Ritual, Symbol, Mythos

Rituale wecken Kräfte, stiften vor allem aber Identität. Deshalb erwirken sie Mut und Motivation für eine eigene Lebensgestaltung, ebenso in sozialen Gruppen entsprechend ihrer Ideale, mögen sie z.B. rein humanistisch, christlich oder politisch geprägt sein. Das Ritual vollzieht die Rhythmen von Raum und Zeit nach, bilden sie im menschlichen Erleben und Handeln ab und zwar auf individueller als auch sozialer Ebene.

Im ureigensten Sinn ist ein Ritual zuerst eine Inszenierung gegen den Zufall, dann aber auch Einordnung bis hin zum Zwang. Ebenso ist es Erschaffung von Sicherheit und Gewissheit, die dann im Vollzug des Rituals gewohnheitsmäßig wird. Das Alltagsleben zerfällt durch das vollzogene Ritual nicht mehr in unzusammenhängende Momente, sondern es erfährt Strukturierung durch ständige Wiederholung. Dies ist jene Sicherheit und Geborgenheit, welche im Ritual geschaffen werden.

Rituale heben sich also vom Alltagsleben ab, unterbrechen den Zeitfluss und das Raumgefühl durch Erschaffung einer Ausnahmesituation. Besondere Ritualräume in Kirchen, Logen oder Versammlungsstätten versetzen in ungewohnte Umgebungen, das gewohnte Leben jedes Individuums wird unterbrochen und eine je eigene Zeit eingesetzt. Dies ist der Verfremdungseffekt des Alltags durch das Ritual, das räumlich und zeitlich einen anderen Erlebnisraum schafft.

In diesem Ritualerlebnis werden Sinn und neue Sinnebenen, neuer Lebenssinn, nicht abstrakt, sondern konkret und körperlich erlebbar und zwar in Gemeinschaft. Das gemeinsame Erlebnis stiftet Gemeinschaft durch eine Identifizierung, die wiederum neue Identität ermöglicht. Etwa in der Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi in der hl. Eucharistie wird man gemeinsam Zeuge dieser neuen Sinnebene, die den irdischen Raum hin zum transzendenten öffnet und die eigene Identität gleich mit.

Zu beachten ist, dass Rituale ambivalent wirken können: Zum einen sind sie sozial identitätsstiftend, weil sie Gemeinschaft stiften, zum anderen grenzen sie diejenigen aus, die nicht zur Ritualgemeinschaft gehören. Diese bleibt dennoch offen für jeden, der sich mit der Sinnstiftung des Rituals und dem entsprechenden erleben daraus identifizieren möchte und kann.

Kritisch betrachtet können Rituale nur als wiederholte und dauerhafte Inszenierung von Identitätsstiftung verstanden werden, die eine entsprechende Haltung einüben möchten, oder man interpretiert manche Rituale als versteckte oder offene Zwangshandlungen. Hier zeigt sich erneut die Ambivalenz des Rituals. Denn zunächst erzeugen Rituale psychologisch einen Freiraum, da der Zwang zu Entscheidungen zeitweise aufgehoben wird. Das Ritual gibt die Abläufe vor und der Einzelne wird entlastet, wenn er sich rituellen Abläufen unterwirft, er muss nicht selbst etwas „machen“, das tut allein das Ritual. Deshalb sind beispielsweise in der Diplomatie Rituale wichtig, weil sie einen objektiven Raum des Respekts und der Vertrautheit schaffen.

Im religiösen oder spirituellen Kontext kann sich das Bewusstsein dann im Rahmen des rituellen Geschehens auf sich selbst zurückziehen. Es ist dies der Freiraum, wo man sich Gott, dem göttlichen oder einer höheren Macht im Gebet nähert. Doch natürlich erhält man diesen Freiraum nur, wenn man einen Teil seiner Freiheit aufgibt, indem man sich unter die Autorität des Rituals begibt, d.h. Abweichungen oder unzulässige Unterbrechungen des Rituals werden missbilligt und stören letztlich den rituellen Ablauf, das Erlebnis und die Wirkung. Die Freiheit entscheidet sich dabei jedoch positiv für etwas, so dass eine negative Haltung gegen etwas, welche entsprechende Gefühle auslösen würde, von Anfang an ausgeschlossen bleibt.

Wichtig im Ritual und auch sonst überall im täglichen Leben sind die Symbole, aber besonders im spirituellen Kontext. Die Symbolisierung ist Leistung des menschlichen Denkens schlechthin, denn sie ist das, was Kultur ermöglicht und den Menschen vom Tier unterscheidet. Als z.B. der Mensch erstmals durch Steinsetzungen Natur in Kultur verwandelte, schuf er sich zugleich ein Symbol. Als er in Stein ritzte oder auf ihn malte, gab er seinem inneren Bewusstsein, seinem Seelenempfinden, eine äußere Form und symbolisierte es gleichzeitig.

