Fragen machen fromm

Solange ein Mensch noch Fragen stellt, bestätigt er seine Existenz mit einer ursprünglichen Frömmigkeit. Wer eine Frage stellt, weiß einerseits um einen Gegenstand oder Sachverhalt nicht alles, andererseits schließt sie doch ein bereits vorhandenes Wissen ein. Denn man weiß ja, warum und wonach man fragen sollte. Und bevor man eine Frage stellt, steht der Willensakt, der den Menschen öffnet, aus sich heraustreten lässt. Das menschliche Denken ist ein fragendes Denken, der Mensch eine fragende Existenz. Die mögliche Unbegrenztheit des Fragens hat Weite und Tiefe. Die Bewegung zielt letztlich auf das Sein und ein Ziel hin. Das Fragen des Menschen will eine Sehnsucht stillen, einen Grund ohne weiteren Grund zu finden, die absolute Wahrheit in der Wirklichkeit, eine Unbedingtheit. Alles fragen will letztlich Chaos überwinden und eine paradiesische Ordnung schaffen. Die Natur der Frage sucht den Sinn in der Absolutheit, sie will z.B. den Naturgesetzen auf den Grund gehen, denn diese sind besonders von einem Sinn abhängig.

Doch einen Sinn kann nur ein sinnstiftender Geist geben. Das Absolute weist auf das Transzendente hin, einen Geist, der über den Menschen hinausgreift. Das Absolute kann keine Fähigkeit oder Eigenschaft eines anderen Seienden sein. Es muss für sich als Subjekt selbstständig stehen. Ein selbstständiges Subjekt geistiger Natur wird in der philosophischen Tradition Person genannt.

Per-sonare bedeutet „durchtönen“. Es tönt das Sein der Dinge hindurch. Was durch die Lichtbrechung eines ins Wasser gehaltenen Stabes, durch die Sinne beobachtet, geknickt erscheint, wird durch den Geist, der erkennt, gerade und bildet das Sein wirklich ab. Person ist ein Vorbegriff Gottes. Der philosophische Gottesbegriff meint die Absolutheit einer Person. Eine Person als Du, als ansprechbare Wirklichkeit. Das menschliche, suchende Fragen strebt letztlich auf dieses Du hin, sucht mit diesem den Dialog.

Alle monotheistischen abrahamitischen Religionen beinhalten diesen Gottesbegriff, sagen aber auch noch mehr aus: Die göttliche Person geht auf den Menschen zu, tritt in ein Verhältnis mit ihm ein. Das wesenhafte Streben des Menschen ist nur möglich, wenn man sich vom Erstrebten angesprochen weiß. Das Fragen ist nur möglich, weil das Absolute, durch alle menschliche Begrenztheit hindurch, den Menschen anspricht, bewegt, zieht, wirkt, und damit seine Wirklichkeit bezeugt.

Das Hinstreben zum Absoluten in der Frage wird somit zu einer Reaktion auf das Anrufen Gottes, es wird zu einem Dialog, ja zum Gebet. Die Wirklichkeit Gottes kann so in die Begrenztheit des menschlichen Verstandes begrenzt eingehen und zugleich unbegrenzt über ihn hinaus in die Transzendenz. Dies macht erst das Wesen des Fragens und des fragenden Denkens aus.

Das Erkennen Gottes wird zu einem Wissen durch das Nichtwissen (Nikolaus von Kues), welches das Fragen anregt. Es ist eine Annäherung durch Abstand. Und dies ist das Wesen der Frömmigkeit, eine auf das Göttliche sich richtende geistliche Bewegung. Das Fragen der menschlichen Existenz offenbart eine Art von Urfrömmigkeit. In dieser Hinsicht ist Spiritualität im Wesen jedes Menschen verankert.

Aber in der Wirklichkeit der postmodernen Zeit ist das Verhalten des Menschen gegenüber Gott mehr skeptisch, sogar atheistisch. Jene These, dass der Mensch fragend auf Gott trifft, scheint heute nicht mehr zu gelten. Anstelle des Schöpfergottes rückt im technischen Zeitalter der Mensch selbst. Diese Geisteshaltung der Technisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Es ist die Intension, die Erfahrungswirklichkeit zu objektivieren, zu beherrschen und umzugestalten.

Die Zerteilung des Ganzen in immer kleinere Teile, um diese zu verändern und zu beeinflussen, beeinträchtigt den Überblick über das Ganze. Diese Funktionalisierung einzelner Teile geschieht im physikalischen Bereich ebenso, wie etwa im biologischen und psychologischen. Durch Soziotechnik versucht man neue Formen von Gesellschaft und Verhalten aufzubauen, wie etwa in Wirtschaft und Politik, ja sogar in der Biologie. Technik bietet sich als weltgeschichtliches Ereignis dar, in der die gesamte materielle Wirklichkeit und soziale und psychologische Dimension vom Menschen in den Griff genommen wird und für seine Zwecke disponiert.

Definierte man sich einst vielleicht durch Herkunft, Bildung, Leistung, tritt nun hinzu, dass man Funktion erhält, sie sich nimmt, sogar seine Identität umfunktioniert. Deshalb wird sowohl Gesundheit als auch der Mensch selbst einer permanenten Selbstoptimierung unterzogen. Der Mensch wird technisiert und lässt dies durch Technik überwachen.

