Der Weinstock – eine biblische Karriere

In der Hl. Schrift begegnen uns viele Bilder und Symbole, deren Entsprechungen in der Kultur des Volkes Israel verwurzelt sind. Diese Bilder und Symbole stammen aus frühester Zeit, die meist auf eine menschliche Naturbeobachtung verweisen, deren Charakter zu einem Element der Erinnerung wird. Eine Naturbeobachtung, gerade wenn sie unerklärlich scheint, wird dann einer vergöttlichten Naturkraft, oder beim Volk Israel eben dem einen Gott zugeordnet. So wird etwa aus der Wanderung durch das von Gott geteilte Rote Meer aus einer geschichtlichen Naturerscheinung später eine Erinnerung des ganzen Volkes, das es eng mit einer symbolischen Bedeutung des Wassers verknüpft. Oft wird aus einer symbolischen Bedeutung im Erinnern ein Symbol der Hoffnung und weist somit in die Zukunft. Wasser, Blut, Wein oder der Weinstock sind darum spezielle Symbole in der Hl. Schrift mit einer konkreten Bedeutung. Betrachten wir einmal besonders den Weinstock.

Jeder jüdische Leser oder Hörer der Torah wusste um die Symbolik des Weinstocks, der im Weinberg steht. Beispielhaft in Isaias 5:1-7 wird das Lied vom Weinberg angestimmt. In Vers 7 heißt es: „Wohlan, der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel, und die Leute von Juda sind seine liebliche Pflanzung. Er hoffte auf Rechtsspruch, doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit, doch siehe da: Klageschrei!“ Der Weinberg ist also das Volk Israel, das von Gott gepflanzt, aber der auch erlaubt, dass es verwüstet und zertreten wird. Der Weinberg und damit das Volk Israel werden ebenso mit einer Braut gleichgesetzt, so im Hld 7:13: „Früh wollen wir zu den Weinbergen aufbrechen, wollen sehen, ob der Weinstock schon treibt, die Rebblüte aufspringt, die Granatbäume blühen. Dort will ich meine Liebe dir schenken!“ Die Braut war jedoch untreu, sie wird vom Bräutigam (Gott) verstoßen. Deshalb fleht der Psalmist in Ps 80:15-20: „Herr der Heerscharen, kehre doch um, blicke vom Himmel und sieh! Nimm dich dieses Weinstocks an und des Gartens, den deine Rechte gepflanzt! Die ihn verbrannten und zerstörten, sollen zugrunde gehen vor deinem drohenden Antlitz! Deine Hand sei über dem Mann zu deiner Rechten, über dem Menschensohn, den du dir großzogst! Wir aber wollen nicht von dir weichen! Erhalte uns am Leben, so werden wir deinen Namen anrufen! Herr der Heerscharen, stelle uns wieder her! Laß dein Angesicht leuchten, daß uns Heil widerfahre!“

Sein Sohn Jesus Christus war die Antwort Gottes auf das Flehen seines Volkes. Jesus mahnte es zur Umkehr und nahm das Bild aus Isaias wieder im Gleichnis von den bösen Winzern in Mk 12:1-15 auf. Nun ist Israel nicht mehr der Weinberg selbst, sondern sie sind Pächter des Weinbergs, die schließlich den „geliebten Sohn“ und Erben des Besitzers töten, um das Erbe, den Weinberg, für sich zu erlangen. Das Bild spricht auch in unsere Zeit: Der Mensch erklärt Gott für tot und will selbst Herr des Weinbergs, Maßstab der Welt ohne eine höhere Instanz werden. Doch im Gegensatz zu Isaias spricht Jesus in seinem Gleichnis eine Verheißung für die Zukunft aus (Mk 12:9): „Was wird nun der Herr des Weinberges tun? Er wird kommen und die Winzer umbringen und den Weinberg an andere vergeben“. Gott verwirft seinen Weinberg nicht, sorgt für den Weinstock, er bleibt bestehen und wird einem anderen übergeben. Und Jesus sagt noch mehr, in dem er ein Psalmwort aufgreift: der Sohn bleibt nicht tot, er wird zum neuen Eckstein (Mk 12:10-11): „Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn wurde es so, und wunderbar ist es in unseren Augen?“ Nach dem Kreuz und der Auferstehung, so will uns Jesus sagen, wird ein neuer Tempel errichtet, gibt es neue Hoffnung.

