Christentum: die Erlösung der Zeit

Im paradiesischen Zustand war der Mensch nackt und er schämte sich nicht. Der paradiesische Zustand war zeitlos, die Nacktheit des noch nicht vom Tod bedrohten Menschen ließ keine Verschleißsymbolik einer Kleidung zu. Die Ewigkeit als ständige Gegenwart hat alle Erkenntnis und Wahrheit in sich vereint und offenbart, auch die Selbsterkenntnis des Menschen, der weiß, wer er ist und nicht ist, nämlich Gott, und da nichts ist, wofür er sich zu schämen hat. Denn keine Sünde, keine Abkehr vom Ewigen hat im absolut Ewigen seinen Raum und Bestand.

Der Mensch tritt durch die Abkehr vom Ewigen vom paradiesischen Zustand aus in die Zeit ein, die Geschichte und Tod hervorruft. In jedem Menschen verbleibt jedoch jene Sehnsucht nach dem Paradies als eine Urerinnerung an Unsterblichkeit und Einheit mit dem Sein zurück. Dies nimmt auch keinen Menschen aus, der im Glauben an Jesus Christus seine Erfüllung fand. Im Christen mag dadurch zwar der Verzicht sein, sich in Mythen und Archetypen als Erzählung von diesem paradiesischen Zustand sein geistiges Heil zu suchen, jedoch verzichtet er keineswegs darauf, was all die Symbole und Mythen für den beseelten Menschen und für den Mikrokosmos bedeuten und bewirken.

Durch das Leben von Jesus Christus in der Geschichte, in der Zeit, fand auch eine Evangelisierung aller Gefühlskräfte statt, die der Mensch in den großen Bildern etwa von Sonne, Mond, Wald, Wasser, Meer usf. empfindet. Die Inkarnation Gottes in seinem Sohn ist nicht nur Fleischwerdung Gottes, sondern ebenso eine Erlösung des kollektiv Unbewussten hin zu seiner Vollendung. Christus ist auch in diese Hölle der ungeordneten Sehnsüchte und Wünsche hinabgestiegen. Wie sonst könnte der Heiland auch das von ihm bewirkte Heil des Unbewussten erreichen, wenn er nicht dessen Sprache der Mythen und Archetypen spricht, sich nicht in diese Kategorien hineinbegibt?

Die Geschichte des Menschen ist auch eine Geschichte seines kollektiv Unbewussten, das er in Symbolen und Archetypen durch seine Geschichte trägt. Dieser Geschichte gelingt es nicht, die Struktur der immanenten Symbolik von Grund auf zu ändern. Sie mag zwar unaufhörlich neue Bedeutungen hinzufügen, doch diese zerstören nicht die Struktur des Symbols.

Suchen wir Beispiele, so finden wir etwa das Symbol des Weltenbaums, der in vielen alten Kulturen von Beginn an eine Facette ihres Gefühlslebens ausdrückte. Das Christentum nimmt dieses Symbol auf und es wird zum Kreuz, gefertigt aus dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Das Bild des Weltenbaums hat sich darin sogar erstaunlich gut erhalten. In Sprüche 3:18 ist er Sinnbild der Weisheit, die für jeden ein Lebensbaum ist, der danach greift. Für Juden ist diese Weisheit das Gesetz, für Christen der Gottessohn. In Daniel 4:7-15 beinhaltet der Traum des Nebukadnezar einen Baum, der mitten auf der Erde stand und sehr hoch war.

Liturgische und patristische Texte vergleichen das Kreuz mit einer Leiter, einer Säule oder einen Berg. All dies sind auf der ganzen Welt weitverbreitete Bilder für das „Weltzentrum“. Das Kreuz ist der kosmische Baum im Weltzentrum. Das Kreuz ist das Zentrum, welches die Verbindung mit dem Himmel bewirkt und auch in die Unterwelt hinab reicht. Durch jenen, der daran aufgehängt, der Heiland Jesus Christus, wurde in diesem Augenblick das ganze Weltall erlöst.

Der Begriff des Heils vervollkommnet all durch die Geschichte angesammelte Symbolik des Weltenbaums, die der unaufhörlichen Erneuerung und kosmischen Verjüngung, der universellen Fruchtbarkeit und Heiligkeit, der absoluten Wirklichkeit und zuletzt der Unsterblichkeit. Dem Kreuz kommt es nun zu, all die Wertgehalte und Bedeutungen des Weltenbaums zu krönen. Wichtig ist, dass sich diese neue Sinngebung durch ein geschichtliches Ereignis durch die Leiden einer historischen Person, Jesus Christus, vollzogen hat. 

