Yoga: Das Wagenlenkergleichnis

In der Kaṭha-Upaniṣhad, einem vedischen Text aus Indien, der explizit vom Yoga handelt, wird die menschliche Existenz mit einem Wagen verglichen, der von fünf Pferden gezogen wird. Dabei ist der Wagenbesitzer das menschliche Selbst (ātmā), die individuelle, göttliche Seele. Der Wagen entspricht dem Körper (deha), die fünf Pferde entsprechen den fünf Sinnesorganen (indriya). Der Wagenlenker wird mit der reinen Intelligenz (buddhi), dem intuitiven unterscheiden und erkennen, und die Zügel mit dem Sinnesbewusstsein oder dem Sinnen-Mental (manah) gleichgesetzt, die Denkfunktion. Die Fahrbahn sind die Objekte und Bereiche der Sinneswahrnehmung.

Das Ziel des menschlichen Lebens ist, den Herrn der Kutsche (= ātmā) zu erkennen und seine inneren Anweisungen jeden Moment zu befolgen. Der Wagenlenker (buddhi) kann so durch bewusstes und straffes Halten der Zügel (manah), die Pferde (indriya) auf dem richtigen (Lebens-)Weg lenken.

Hier die Deutsche Übersetzung aus dem Buch  „Katha-Upanishad – die Unsterblichkeit des Selbst“ von Swami Nikhilananda (Teil 1, 3. Kapitel, Verse 1a, 5 – 9):

Erkenne den Ᾱtman als den Herrn der Kutsche.
Wenn Buddhi durch Verbindung mit einem Denken, das stets abgelenkt wird, ihr Unterscheidungsvermögen verliert, geraten die Sinne ausser Kontrolle wie ungebändigte Pferde.

Aber wenn Buddhi durch Verbindung mit einem stets beherrschten Denken Unterscheidungsvermögen besitzt, gelangen die Sinne unter Kontrolle wie die gehorsamen Pferde eines Wagenlenkers.

Wenn Buddhi durch Verbindung mit einem abgelenkten Denken ihr Unterscheidungsvermögen verliert und deshalb ungeläutert bleibt, kann die verkörperte Seele ihr Ziel nicht erreichen.

Wenn Buddhi durch Verbindung mit einem beherrschten Denken Unterscheidungsvermögen besitzt und deshalb geläutert bleibt, kann es (Buddhi) die verkörperte Seele zum Ziel führen, von dem es keine Wiedergeburt gibt.

Ein Mensch, der seinen Wagenlenker kennt und die Zügel des Denkens festhält, gelangt an das Ende des Weges, und das ist die höchste Position von Vishnu.

In diesem vedischen Text wird ausgesagt, dass man keineswegs nur nach dem Gefühl handeln soll, sondern sie mit dem Intellekt, der Vernunft zügelt, damit man seinen richtigen Weg beibehält. Dies gelingt, wenn man sein Selbst erkennt. Im Yoga wird durch Meditation und Körperbeherrschung darum versucht, sein Innerstes zu durchleuchten, sich durch Achtsamkeit zu erkennen. Yoga ist demnach nicht allein eine harmlose Gymnastikübung, sondern eine weltanschauliche Philosophie, die im Hinduismus zur Religion wurde.

Das Wagenlenkergleichnis zeigt, dass die göttliche Weisheit auch in anderen Religionen, als im Christentum, ihre Spuren hinterlassen hat, wie die Kirche auch immer betont. Was im Hinduismus und der Yogapraxis jedoch fehlt, ist die Möglichkeit der unmittelbaren Offenbarung Gottes im Leben des Menschen. Die Mittel des Yoga sind immer durch den Menschen selbst begrenzt, sein Vermögen sich zu einem höheren Selbst erheben zu können. Im Christentum jedoch ist die universale Bewegung eine andere: die höhere Macht über dem Menschen, der Urheber des göttlichen Funkens in der menschlichen Seele, erniedrigte sich in der Person Jesus Christus hin zum Menschen. Dadurch wurde die menschliche Ausgangsposition eine völlig andere: die Liebe Gottes ersetzt menschliche Leistung, aus dem Ringen um Erkenntnis wird ein Beschenktwerden in einer persönlichen Beziehung durch die Liebe.

