Jesus: Messias – Menschensohn

Die ersten drei Evangelisten, die sogenannten Synoptiker, legen das Zeugnis ab, dass Jesus, der Messias, der Retter, der Heilsbringer und der Heilskönig ist. In Jesus sehen sie die alttestamentlichen Erwartungen erfüllt. Schon beim Auftritt von Johannes dem Täufer fragten die Volksmassen, ob er vielleicht der Messias sei. Der Greis Simeon im Tempel preist Gott, weil er mit dem Jesuskind auf dem Arm den Gesalbten des Herrn gesehen hat. Andreas und Philippus waren voller Freude, weil sie jenen gefunden haben, den das Gesetz und die Propheten verkündeten. Jesus selbst weiß sich als die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung, er ließ sich in der Synagoge die Schriftrolle geben und liest vor: „Der Geist des Herrn ist auf mir, denn er hat mich gesalbt; Armen frohe Botschaft zu bringen, sandte er mich, Gefangenen Befreiung zu künden und Blinden das Augenlicht, Gequälte zu entlassen in Freiheit und auszurufen ein Gnadenjahr des Herrn“ (Lk 4:18-19). Dann legt er die Schriftrolle beiseite und nimmt selbst in Anspruch die Erfüllung dieser alttestamentlichen Verheißung zu sein. Gerade deshalb ist die Tatsache erstaunlich, dass Jesus sich in der Regel nicht als Messias bezeichnet hat.

Im Gegenteil: Als ihm diese Bezeichnung gegeben wurde, hat er sie abgewehrt. In Kafarnaum heilt Jesus einen Besessenen und der ausgetriebene Dämon ruft: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!“ (Mk 1:24c), aber Jesus ließ ihn unter Drohung verstummen. Ähnliche Stellen gibt es in großer Zahl, vor allem im Markusevangelium. Jesus wollte demnach nicht, dass es bekannt würde, er sei der Messias, obwohl er es war, und das hatte konkrete Gründe.

Die Messiasvorstellungen seiner Zeitgenossen waren nämlich verderbt, pervertiert. Im AT erfährt man von einem Messias, der das Heil bringt, aber die Volksmassen hatten diese Messiasvorstellung vergröbert, ins Irdische eingebunden, sogar vernationalisiert. Die jahrhundertelange Unterjochung unter fremde Mächte ließ die Messiasvorstellung auf die politische Ebene geraten. Ihr Messias sollte sie nun allein von der Fremdherrschaft befreien und ein im verklärten Glanze gesehenes Reich Davids wieder aufrichten. Deshalb erkannten die Volksmassen auch nicht das wahre Wesen Jesu. Die Pharisäer noch weit weniger, denn sie waren ja die Träger dieser Vorstellung, wehrten sich gegen die Botschaft des Herrn und vergifteten das Volk mit nationalistischer Propaganda. So wandten sich viele im Volk von Jesus ab, verbittert und enttäuscht.

Auch die Jünger Jesu, seine Vertrauten, hatten Mühe das wahre Messiasverständnis zu gewinnen. Zwar hatte Petrus einmal als ihr Sprecher Jesus als den Messias bekannt und Jesus pries ihn deshalb selig, weil nicht menschliches Nachdenken und Lesung der Schrift ihn dazu brachte, sondern eine Offenbarung Gottes, aber dennoch: die Jünger stritten trotzdem darum, wer einmal in Gottes mächtigem Reich an den ersten Plätzen sitzen werde. Dies ist teilweise dieselbe Messiasvorstellung, wie sie ihre Zeitgenossen hegten.

So ist es verständlich, warum sich Jesus in der Öffentlichkeit nicht als Messias anreden ließ. Er wollte das Missverständnis vermeiden, er wäre der politische Heilsbringer, er hätte eine Sendung, um das Volk irdisch zu befreien. Jesus befreite sie auch, aber aus einer weitaus tiefer gehenden Knechtschaft, als die politische, nämlich aus der Sklaverei der Sünde. Und wie hat Jesus sich selbst bezeichnet?

