Guardini: Das Verständnis der Erlösung

Aus dem Munde Deines Sohnes, o Herr, vernehmen wir die Botschaft der Erlösung. Sie geht nicht aus den Erfahrungen unserer Lebensnot hervor, sondern aus Deinem freien, heiligen Ratschluss. Unser Herz kann auf sie warten, unser Verlangen kann ihr entgegengehen – aber nur, wenn Deine Liebe den ersten Schritt tut; denn schon dass wir auf sie warten und ihr entgegengehen, ist ihr Werk.

So steht es unserem Geiste auch nicht zu, darüber zu urteilen, was von Dir her Erlösung heißt, und wer Du bist, der diese Erlösung vollbringt. Tut er das, dann ist er wie ein Blinder, der über die Dinge des Lichtes redet. Nur wenn uns die Augen dafür aufgehen, wer Du bist, verstehen wir, wie Du erlösen könnest; aber nur aus Deinem heiligen Handeln geht uns das Bild Deines Wesens auf.

Das ist nicht der Trug eines Glaubens, der aus seinem eigenen Willen seine Wahrheit beweist. Wir entziehen uns nicht der Forderung, Rechenschaft zu geben, indem wir uns blind in ein Geheimnis werfen. Hier ist vielmehr Anfang; und kein Anfang kann von außen her erwiesen werden, sondern erschließt sich aus ihm selbst. Es ist der große, heilige Anfang, der zweite nach dem ersten der Schöpfung, der Beginn jenes neuen heiligen Werdens, das sich durch den Gang des alten hin vollzieht; und glauben heißt, in ihn eintreten.

So glaube ich, o Herr, an diesen heiligen Anfang, wie er sich im Lichte von Deines Sohnes Antlitz, in der göttlichen Wahrheit seiner Worte, in der Macht seiner Gebärde, im Zeugnis seines ganzen Daseins erschließt. Er ist die wesenhafte Offenbarung. In ihm bist Du, unbekannter, verborgener Gott, in die Offenheit getreten.

Die Erlösung ist das Werk Deiner Liebe. Deine Liebe aber, o Gott, geht so über allen menschlichen Sinn, dass er daran Ärgernis nehmen und im Namen Deiner Reinheit selbst Einspruch erheben muss, wenn er nicht erkennt, dass die Botschaft von ihr die Botschaft einfachhin ist. Du bist der, der so liebt. Du bist jener, der liebend unser Schicksal so ans Herz genommen hat, dass er um unseretwillen selbst Schicksal auf sich nahm.

„Zeige mir Dein heiliges Angesicht“, dass ich sehe, wer mein Gott ist. Lehre mich Deine Liebe verstehen, und verstehen, was sie getan hat.

Amen

Romano Guardini: Theologische Gebete, München 1948

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