Aus der Vorurteilsforschung

Aus der Vorurteilsforschung

Die erste bedeutsame Thematisierung des Vorurteilsproblems findet sich in einer vom englischen Empiristen Francis Bacon im Jahre 1620 unter dem Titel „Novum Organum“ veröffentlichten Aphorismen-Sammlung. Bacon erläutert in Aphorismus 38, dass der Mensch nur mit Mühe die Wahrheit erkennen kann (aber es ist möglich). Hinderlich dafür sind die Trugbilder und Vorurteile, die Bacon als Idole betitelt und ebenso falsche Begriffe. Er unterscheidet vier interessante und durchaus modern anmutende Arten von Idolen:

  1. die Idole des Stammes, die in der Gattung des Menschen begründet sind, der nun einmal nie die ganze Wahrheit kennen kann;
  2. die Idole der „Höhle“, die individuell bei jedem vorhanden sind, denn jeder hat – so Bacon – eine Höhle oder eine spezifische Grotte, „welche das Licht der Natur bricht und verdirbt“;
  3. die Idole des Marktes als Folge des engen Beieinanderseins der Menschen, als Folge der Gemeinschaft und als Folge des Verkehrs mit anderen Menschen;
  4. die Idole des Theaters. Denn auf der großen Bühne geistiger Selbstdarstellung wurden „Philosophien erfunden, wurden für wahr unterstellt und sind in den Geist des Menschen eingedrungen. Philosophische Lehrmeinungen, Sekten, Prinzipien sowie Lehrsätze von Wissenschaften haben durch Tradition, Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit Geltung erlangt. Der menschliche Verstand muss vor ihnen auf der Hut sein.“

Die moderne Vorurteilsforschung findet ähnliche Gliederungen und Ursachen:

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Männer, habt ihr ein Problem?

bei weiten nicht alle, aber doch einige, denn: Was ist da los bei den ständigen Aggressionen gegen Frauen, heißen sie Merkel, Baerbock, Greta, Künast, Dunja Hayali etc.? Besonders Männer, besonders in den sozialen Medien, posten gegen diese Frauen Mordgedanken, Folterandrohungen, übelste Beschimpfungen, Vergewaltigungsfantasien. Frauen, die nicht mit deren Aussagen und Taten übereinstimmen, zeigen bei weitem nicht diese Aggressionen wie die Männer. Liegt es daran, dass es nicht deren „übliches“ Frauenbild entspricht? Da zeigt sich ein Muster, denn Männer, wie Trump, Höcke oder andere Populisten werden vielleicht mit Spott und Kopfschütteln belegt, aber nicht mit solchen Hasstiraden. Weiterlesen

Dankgebet zum Leben

Gott, ich danke dir für mein ganzes Leben,

für Licht und Schatten, für Freud und Leid; denn ich brauche alles.

Danke für das Lob, aber auch für den Tadel.

Das Lob bestärkt mich, der Tadel berichtigt mich.

 

Danke für den Freund,

aber auch für den Feind.

Der Freund übt Nachsicht gegen mich,

und der Feind erfordert sie von mir.

 

Danke für die Gesundheit,

aber auch für die Krankheit.

Die Gesundheit schafft mir Möglichkeiten,

und die Krankheit zeigt mir Grenzen.

 

Danke für die Gemeinschaft,

aber auch die Einsamkeit.

Die Gemeinschaft schenkt mir Menschen,

und in der Einsamkeit bist DU.

Gott, du bist in allen Lebenslagen bei mir.

Ich danke dir dafür.

 

(Pfarrer Josef Raschle, St. Gallen)

Im Denken wird man Mensch

Es gibt schon seit geraumer Zeit und ohne irgendwelche „Energiefelder“ zu bemühen, die Ansicht, dass das moralische Temperament (melancholisch, phlegmatisch, sanguistisch, philosophisch) jene Ideenreihe Kraft verleiht, die den Charakter bildet. Dabei gibt es eine herrschende Idee. Eine Ideenreihe ist ein Gedanke, eine Aussage, ein Gegenstand der/die Beachtung erhält, weil er/sie das Vergnügen/Missvergnügen (damit sind nicht allein sinnliche Erfahrungen gemeint) fördert oder hindert. Jede von außen zukommende Wahrheit trifft auf diese Ideenreihe und wird somit „entwahrheitet“, denn sie hat sich in die Anschauung der Begriffe einzufügen, die der Mensch sich bereits bildete. Jedes neue Ding wird in diese Ideenreihe eingefügt und festigt sie. Deshalb kann man etwa jungen Menschen besser neue Ansichten vermitteln, als älteren. Deshalb kann für jemand etwas eine Ehre sein, für den anderen nicht, obwohl es objektiv dasselbe Ding ist. Weiterlesen