Das Volk Israel wird also vom Weinberg zum Weinstock und dann zum Pächter des Weinbergs befördert und läuft Gefahr diese Stellung an andere Knechte zu verlieren. Doch Jesus offenbart in Joh 15:1 etwas für den Menschen ungeheuer großes: Er wird selbst zum Weinstock! Er spricht: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner“. Der „Ich bin“, Jahwe, hat sich also durch seinen Sohn in die Erde eingepflanzt, ist selbst zum Weinstock, zum Menschen geworden! Aus dem von Gott in Liebe geschaffenen Weinstock, Geschöpf, das er aber auch wieder zerstören und ausreißen kann, ist ein Geschöpf geworden, mit dem sich Gott seinsmäßig identifiziert. Dadurch kann dieses Geschöpf, dieser Weinstock nicht mehr geplündert, ausgerissen werden, denn durch seinen Sohn wird es ein Anteil Gottes. Paulus jubiliert deshalb in 2Kor 1:19-20 zurecht: „Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der bei euch durch uns verkündet wurde, durch mich und Silvanus und Timotheus, kam nicht als »Ja und Nein«, sondern in ihm ist das »Ja« gekommen. Denn alle Verheißungen Gottes wurden in ihm zum »Ja«; und so erklingt auch durch ihn das »Amen« zu Gott als Lobpreis durch uns“

Nun ist Jesus als Gott selbst der Weinstock, er inkarniert ins Fleisch und verbindet sich so ewiglich mit dem Menschen. Dessen Berufung ist es deshalb im Weinstock zu bleiben (Joh 15:4): „Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe nicht aus sich selbst Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt“. Jesus fordert aus dieser Gnade heraus vom Menschen, dass er auch bereit zur Reinigung bleibt (Joh 15:2): „Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe“. Alles, was sich im Menschen größer als Gott sieht, muss also wieder entfernt werden, oft schmerzhaft, immer begleitet vom Geheimnis von Tod und Auferstehung. Dann wird der Mensch wieder so einfach, demütig und gehorsam, wie der Herr selbst es war, und der Mensch kann wieder mehr Frucht bringen.

Und was ist diese Frucht? Auch hier wird uns der Herr Jesus Christus zum Vorbild: Seine größte Frucht ist ein Geschenk an den Menschen. Er litt und leidet und gab dafür sein Leben: Für die Liebe, aus der Liebe, aus seinem Wesen heraus. Unsere Frucht, die wir bringen werden, ist auch diese durch das Leid gegangene Liebe. Gott reinigt uns, damit diese Liebe immer mehr wird. Es ist eine Liebe, die Jesu Kreuz trägt in seiner Nachfolge. Es ist eine Liebe, die uns nicht nur leicht fallen wird, sondern auch schwer, wenn sie etwa unserem Beleidiger oder Feind gilt. Es ist eine Liebe, die von uns Beharrlichkeit fordert, wie in Joh 15:5 eindringlich ausgesprochen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun“. Gerade wenn die Liebe nur mehr zum Akt des Gehorsams und zu einem Ja zum Glauben wird, dann ist Beharrlichkeit gefordert, in der Jesus uns jedoch stärken wird. Denn ohne ihn können wir nichts tun, was sehr wenig ist, schon gar keine Liebe üben.

Zu bleiben in Jesus und zu lieben ist also auch ein Akt des Glaubens. Die Rebe, die Traube, die Frucht der Liebe wird im bleiben, im lagern am Herzen des Herrn, zu guten Wein. Am Herzen des Herrn zu bleiben, gerade in der Dunkelheit der Seele, in den Wüstenwanderungen des Lebens, hilft uns das Gebet, Joh 15:7 drückt dies aus: „Bleibt ihr in mir und bleiben meine Worte in euch, dann bittet, um was ihr wollt, und es wird euch zuteil werden“. Die erste Bitte, die man vor Gott ausspricht, soll die besondere Gabe des Hl. Geists sein. Er bringt wieder Freude und stärkt die Verbindung zu Gott und die Einheit mit unseren Geschwistern, damit wir handeln, versöhnen und verzeihen aus Liebe und so Zeugen Gottes und seiner Liebe werden. Denn so will es der Herr und damit Gott: „damit sie alle eins seien wie du, Vater, in mir und ich in dir, daß sie eins seien in uns damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast“ (Joh 17:21).

 

der emmauspilger

S.D.G.

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