Im christlichen Kontext wird ausgesagt: Gotteserkenntnis ist Selbsterkenntnis und umgekehrt und dies führt durch Gott zur Weisheit. Weisheit kann nicht allein vom menschlichen Intellekt erarbeitet werden, denn seine Erkenntnis wird immer unvollkommen sein. Der Mensch ist von Gott jedoch nicht allein gelassen, er hat die Entscheidungsmöglichkeit aus freiem Willen, den die göttliche Liebe schenkt, die Herrschaft der Kutsche Gott anzuvertrauen, zurückzuschenken.

Jesus und damit das Christentum nennt dieses Zurückschenken Umkehr, Umdenken. Die Herrschaft über den Wagen wird aus freien Willen dem ursprünglichen Erbauer und Besitzer des Wagens zurückgegeben. Das Ego, das Selbst des Menschen, kann somit seine Endlichkeit, seine Begrenztheit, verlassen und wieder in die Unendlichkeit, die Alleinheit des Reiches Gottes eintreten, für das es eigentlich geschaffen.

Damit verbunden ist die erschütternde Erkenntnis der menschlichen Unvollkommenheit, seiner Sündhaftigkeit, ein geradezu traumatisches Erlebnis. Darüber hinweg hilft jedoch die göttliche Liebe, die sich durch diese Sündhaftigkeit nicht schrecken lässt, immer zuerst liebt und weiterliebt, so dass im Menschen in dieser persönlichen Beziehung mit Gott das Vertrauen und die Hoffnung wachsen kann, Fortschritte zu erlangen, die nicht allein für die Ewigkeit, dem Ende des Weges, Geltung haben, sondern bereits im Leben Freude und Frieden ermöglichen. Denn Jesus ist nicht nur der Anfang und das Ziel unseres Weges, er ist der Weg selbst, den er mit uns in seinem göttlichen Frieden und seiner göttlichen Freude und Liebe gehen will.

Im Christentum werden, wie im Hinduismus durch Yoga, neben der sorgfältigen Pflege des Leibes, welcher schließlich der Tempel Gottes ist, auch geistige Übungen (Exerzitien) gelehrt, damit diese Unterscheidung der Geister, welche die Sinne beeinflussen, und das Erkennen des richtigen Wegs gelingen. Diese christlichen Meditationen sind keine Reduzierungen des ganzen Menschen, wie manche fernöstliche Philosophien es praktizieren, indem sie das Bewusstsein verändern wollen, sondern gerade die ganze individuelle menschliche Persönlichkeit soll im vollen Bewusstsein in das göttliche Licht treten wollen.  Gott, der Beziehung will, achtet die Würde des Menschen, in dem er ihn ganz, ungeschönt, in seiner ganzen Blöße, annimmt.

Der letzte Schritt, im göttlichen Licht und dessen Erkenntnis verweilen zu können, wird nicht zur Last des Menschen, sondern ist Gnade Gottes. So erhält der Mensch die Sicherheit, keine falschen, dämonischen Erkenntnisse vermittelt zu bekommen, die er durch seine Unreinheit als Wahrheit betrachtet. Im Gegensatz zu fernöstlichen Lehren, ist nämlich im Christentum nicht ein Mensch, das Ego selbst oder ein Guru der Lehrmeister, sondern Gott selbst. Er kennt den Menschen als Individuum, wie kein anderer, ja besser als man sich selbst, und kann so die rechten Schritte, Fortschritte, Prüfungen und Gnaden wirken, um jeden Menschen auf dem besten und gefahrlosesten Weg zu ihm zu leiten.

Christsein heißt demnach: Die innere Anweisung des wahren „Herrn der Kutsche“ zuzulassen und damit recht mit seinem ganzen Sein umzusetzen.

 

S.D.G.

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