Ein anderes sinnbildliches Beispiel ist der Abstieg in die Unterwelt. Schon früheste geschichtliche Belege sprechen vom Schamanen, der diese Reise antritt. Orpheus vollzog sie und nicht zuletzt Jesus. Doch ist dieser als Gottes Sohn nicht mit den anderen menschlichen Heilsbringern gleichzusetzen. Das Motiv der Höllenfahrt in die Unterwelt jedoch bleibt immer dasselbe: sie wurde um das Heil einer Seele willen unternommen. Bei Jesus als Sohn des Absoluten konnte diese Reise nur zum Heil der gesamten Menschheit, aller Seelen, dienen. Sein Tod und seine Auferstehung sind nicht eine Vervollkommnung einer schon errungenen Initiation, sondern dienen dazu, eine Seele, die Seele der Menschen zu erlösen. Der symbolische Tod eines Schamanen mag seine persönliche geistige Vollendung sein, das Erringen seiner Unsterblichkeit, eine Vervollkommnung erhält diese Symbolik jedoch im Tod um das Heil anderer willen.

Auch die Himmelfahrt des Herrn von einem Berg aus nimmt das Bild einer Erhebung auf, dessen Wurzel ein mystisches Erleben sein mag, das stets eine Himmelfahrt einschloss. Die Kirchenväter beschreiben das mystische Leben als Heimkehr ins Paradies. Dort hatte der Mensch die Herrschaft über die Tiere, ein Vorrecht, das ebenso der Schamane und Orpheus besaß. Ihre Rückkehr ins Paradies vollzieht sich in der Ekstase, diese ist Ursache und Folge der Erringung eines paradiesischen Zustands. Ein im Glauben an den Herrn erlöster Mensch kann durch sein ebenso erlöstes kollektives Unbewusste diesen paradiesischen Zustand auch ohne Ekstase, bei vollem Verstand, mit ganzer Seele erreichen, weil die Bewegung nicht mehr vom Menschen hin zu Gott gehen muss, sondern Gott sich dem Menschen einverleibt. Erst diese Gottesbegegnung führt zur Ekstase beim Anblick der Herrlichkeit Gottes.

Doch eine Bedeutung vom Bild der Erhebung muss als universell anerkannt werden: die mystische Erfahrung von Christen und Nichtchristen will immer der Wiedererringung der Seinsweise des ursprünglichen Paradieses dienen. Die Sehnsucht zur Heimkehr ins Paradies ist kein von Gott bewirktes Zufallsereignis, sondern eine universelle Gegebenheit, eine unterbewusste Sehnsucht des Menschen und unzweifelhaft von hohem Alter. Der Erfolg des Christentums mag auch daher rühren, dass es die unterbewusst verstandene Symbolik der Menschheit aufnahm, vollendete, sich dadurch leicht zugänglich machte. Ein Christ weiß von dieser Sehnsucht, welche aus der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott herrührt, letztlich die Vollendung seiner Natur als unsterbliche Seele, seiner Schaffung für die Ewigkeit, für die Liebe, all das, was seine eigentliche Menschenwürde ausmacht.

Bei vielen Nichtchristen entstand und entsteht der Eindruck, das Christentum habe zu vorherigen Religionen tatsächlich Neues gestiftet. Ein dem Christentum aufgeschlossener Hindu wird deshalb feststellen, dass die erregendste Neuerung die Aufwertung der Zeit ist und letztlich im Heil der Zeit und der Geschichte besteht. Man entsagt der Umkehrbarkeit der zyklischen Zeit. Denn in der Zeit ist im Sohn Gottes eine unumkehrbare Zeit erschienen, diese Hierophanie lässt sich nicht wiederholen oder rückgängig machen. Durch ihn und sein Leben erhielt jeder Augenblick eine unendliche Fülle, es fand die Ontologisierung der Zeit statt. Der Zeit glückte es, ein Sein zu haben, was bedeutet, dass sie nie aufhört zu werden, dass sie sich in Ewigkeit verwandelt. So wird die Zeit zur Erfüllung aufgrund der Fleischwerdung des göttlichen Wortes. Diese Tatsache veränderte die Geschichte.

Das jüdische Christentum ist aus religionsgeschichtlicher Sicht die erhabenste Hierophanie. Es ist die Verwandlung des geschichtlichen Geschehens in Heilsoffenbarung. Es ist keine Heiligung der Zeit, denn eine heilige Zeit ist allen Religionen vertraut. Gott greift nicht nur in die Geschichte ein, wie es im Judentum der Fall war, er verkörpert sich in einem geschichtlichen Wesen, um eine geschichtlich bedingte Existenz zu erleiden. Damit wird das geschichtliche Geschehen überhaupt erlöst im eigenen Dasein von Jesus, indem ihm ein Höchstmaß an Sein zugestanden wird. Das Christentum bemüht sich demnach die Geschichte zu erlösen, auch in dem sie den immerwährenden Strom von Symbolen und Bildern im kollektiven Unbewussten erlöst, sie aufbricht hin zur Ewigkeit.