Demokratie, Wahlen und Dankbarkeit

Viele Menschen definieren heute selbständiges Denken, ja Freiheit, darin, nur auf sich selbst zu „hören“, womit meist nur ein Bauchgefühl gemeint ist und dazu keine vernunftbegabte Überlegung. Gerne wird dabei auch von Förderung der Vielfalt gesprochen, was aber oft genug nur als Vorwand verwendet wird, um eigene Erkenntnisse und Meinungen, mögen sie noch so unvernünftig sein, eine Geltung für die Allgemeinheit zu geben. Und wenn man auf andere Meinungen und Lebensmodelle trifft, die nicht innerhalb der eigenen Filterblase vertreten werden, hat die Förderung der Vielfalt schnell ein Ende. Oft werden dann keine Argumente eines Spezialisten, Fachmanns, nicht einmal mehr Lebenserfahrung anderer angenommen. Dabei bietet ein „Bauchgefühl“ ebenso keine Grundlage ein tieferes Verständnis über einen Sachverhalt oder andere Motivlagen zu gewinnen. So wird man zum Unbelehrbaren, der in der Selbstzentriertheit seinen Fortschritt erkennen will, ein Merkmal des Egoisten. Weiterlesen

Menschenführung nach der Natan-Methode

In der Hl. Schrift wird uns in 2Sam 12:1-7a folgender Text überliefert, aus dem man eine Methode lernen kann, Menschen, auch im Betrieb oder der Familie, hin zum besseren zu führen:

Der Herr entsandte Natan zu David. Dieser ging hin und verkündete ihm: »Zwei Männer waren in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte Schafe und Rinder in großer Menge. Der Arme hatte nichts als ein einziges Lamm, das er gekauft und aufgezogen hatte. Bei ihm und seinen Kindern wuchs es heran. Es aß von seinen Bissen, trank aus seinem Becher und schlief auf seinem Schoße. Es war ihm wie eine Tochter. Da bekam eines Tages der Reiche Besuch. Es tat ihm leid, von seinen eigenen Schafen oder Rindern eines zu nehmen und es dem Wanderer, der zu ihm gekommen war, zu bereiten. So nahm er das Lamm des armen Mannes und richtete es für seinen Gast zu.« David geriet in heftigen Zorn über jenen Mann und sagte zu Natan: »So wahr der Herr lebt! Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes! Das Lamm soll er vierfach erstatten zur Vergeltung dafür, daß er dieses getan und kein Mitleid empfunden hat.« Da sprach Natan zu David: »Du bist der Mann!

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Mechthild von Magdeburg: Die Wüste hat 12 Dinge

Mechthild von Magdeburg: Die Wüste hat 12 Dinge

Der 15. August ist der Gedenktag der großen deutschen Mystikerin Mechthild von Magdeburg (1208-1294?). Sie war eine Begine, eine Gemeinschaft, in der Frauen caritative Aufgaben erfüllten, sich aber ebenso selbstbewusst in der Kirche zu theologischen Fragen meldeten und gehört wurden. In ihrem Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ fasst sie ihre mystische Gottesschau zusammen. „Die Wüste“ ist in der Tradition der Wüstenväter ab dem späten 3. Jahrhundert (Askese-Gebet-Arbeit) ein Motiv einer Geisteshaltung, welche durch Kontemplation und Meditation durch lassen seiner selbst, der Mystiker Meister Eckhart spricht von Gelassenheit, in Wahrheit, in Freiheit und im Frieden ganz Gott in einem sein und wirken kann. Dabei geht es keinesfalls um eine Flucht aus der Welt, sondern um eine Bereitung zu lieben in der Welt nach dem Willen Gottes. Mechthild definiert diese Wüste folgendenermaßen:

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Luther: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“

Luther: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“

Eigentlich eines seltsame Frage, die der Reformator Martin Luther hier stellt. Was ist, wenn Gott bereits und immer schon gnädig ist und es allein an mir liegt, ihn zu „bekommen“? Luther war ohne Zweifel ein großer Gottsucher mit allergrößter Ernsthaftigkeit. Er begann seine Suche immer wieder von seinem Gottesbild aus, das jedoch missgestaltet war. Denn es verkennt den gütigen Vater, den uns sein Sohn Jesus Christus verbindlich geoffenbart hat. Luther hatte zeitlebens eine große Furcht vor dem zornigen Gott. Es begann schon während der Gewitterangst 1505, die Luther ins Kloster trieb, und 1534 deutete er als Lehrer den Psalm 90 immer noch: „Mitten in dem Leben sind wir vom Tod umfangen“. Eine tiefe Düsternis des Gemüts liegt in diesen Worten. Dem Tod kann niemand entfliehen und die eigene Verderbtheit bleibt stets vor Augen. Dies erfüllt mit lähmendem Grauen und Luther muss nach Glaubensaussagen suchen, die wenigstens ihm persönlich den Weg zum Heil ebnen. Und so stellt er jene Frage, die zum Grundimpuls seiner Existenz wurde: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Weiterlesen

4 Grundzüge eines von Jesus Christus bestimmten Menschseins

4 Grundzüge eines von Jesus Christus bestimmten Menschseins

Durch Dankbarkeit zur Freiheit als Gehorsam im Glauben, das ist Menschsein, die Würde des Menschen, oder konkret: Weiterlesen