Er nannte sich Menschensohn. Die Bezeichnung stammt ebenso aus dem AT und zwar aus dem Buch Daniel. Dieser war ein großer Seher, Gott gab ihm Visionen über die ganze Welt und die Heilgeschichte. Daniel sah vier Weltreiche, vier widergöttliche Mächte in Tiergestalten. Sie sind unmenschlich, widergöttlich und kommen aus der Tiefe empor, das Symbol für das Niedere, Böse, Gemeine. Doch diese vier Reiche, symbolisiert in Tiergestalten, werden besiegt und es folgt das messianische Reich.

Dieses Reich kommt nicht in Tiergestalt, es kommt menschlich, in Menschengestalt. „Ich schaute in den Nachtgesichten, und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer, der aussah wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. lhm verlieh man Herrschaft, Würde und Königtum; alle Völker, Stämme und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft, sein Königtum wird nie zerstört“ (Dan 7:13-14). Hier kommt also das Königtum zur Sprache, die Herrschaft Gottes. Der Träger, der Repräsentant von beidem ist der Menschensohn. Dieses Bild des Menschensohns mag zunächst auf das messianische Volk gehen, aber ein Volk kann nicht ohne Herrscher, ohne König sein, und deshalb ist dieser Menschensohn auch auf eine individuelle persönliche Deutung hin offen. Das Bild muss genauso intensiv kollektiv verstanden werden, wie individuell persönlich und beides ist auch geschehen.

Die Exegese betrachtet den Menschensohn als die messianische Heilsgestalt und diese Vorstellung macht sich Jesus zu Eigen. Er nennt sich Menschensohn. Es ist eine Hoheitsaussage und keineswegs eine Demutserklärung, denn der Menschensohn ist mit himmlischer Glorie umgeben, mit himmlischer Herrschaft ausgezeichnet, er ist König über die ganze Welt. Jesus bezieht einen ungeheuerlichen Anspruch auf sich, wenn er sich als Menschensohn bezeichnet. Es ist jener Anspruch in der Endzeit der vorhergesagte Herr und König im Reich Gottes zu sein. Der Menschensohn muss gleichzeitig ebenso leiden. Zur himmlischen Hoheit gesellt sich die Knechtsgestalt. Doch diese ist nur vorübergehend. Sie wird mit der Herrlichkeitsoffenbarung aufgehoben, die am Ende steht, aber kein Ende kennt.

Jesus hat oft über diesen Menschensohn gesprochen. „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt lege“ (Mt 8:20). Als Hocherhabener ist Jesus heimatlos auf dieser Erde. Er vergibt Sünden und wird ausgelacht oder verbittert damit die Menschen. Jesus beweist ihnen jedoch, dass er das kann, in dem er etwas tut, das äußerlich gesehen viel schwerer ist:  „Ihr sollt aber wissen, daß der Menschensohn Macht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – und er sprach zum Gelähmten: »Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!« (Mt 9:6).

Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern er dient. Der Herr sagt sogar, er ist gekommen, um sein Leben als Lösegeld für die vielen zu geben (Mt 20:28). Seine irdische Aufgabe ist es, durch sein Blut die Sündenschuld der Menschen zu sühnen. „Seht, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden; sie werden ihn zum Tod verurteilen und den Heiden ausliefern, ihn zu verspotten, zu geißeln und zu kreuzigen; am dritten Tag aber wird er auferweckt werden“ (Mt 20:18-19).

Je näher Jesus dem Kreuz kommt, desto eher ist er auch bereit, sein Messiasgeheimnis zu lüften. Seine Jünger dürfen ihm einen messianischen Einzug in Jerusalem bereiten. „Die Scharen, die vorausgingen und nachfolgten, riefen: »Hosanna dem Sohne Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!«“ (Mt 21:9). Beim Hohen Rat bei seiner Verurteilung, wird Jesus dann bei diesem Gespräch ganz deutlich:  „Und der Hohepriester sagte zu ihm: »Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagst, ob du der Messias bist, der Sohn Gottes!« Jesus sprach zu ihm: »Du hast es gesagt! Weiter aber sage ich euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn sehen ›sitzend zur Rechten‹ der Kraft und ›kommend auf den Wolken des Himmels‹“ (Mt 26:63b-64).