Der Christ ist nach der Fleischwerdung Christi (auch in sich) nicht mehr allein Ergründer des Eingriffs Gottes ins Weltall, bei der er kosmische Hierophanien, Bilder und Symbole zu Hilfe nimmt, sondern auch der Ergründer göttlichen Einwirkens auf die Ereignisse der Geschichte. Was sich vor Jesus eindeutig als Wunder offenbarte, hat nach seiner Ankunft weder Sinn noch Nutzen. Deshalb unterscheidet die Kirche auch die Naturen von Wunder, indem sie sie als Magie erkennt, Dämonen zuschreibt, oder als von Gottes Gnade gespendete Wunder.

Die Inkarnation Gottes in das zeitliche menschliche Fleisch heiligte also die Geschichte. Wenn ein Christ bei der katholischen heiligen Messe die Liturgie vollzieht, dann setzt er sich zurück in jene Zeit des Pontius Pilatus, in der Jesus Christus lebte, starb und auferstand. Doch im Gegensatz zu vorchristlichen Vorstellungen ist dies keine mythische Zeit mehr, sondern eine in der Geschichte reale Zeit. Das Christentum führt zu einer Theologie der Geschichte, nicht zu einer Philosophie der Geschichte. Denn die Eingriffe Gottes in die Geschichte, vor allen seine Inkarnation, haben ein überhistorisches Ziel: das Heil der Menschen.

Der Historizismus ist somit ein Zerfallsprodukt des Christentums. Er gesteht zwar dem historischen Ereignis eine entscheidende Bedeutung zu, aber nur dem historischen Ereignis als solchen, indem er ihm nämlich jede Möglichkeit zur Offenbarung einer heilsgeschichtlichen, transhistorischen Intention abspricht. Die Zeitbegriffe historizistischer oder existenzialistischer Philosophien haben zwar nicht mehr den Kreis, die ewigen Wiederkehr von Geburt und Wiedergeburt oder von immer denselben Zeitgeschehnissen in ihrer Vorstellung, aber die Zeit besitzt in diesen modernen Philosophien denselben schrecklichen Aspekt, wie in den indischen und griechischen Philosophien: endgültig entsakralisiert, zeigt sich die Zeit als schwankende und schwindende Spanne, die unaufhaltsam zum Tode führt.  

Der Christ ist dazu angehalten, sich jedem geschichtlichen Ereignis „mit Furcht und Zittern“ zu nahen, denn in seinen Augen kann auch das banalste historische Ereignis, selbst wenn es weiterhin „real“ bleibt, also historisch bedingt, einen neuen Eingriff Gottes in die Geschichte verhüllen. Allerdings ist dies keine Furcht vor Strafe, sondern Ehrfurcht vor dem Höchsten, der immer, das muss mitgedacht werden, bei all den Ereignissen, auch der Gott der Liebe ist. Jedes Geschehen in der Zeit erhält einen Sinn, der durchaus letztlich aus Liebe besteht oder ihr Bahn bricht, auch wenn scheinbar das menschlich Böse oder Unerklärliche es verursacht. Die Zeit führt am Ende nicht hin zum Tod, sondern wird durch ihn aufgehoben und in Ewigkeit im Heil verwandelt. So wird Zeit wertvoll, weil sie der religiöse Mensch mit Sein erfüllt und damit real wahrnimmt. Ein gläubiger Mensch ist somit erst ein realistischer Mensch.

Das Christentum schaltete sich durch Gott in die Geschichte ein, um sie aufzuheben, sie erhält Ziel. Die große Hoffnung des Christen ist die zweite Wiederkunft Christi. Sie bereitet jeder Geschichte ein Ende, ja der Geschichte jedes einzelnen Christen ein Ende. Dieses Ende und die darauf folgende Ewigkeit sind jedoch das wiedergefundene Paradies. All dies findet von jetzt ab statt. Diese Zeit wurde von Jesus verkündet als Reich Gottes und ist bereits zugänglich. Damit hat die Verwandlung der Zeit in die Ewigkeit mit dem ersten Menschen, der an den Herrn glaubte, begonnen. Als Christ wird man seitdem gefordert ein Zeitgenosse Jesu zu werden, als konkrete und zutiefst angenommene Existenz in der Geschichte, als auch eines Lebens, das sich als Zeitgenosse weiß, des Lehrens, des Leidens und des Sterbens Christi. Und seiner Auferstehung.

S.D.G.

Werbung

Hier kannst du kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Neue katholische Frauenbewegung

Was Er euch sagt, das tut!

Gut Katholisch

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Das hörende Herz

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Neuer Anfang

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Hagen Unterwegs

Schau in Dich - Schau um Dich - Schau über Dich

Katholisch? Logisch!

SPIRITOTROPH, HÄRETICOPHOB, ECCLESIOPHIL, HOSTIOPHAG

Stefan Oster SDB

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

JoBos Blog

Jobo72 war nur der Anfang

Recktenwalds Essays

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Wegbegleiter - Fährtensucher - Wellenreiter

In den Fußspuren des Rabbis - Gemeinsam unterwegs mit Christof Lenzen

Auf dem Weg

Pfarrer der Kath. Stadtpfarrei St. Jakob - Schwandorf

Frischer Wind

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

%d Bloggern gefällt das: