Melchisedek

Man trifft den Namen Melchisedek erstmals in Gen 14:18-20, an, wobei diese Szene inhaltlich mit dem übrigen Text nichts zu tun hat. Es ist dabei kein ungewöhnlicher Name. In Jos 10:1 wird ein „Adoni-Zedek“ als König von Jerusalem erwähnt. Übersetzt heißt Melchisedek „Der König von der Gerechtigkeit“ oder „Mein König ist Gerechtigkeit“. Auf die Gottheit bezogen auch: „Mein König ist (der Gott) Zedek“. Melchisedek hat dabei eine zweifache Funktion: Er ist König von Salem, was mit Jerusalem identifiziert wird, die Stadt der Gottheit Shalim (die Deutung „Stadt des Friedens“ ist eher volkstümlicher Natur), und ist als König auch Priester.

Seine Priesterschaft gehört „dem Höchsten Gott“, El Eljon. Dies ist eine vor- und außerbiblische Gottesbezeichnung, die den Göttervater meint, der über allen thront. Die Gottesbezeichnung „Baal“ hingegen vertritt jenen Typ Gott, der für das Werden und Vergehen, das Absterben und Auferstehen zuständig ist. Dieser geht selber in die Natur ein, stirbt mit ihr ab und steht mit ihr wieder auf. Es ist der diametrale Gott zum Glauben an YHWH, den Gott Israels. Ihn kann man ohne große Probleme mit El Eljon in Einklang bringen, denn auch YHWH steht über allen, ist Schöpfer des Himmels und der Erde, steht also souverän über den Abläufen der Natur.

Melchisedek bringt „Brot und Wein“. Dies ist eine singulare Redeweise und zeigt die bedeutende Rolle von Brot und Wein schon von Urzeiten an im Alltag der Menschen. Beides sind Bestandteile von Opferarten, Mengen von Wein sind auch Zeichen der messianischen Zeit. Die Verbindung zum Segen und der (semantisch) feierliche Kontext verweisen in eine eher göttliche Sphäre. Abraham wird hier in die Gemeinschaft mit dem Höchsten Gott aufgenommen. Er wird zum Gesegneten des El Eljon, der sichtbar durch seinen Priester, des Königs von Salem, vertreten wird. Abraham gibt dabei eine Gegengabe, den Zehnten, also 10 % seiner Erträge. Es ist das übliche Maß einer Steuer und die im Gesetz verankerte Abgabe in Lev 27:30 ff. wird auf diese Begebenheit zurückgeführt.

Melchisedek wird zudem im Psalm 110:4 erwähnt. Der Text handelt von der Einsetzung des Königs und seine Aufgaben. Die Überschrift des Psalms lässt annehmen, dass der davidische König gemeint ist. Im Text schwört der Herr und es reut ihm. Im biblischen Sprachgebrauch geht es dabei um die Gültigkeit und Unwiderruflichkeit einer Zusage. „Schwören“ und „nicht Reuen“ sind ein sich verstärkender Parallelismus.

Im Psalm wird dem König ebenso das Amt des Priesters zugesprochen, was nicht ungewöhnlich ist. Das Auseinanderdriften der Funktionen in späterer Zeit mag die Folge der praktischen Vollzüge gewesen sein. Interessant ist die Formulierung „nach der Ordnung (nach der Weise) des Melchisedek“. Der Psalm enthält hier also eine bedeutsame geschichtliche Erinnerung an Gen 14. Jerusalem war im Zuge der Landnahme von der totalen Besiedelung ausgenommen. Sie gehörte nicht zu einem Stamm, sie bleibt eine Enklave der Jebusiter. Erst David hat sie eingenommen (2Sam 5:9). Er ließ auch die Bundeslade hierher bringen (2Sam 6).

Auch vor David, so ist anzunehmen, gab es in Jerusalem unter den Jebusitern einen Kult für den Höchsten Gott El Eljon. Dessen Priester war unter anderen ein Melchisedek. David hat diese Form des Kultes übernommen, da El Eljon leicht mit dem Gott des Stammesverbands identifiziert werden konnte. Seit dem steht jeder jerusalemische Priester in der Nachfolge des Melchisedek. Es ist ein Priestertum „auf ewig“ (hebr. „für Zukunft“, „für Dauer“), wie es im Neuen Testament noch einmal besonders hervorgehoben wird.

Innerhalb des Alten Testaments spielt das Priestertum des Melchisedek zugunsten des levitischen in der Gestalt des Aaron, eigentlich keine Rolle mehr. Es handelt sich also um eine religiöse Übernahme oder Verschmelzung, wie sie auch später im „Christlichen“ geschieht, wenn Advents- und Weihnachtsbräuche oder Bittprozessionen, die ursprünglich nichts mit dem „Christlichen“ zu tun haben, aus heidnischen Flurprozessionen übernommen werden.

Eine besondere Rolle erhält Melchisedek dann im Hebräerbrief des NT. Er ist zwischen 80-90 verfasst worden. Die Situation der Heidenchristen wird hier als Parallele zum wandernden Gottesvolk des AT gesehen. Dort spielte das Heiligtum (Zelt) und der priesterliche Kult eine wesentliche Rolle. Hier vor allen das Sühne-Opfer, in dem das Volk durch das Blut eines Stieres und Ziegenbocks gereinigt wird. Im Hebräerbrief wird dargestellt, dass Christus unmittelbar von Gott kommt und über allen steht. In seiner Person, seinem Menschsein, dem Kreuz und seiner Erhöhung, wurde das levitische Priestertum und der Kult aufgehoben, weil beides ein für allemal durch ihn vollendet wurde. Nun ist Jesus Hohepriester und Opfer, das durch sein Blut ein für allemal Versöhnung erwirkt hat.

Melchisedek steht über Aaron, ist ein Vorläufer, der im Typus im AT bereits auf Christus hinweist. Seine Gestalt ist den Adressaten des Hebräerbriefs bekannt. In ihm kann gut erklärt werden, dass Christus die unüberbietbare und reale Erfüllung dieses Vorbilds ist. In Hebr 7:1-10 wird dies in den einzelnen Punkten aufgelistet, womit in überlegener Weise auch eine Aussage über Christus, dem Sohn Gottes, vermittelt wird:

  1. Melchisedek ist Priester und König
  2. Sein Name bedeutet Gerechtigkeit und Frieden
  3. Sein Ursprung liegt „oben“. In Gen 14 wird kein Stammbaum erwähnt, weshalb er im Hebräerbrief – wie der Sohn Gottes – keinen Anfang und Ende hat, er lebt
  4. Er ist Priester für immer, von Gott selbst mit einem Schwur eingesetzt
  5. Abraham ist der Niedrigere, er gibt den Zehnten. Das priesterliche Geschlecht (Aaron) stammt von ihm ab, ist demnach niedriger, als Melchisedek

Den Adressaten des Hebräerbriefs wird auf diese eindrückliche Weise dargestellt, dass der alttestamentliche Kult und das Priestertum aufgehoben wurden in der Person des Gottessohnes. Er vollendet beides und dies alles war bereits von Gott her im Plan der Heilsgeschichte so gedacht.

In der christlichen Tradition hat Melchisedek somit auch eine große Rolle. Man erkennt ihn stets als Vorbild für Christus. Die Kirchenväter setzen Brot und Wein in der Typologie mit der Eucharistie gleich. Im Ersten Hochgebet erhielt Melchisedek einen fixen Platz, wenn es heißt: „nimm unsere Gaben an wie einst … die heilige Gabe, das reine Opfer deines Hohepriesters Melchisedek“.

S.D.G.

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