Durch das Symbol gelingt es dem Menschen einen Abstand zu seiner Gemütsverfassung zu erlangen, weil eine Abstraktion vom Sinneseindruck möglich ist. Symbole sind notwendig, um Orientierung wie auch die Verallgemeinerung von Ereignissen rituell zu repräsentieren. So wird das gewohnte Ereignis oder der alltägliche Gegenstand in einen umfassenden Rahmen gestellt.

Etwa im Kreuz, dem allsehenden Auge oder den Werkzeugen bei den Freimaurern, sind  nicht der abgebildete Gegenstand von erster Bedeutung, sondern ebenso die dahinter stehenden Aussagen des Symbols, die im Ritual zur Wahrheit führen. Symbole bilden hier tiefgreifende, im Unterbewusstsein des Menschen verankerte Gefühle und Werte ab, aktivieren aber auch die dementsprechende Handlungsbereitschaft.

Symbole und deren Verknüpfung zu Systemsymbolen bauen Strukturen und Ordnungssysteme auf. Sie schaffen dadurch einen erkenntnismäßigen und emotionalen Rahmen. Darin können die zufälligen Erlebnisse eingeordnet werden. Das Ergebnis ist, was wir Sinn oder Sinnstiftung nennen und dieser gibt dem Menschen Sicherheit und Geborgenheit, weil er aus der Sklaverei des Zufalls und der Willkür entlassen wird. So ist etwa die Aussage, dass im Kreuz das Heil ist, auch zu verstehen.

Dadurch stellt die Symbolisierung den aktuellen, aber auch den potentiellen Erlebnisraum in einen Rahmen, der Sinn ermöglicht und am Beispiel des Kreuzes auch die Liebe und das Gute als dessen Inhalt ausweist. Es entsteht eine Ordnung, die sinnvolles Leben durch die Liebe und das Gute vorgibt. Solche Ordnungssysteme sind dem Einzelnen einerseits durch Tradition vermittelt, können aber auch durch das Studieren des Symbols, der Anerkennung seiner Herkunft und Kultur, dem Ritual oder der Entdeckung eines Mythos in seiner Seele erworben werden. Symbol und Mythos sind jedoch nicht einfach nur da, sondern sie sind das Resultat kultureller Inszenierungen, die oftmals über Jahrtausende hinweg jenes im Menschen abbilden, was nie war und doch in der Seele ist.

Doch was ist dieser Mythos? Man versteht unter dem Begriff Mythos ganz allgemein Vorstellungen und Konzepte in Kulturen, die erzählerisch und begrifflich empirische, d.h. erfahrene Beobachtungen und imaginäre Deutungen derart verknüpfen, dass Zusammenhänge des Lebens auf einen Sinn interpretiert werden. Es ist ein Sinn, der dem einzelnen Menschen eine erkenntnismäßige und emotional nachvollziehbare Handlungsorientierung verleiht. Der Mythos vergegenwärtigt narrativ die im Ritual repräsentierte Ordnung.

Rituale, Symbole und der Mythos sind für den Menschen bestimmende Elemente. Sie geben eine Ordnung und sie zelebrieren das Erlebnis von Sinn. Sie inszenieren einen Sinnzusammenhang, um auf das Ganze zu verweisen. Sie sind gewissermaßen aus der menschlichen Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies entstanden, wo er sich noch als Teil des Ganzen, der ganzen Schöpfung als Einheit begriffen hat. Alles, was an Gefühl, Sicherheit, Geborgenheit und Ordnung in Ritual, Symbol und Mythos vermittelt wird, sind Reste jenes paradiesischen Zustands, in dem das Verbindende im göttlichen erkannt und behütet wurde. So wurde Gemeinschaft geschaffen.

 

S.D.G.

Werbung

Hier kannst du kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Neue katholische Frauenbewegung

Was Er euch sagt, das tut!

Gut Katholisch

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Das hörende Herz

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Neuer Anfang

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Hagen Unterwegs

Schau in Dich - Schau um Dich - Schau über Dich

Katholisch? Logisch!

SPIRITOTROPH, HÄRETICOPHOB, ECCLESIOPHIL, HOSTIOPHAG

Stefan Oster SDB

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

JoBos Blog

Jobo72 war nur der Anfang

Recktenwalds Essays

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

Wegbegleiter - Fährtensucher - Wellenreiter

In den Fußspuren des Rabbis - Gemeinsam unterwegs mit Christof Lenzen

Auf dem Weg

Pfarrer der Kath. Stadtpfarrei St. Jakob - Schwandorf

Frischer Wind

... katholisch unterwegs mit Blick auf das Hl. Land

%d Bloggern gefällt das: