Nur patriarchalische Erzählungen in der Hl. Schrift?

Der Evangelist Markus berichtet in 1:29-31 von der ersten Heilung Jesu. Es war die Schwiegermutter von Petrus. Die kurze Perikope scheint patriarchalische Klischees zu bedienen. Doch ist es tatsächlich so? Finden wir in der Hl. Schrift nur patriarchalische Erzählungen? Hier der Text:

 „Als er die Synagoge verlassen hatte, kam er bald darauf in das Haus des Simon und Andreas, zusammen mit Jakobus und Johannes. Die Schwiegermutter des Simon aber lag an Fieber danieder, und sogleich sprachen sie mit ihm über sie. Er trat hinzu, nahm sie bei der Hand und richtete sie auf. Da wich von ihr das Fieber, und sie bediente sie.“

Zunächst kann man jene naheliegende Deutung lesen: Die Schwiegermutter ist im Haus (und nicht in der Öffentlichkeit!) und wird geheilt, um den Männern im Haus dienen zu können. Aber blicken wir genauer hin:

Bibelinterpretationen unterliegen manchmal einem Zeitgeist, weshalb man vorsichtig sein muss, Worte der Schrift in einem bestimmten Duktus zu lesen, hier etwa um ein patriarchalisches Weltbild der Hl. Schrift zu belegen oder umgekehrt, eine feministische Auslegung zu bevorzugen. Die Hl. Schrift und damit das „Welt- und Menschenbild“ Gottes ist jedoch erstaunlich neutral und greift oftmals nur innerhalb des historischen Kontexts einer patriarchalischen Gesellschaft eine Situation auf, um sie zur Vermittlung der einzig notwendigen und wahren Botschaft an uns Menschen zu verwenden: dem  Evangelium. Es ruft zur Umkehr auf, sich durch den Glauben an den Heiland, Retter und Erlöser Jesus Christus, Gottes Sohn, erretten zu lassen, hin zu seiner ewigen Liebe. So auch in dieser Perikope.

Bereits der Hl. Hieronymus (gest. 419), ein Kirchenlehrer, erkannte nämlich, dass es sich hier um eine Berufungserzählung handelt. Er schreibt dazu: „Er tritt in unser Haus ein: wir sollen uns endlich vom Bett erheben, wir sollen nicht liegenbleiben. Jesus steht vor dem Bett, und wir bleiben liegen? Lasst uns aufstehen und stehen bleiben: Es ist ein Schande für uns, dass wir vor Jesus liegen bleiben!“ (Tractus in Marci evangelium).

Weitere Hinweise für eine Berufungsgeschichte bieten der Kontext des Markus-Evangeliums und die griechische Grammatik. Dienen (gr. diakonein) ist ein zentraler Ausdruck des Evangelisten Markus, um die Verkündigung Jesu zu beschreiben. Besonders deutlich wird es in Mk 10:45: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele.“ Grammatikalisch steht der Textteil der Perikope in Mk 1:31 „und sie bediente sie“ zudem im Imperfekt. Es wird also auf eine dauerhafte Betätigung verwiesen und nicht nur der aktuelle bloße Tischdienst erwähnt. Somit spricht der Text von der Jesus-Nachfolge des Dienens und es ist bezeichnend, dass sich der Dienst der Geheilten nicht allein auf ihren Retter richtet, sondern auf alle Anwesenden.

„Diakonein“, das Dienen, darf nicht nur auf den Tischdienst beschränkt werden, es fasst nämlich die ganze Verkündigung Jesu zusammen. Jesus und damit Gott will mit seinem Leben und seiner Botschaft andere nicht unterordnen oder versklaven, wie es damals zu seiner Lebenszeit als Menschensohn üblich. Jesus stellt sich entschieden dagegen: „Jesus aber rief sie zu sich und sprach zu ihnen: »Ihr wißt, daß jene, die als Herrscher der Völker gelten, den Herren spielen über sie, und daß ihre Großen sie ihre Macht spüren lassen. unterordnet und versklavt nach der Art von heidnischen Herrschern. Nicht so soll es sein unter euch; sondern wer ein Großer sein will unter euch, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei der Knecht aller. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele.« (Mk 10:42-45).

Jesus ist als Sohn Gottes der leidende Knecht, der eben die sich selbst durch Sündenverstrickung oder von anderen versklavten Menschen befreit und zu ihrem Dienst emporhebt. Dem Dienst an und mit der Liebe, besonders am Nächsten. Und ebenso müssen die, die in der Gemeinschaft Leitung ausüben, den letzten Platz auf der sozialen Rangliste der Gemeinschaft einnehmen und ihre Leitung als Dienst ausüben. Die Schwiegermutter des Petrus und die Frauen unter dem Kreuz werden als solche Schüler Jesu charakterisiert, die wahre christliche Leiterschaft verstanden und praktiziert haben. Leitung bedeutet ständig unter dem Kreuz zu stehen, auf den Herrn zu blicken und hat nichts mit Ausübung oder Besitz von Macht zu tun.

Blicken wir noch auf eine Parallele dieser Erzählung in Apg 28:7-10: „Im Umkreis jenes Platzes war ein Gut, das dem ersten Mann der Insel, namens Publius, gehörte. Dieser nahm uns auf und beherbergte uns voll Gastlichkeit drei Tage lang. Der Vater des Publius lag gerade an Fieberanfällen und Ruhr schwer danieder. Paulus ging zu ihm hin, legte ihm unter Gebet die Hände auf und machte ihn gesund. Daraufhin kamen auch die anderen Kranken auf der Insel herbei und wurden geheilt. Sie erzeigten uns viele Ehren und versahen uns bei der Abfahrt mit allem, was wir nötig hatten.“

Der Unterschied zur Heilung der Schwiegermutter des Petrus ist hier, dass über die Reaktion des Vaters auf seine Heilung vom Evangelisten Lukas nichts berichtet wird. Wir erfahren jedoch, dass diese Heilung zu zahlreichen weiteren Heilungen und Bekehrungserlebnissen auf der Insel Malta führte. So kann Simons Schwiegermutter auf Grund eines Wunders von Jesus ebenso zu seiner bekehrten Schülerin werden. Sie war bereit, sich von Jesus heilen zu lassen und dies nicht nur am Leib, sondern auch an ihrer Seele. Ihre Geschichte steht zudem in Verbindung mit dem Namen Kafarnaum und kann als Wiederhall des Beginns der christlichen Gemeinschaft an diesem Ort dienen. Der Ursprung der Gemeinschaft ist dann dort mit einer Frau verbunden.

 

S.D.G.

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