.

Die Klugen der Welt haben sie verraten.

Wenn sie dürstete, gaben sie ihr Vergängnis, und wenn sie sich ängstigte, sprachen sie: du bist ja gar nicht!

Sie haben sie zu meinem Herzen geschickt, als wäre sie ein Tropfen seines Blutes.

Sie haben sie zu meinem Verstand geschickt, als wäre sie ein Gedanke.

Sie war wie ein Wild in den Wäldern dunkler Triebe und wie ein gescheuchter Vogel im toten All.

Sie war wie eine, die lebenslang stirbt. Du aber hast für sie gebetet, das hat sie errettet.

Du hast für sie geopfert, davon hat sie gezehrt.

Du hast sie wie ein Kleinod beweint, darum jauchzt sie deinen Namen.

Du hast sie wie eine Königin erhoben, darum liegt sie dir zu Füßen.

Wer will das Recht deiner Treue schmälern?“

(Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche)

Nur Tugenden führen zur wahren Freiheit

„Die Unterdrückung hätte nie die Oberhand gewinnen können, wenn nicht
Feigheit, Niederträchtigkeit, und gegenseitiges Mißtrauen der Menschen
unter einander ihr den Weg geebnet hätten. Sie wird so lange steigen,
bis sie die Feigheit und den Sklavensinn ausrottet, und Verzweiflung den
verlornen Muth wieder weckt. Dann werden die beiden entgegengesetzten
Laster einander vernichtet haben, und das Edelste in allen menschlichen
Verhältnissen, dauernde Freiheit, wird aus ihnen hervorgegangen sein.“

(Johann Gottlieb Fichte: „Die Bestimmung des Menschen“ Kap. 11)

Nicht der Ungehorsam beendet Unterdrückung, sondern der Mut, besser die Tapferkeit. Das kann auch der Mut sein, gehorsam zu sein.

Nicht niederträchtig Böses mit Bösem zu vergelten beendet Unterdrückung, sondern tapfer, weil freien Geistes, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Nicht das Misstrauen beendet Unterdrückung, sondern das Vertrauen. Das kann auch das Vertrauen darauf sein, dass jenem, dem ich gehorsam, mein Vertrauen erfüllt.

Nicht Ungehorsam befreit aus der Unterdrückung und dem Sklavensinn, sondern Tapferkeit und der Mut der Verzweiflung.

Nur Tugenden führen zu Tugend, nicht Untugenden. Nur Tugenden führen zur wahren Freiheit.

Carlo Mierendorff: Vom Atheist zum Christ

Der deutsche Widerstandskämpfer zur Zeit der Nationalsozialisten schreibt:

„Wissen Sie, als Atheist bin ich in das Konzentrationslager gekommen, und nach dem, was ich dort erlebt habe, verließ ich es als gläubiger Christ. Es ist mir klar geworden, dass ein Volk ohne metaphysische Bindung, ohne Bindung an Gott, weder regiert werden noch auf Dauer blühen kann“.

Der Bayerische Verfassungsgerichtshofs führte deshalb zurecht in einem Urteil aus: „Das Neutralitätsgebot ist nicht das Gebot zur Eliminierung des Religiösen aus dem öffentlichen Bereich zu verstehen“.

Dieses Urteil nimmt den Beginn der Präambel der Bayerischen Verfassung ernst: „Angesichts des Trümmerfelds, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des 2. Weltkriegs geführt hat …“

S.D.G.

Praktische Regeln zur Erkenntnis und Unterscheidung der Geister

aus: Johannes Kardinal Bona (1609-1674) „De discretione spirituum“

Sechs Geister gibt es, die man in drei zusammenfassen kann, in den göttlichen, teuflischen und menschlichen. Der göttliche Geist ist eine innere Anregung der Seele oder eine Eingebung, die von Gott kommt und zur Tugend und Heiligkeit antreibt. Diese göttliche oder innere Anregung oder Einsprechung kann auf verschiedene Art geschehen. Sie kann unmittelbar von Gott kommen oder mittelbar. Mittelbar ist sie, wenn sie uns durch die Engel oder durch fromme Menschen, durch die Stimme des Gewissens, durch gute Beispiele, geistliche Lesung, durch Leiden und Widerwärtigkeiten usw. zukommt. Es wäre eine sehr schlimme und gefährliche Unwissenheit, wenn wir die gute Einsprechung von der bösen nicht unterscheiden könnten. Die göttliche Gnade lehrt uns, den guten von dem bösen Geist unterscheiden. Durch dieses Licht erleuchtet, haben uns die heiligen Väter und Geisteslehrer einige Kennzeichen an die Hand gegeben. Solche sind:

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