Jesus sagt von sich, dass er das Schicksal der Menschen in seiner Hand hält, weil er der Vollmachtträger Gottes ist. Seine Richter wird er richten, die ihn zum Tode verurteilten. Zusammen mit seinen Engeln wird er ausziehen und alle Verderbnis aus dem Reich Gottes entfernen. Die Herrschaft Gottes wird für immer sichtbar und unübersehbar aufgerichtet. Dies ist Jesu Aufgabe: das Reich Gottes zu errichten. Der Menschensohn und die Gottesherrschaft gehören zusammen.

Die synoptischen Evangelien verbinden das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes, oft mit der Königsherrschaft. Jesus beginnt seine Predigt mit den Worten: „Erfüllt ist die Zeit, und genaht hat sich das Reich Gottes; bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1:15). Die Gottesherrschaft hat sich also genaht und dies war die große Verheißung im AT: Gott wird seine Herrschaft einmal voll und ganz aufrichten. Natürlich hat man im AT auch daran geglaubt, dass Gott Herrscher und Schöpfer der Welt ist, aber die Menschen haben sich seiner Herrschaft entzogen. Durch ihr Verhalten haben sie widergöttliche Mächte, Satan, Sünde, Not, Leid, Krankheit und Tod herbeigerufen. Darum sendet Gott Propheten, Könige und Richter, um das Volk zurückzurufen. Doch sie waren allesamt unvollkommene Menschen, konnten ihre Aufgabe mehr schlecht als recht erfüllen. Darum kommt in der letzten Stunde Gottes Sohn, die Zeit ist erfüllt.

Die Gottesherrschaft wird erst am Ende der Tage vollständig aufbrechen. Doch das entscheidende Zeichen, das offenkundige Merkmal für diese Gottesherrschaft, ist bereits da: Jesus Christus selbst, und er spricht: „Treibe ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen aus, dann ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen“ (Lk 11:20). Es ist also nicht verwunderlich, wenn die Dämonen in dieser Zeit entfesselt sind, denn sie sehen das Reich Gottes herankommen und ihre Herrschaft bedroht.

Auch in den Krankenheilungen und Totenerweckungen offenbart Jesus die Gottesherrschaft, ebenso in der Sündenvergebung. All das sind Anzeichen dafür, Jesus bestätigt es:  „Geht hin und berichtet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: ›Blinde sehen, Lahme gehen. Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium verkündet‹ und selig ist, wer nicht Anstoß nimmt an mir“ (Lk 7:22a-23).

Im Leben und Sterben des Herrn ist die Gottesherrschaft entscheidend gegenwärtig. Da wird der Neue Bund aufgerichtet, der Bund in seinem Blut. Das Reich kommt dort zur Fülle, wenn Jesus spricht: „es ist vollbracht“ (Joh 19:30). Jesus ist damit König, Vollmachtträger und höchster Amtsträger in Gottes Reich. Im Verhältnis zu Jesus entscheidet sich alles. Jesus richtet die Gottesherrschaft auf, indem er Gott in seinem Leben herrschen lässt. Indem er sich bedingungslos und voraussetzungslos dem Willen seines Vaters im Himmel unterwirft. Indem er die Menschen zur Befolgung der Gebote Gottes auffordert und ihnen Gericht und Verderben ankündigt, wenn diese nicht gehört werden.

Es ist also die Gemeinschaft mit dem Herrn, die Verbindung zu ihm, der Gehorsam gegen ihn, die in das Gottesreich hineinführen. Deshalb spricht Jesus manchmal von „seinem“ Reich. Es sind jene, die sich bereits im Leben sichtbar zu ihm bekennen und Gemeinschaft mit ihm haben – seine Kirche. Ohne Glauben an den Herrn kann man deshalb nicht zum Heil kommen.  

 

S.D.G. 

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