In dem der Mensch das Schöpfungsgeschehen selbst in die Hand nimmt, erhebt er sich erst zum eigentlichen Herrn der Welt. Das Sein der Antike entsprang einer Vielzahl von Göttern, im Christentum aus dem einen Schöpfergott, in der technisierten Postmoderne gibt sich der Mensch selbst das Sein, sein Geschick, sein Schicksal. Doch verliert die Natur der Frage damit ihre Frömmigkeit?

Sie bleibt verdeckt bestehen unter dem Zustand der Allmacht, in der der Mensch sich nun wähnt. Doch eben diese Allmacht ist im Dasein wenig verlässlich, ist bedroht von Gefahren und Untergang. Man wird hineingehalten in das Nichts (Martin Heidegger). Es ist die Angst und die Sorge des Menschen, die dieses Nichts offenbart, sie sind Bestandteile seiner Existenz. Dann wird das Sein nicht als bergender und tragender Grund erfahren, sondern dass am Grunde des Seins das Nichts wartet. Der Mensch kann dem nur in einer existenziellen Hoffnung standhalten.

Die rasante Entwicklung der Technik erhöht auch ihr zerstörerisches Potential. Diese Entwicklung erzwingt geradezu eine Evolution der moralischen Verantwortungskultur. Will der Mensch überleben, muss diese Moral mit dem Fortschritt der Technik Schritt halten. Die Zukunft könnte zeigen, dass die Freiheit des Menschen nur mehr daraus besteht gut zu sein oder überhaupt nicht mehr zu sein.

Diese Erkenntnis nimmt bereits Gestalt an: menschliche Nachlässigkeit verschmutzt die Natur und generiert gleichzeitig immer größere Anstrengungen, sie zu schützen. Gleiches geschieht bei Erderwärmung und Klimawandel, im Umgang mit Minderheiten und Ausgrenzung. Allerdings wird das gut sein dann nur zu Moralismus, wenn wiederum am Grunde des Seins, das man anstreben will, nur das Nichts wartet. Dann ist das gut sein zum Selbstzweck geworden und schöpft aus keiner Liebe.

Doch das Emporwachsen von Verantwortung rückt das Göttliche erneut in den Horizont menschlicher Erfahrung ein. Verantwortung bedeutet, ganz und gar ins Antworten gestellt zu sein auf den Anruf aus einer tiefen Wirklichkeit. Dieser ist mit seiner Unbedingtheit ein Ruf des Unbedingten selbst. Es zeigt sich die tragende Majestät des Göttlichen, das den Menschen begleitet.

Angst und Sorge sehnt sich nach Geborgenheit. Dies ist nur möglich, weil im verschütteten Teil der Seele noch etwas von einer absoluten Geborgenheit weiß. Das ist des Menschen einst paradiesischer Zustand. Das absolute Sein ist der bergende Grund. Diese anfängliche Berührung mit einer ursprünglichen Geborgenheit im Sein zeigt sich auch in Märchen, Sagen und Mythen.

Hier tritt gleichfalls der ursprüngliche Grund der Freiheit des Menschen hervor. Freiheit ist letztlich keine Wahlmöglichkeit zwischen Gut und Böse, sondern die Befreiung hin zum Guten. Die Wahl des Bösen ist immer Missbrauch der Freiheit, sie macht abhängig und mindert die Wirklichkeit der Freiheit. Durch gute Handlung hingegen wächst die Freiheit.

Ethisches Handeln erweist sich als kreativ, weil es aus jener kreativen Liebe entspringt, die dem Menschen vorausgeht. Ethisches Handeln gründet in einem im Gewissen erfahrenen unbedingten Anspruch, der vor allen unbedingte Gerechtigkeit fordert. In der Antwort auf diesen Anspruch wird der Mensch zum Partner seines Schöpfers, vollendet im Dialog mit Gott dessen Schöpfung.

Eine metaphysische Stille scheint somit der Durchgang des Menschen der Postmoderne in Skeptizismus und Atheismus zu sein, eine Annäherung an Gott durch Abstand. Der Mensch erkennt immer mehr seine Begrenztheit, die jedoch durch Technisierung stetig Macht und Potential zu seiner Vernichtung erhält. Das Leben wird unsicherer, immer weniger beständiges ist da, an das und in das man sich geborgen klammern kann. Selbst Familie und die Natur des Menschen werden zur Disposition gestellt und lassen die menschliche Seele verunsichert zurück.

Das Leid, das daraus entsteht, ist der Weckruf Gottes. Er vermittelt Gott als bergenden Grund in aller Ungeborgenheit, welcher eine neue Freiheit schenkt. Es ist der Frieden, den Gott dem Menschen schenkt, wenn er ihn für das Gute befreit. Theologisch betrachtet geschah dies historisch durch den Kreuzestod und die Auferstehung von Jesus Christus, Gottes Sohn. Der Weg in die Freiheit, die Gott dem Menschen schenkt, wird durch das weitere Fragen gewiesen. Und jede Frage führt entlang dieses Weges in die endgültige Heimat des Menschen.

 

S.D.G.

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