Die Erkenntnis im griechischen Göttermythos und der Bibel

Auf dem Gemälde von Tizian im Titelbild wird der griechische Göttermythos dargestellt, das den Jäger Aktaion zeigt, wie er die Göttin Diana nackt beim Bad zusieht und dafür später von ihr in einen Hirsch verwandelt von seinen eigenen Hunden zerrissen wird.

Im antiken Griechenland werden ontische und philosophische Gedanken oft in Göttermythen übertragen und weitergegeben. Beim Jäger Aktaion trifft man auf das Motiv, dass mit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen der Tod in Verbindung steht, wie man es auch in der Hl. Schrift der Christen und Juden nachlesen kann. Gerade dadurch wird dem Menschen deutlich gemacht, dass er nicht Gott sein kann, denn mit Erkenntnisfähigkeit verliert er sodann die Ewigkeit.

Folgt man der griechischen Symbolik, dann steht der Jäger Aktaion für den menschlichen Intellekt, der auf der Jagd nach der göttlichen Weisheit ist und im Augenblick des Erfassens der Schönheit Gottes in der äußeren Natur, wird er selbst zum Opfer, zum Objekt seiner Suche und Strebens nach Weisheit (er erkennt sich selbst, allerdings ohne Weisheit allein in seiner Natur). Der Jäger sah sich in das verwandelt, was er suchte und wurde nun selbst Beute seiner Hunde, seiner Gedanken. Weil er die Gottheit in sich zusammengezogen, war es nicht mehr nötig, sie außerhalb zu suchen. Gerade, weil er sich als Gott zu erkennen glaubte, verlor er seine göttliche Ebenbildlichkeit.

Dieser Mythos erhellt auch den Sündenfall von Adam und Eva, wie er in der Hl. Schrift beschrieben wird: Sucht der Mensch nur aus sich heraus nach Erkenntnis oder Erkenntnisfähigkeit, muss er sterben, weil sie nur durch die Zeit und den Raum und immer unvollständig zu erlangen ist. Denn es sind die Sinne, welche Erkenntnis verschleiert. Der Mensch ist nicht Gott und kann es durch Erkenntnis nicht werden.

Im Christentum offenbart sich dann die Lösung: Es ist die Weisheit Gottes, welche unsterblich macht. Da Gott in Jesus Christus Mensch wurde, kann der Mensch, in dem er Jesus Christus in sich aufnimmt und damit der Mensch an der Göttlichkeit teilnimmt, göttlich werden. Es ist also die absolute Weisheit, Gott selbst, die den Menschen unsterblich (Baum des Lebens) macht und nicht allein die Erkenntnisfähigkeit von Gut und Böse. Denn sie bleibt von seinen Sinnen beeinflusst, beschränkt durch die menschliche Natur im Verstand.

Schon im griechischen Mythos werden demnach all jene Selbsterkenntniswege des Menschen, die als Selbsterlösung dienen sollen, als unvollständig entlarvt, die allein in der menschlichen Natur und seinem Intellekt verbleiben. Es sind die Lehren, wie sie später z.B. in der stoischen Philosophie, der Gnosis oder den Freimaurern formuliert wurden, die sich das Bild von Göttern oder eines Gottes zugrunde legen, das mit keiner unmittelbaren Offenbarung und Einfleischung des Göttlichen im Menschen rechnet und unpersönlich bleibt. Erst im Christentum durch Jesus Christus wird das dem Tode ausgelieferte, zeitliche selbstische Tun ein Ende bereitet: Von nun an bricht die Ewigkeit und damit die Weisheit unmittelbar in die Natur des Menschen ein, verändert ihn nach seinen Erfordernissen sowie Möglichkeiten und lässt Erkenntnis zu Weisheit werden. Denn Selbsterkenntnis setzt immer die Gotteserkenntnis voraus und umgekehrt.

Gerade hier werden auch die Schwierigkeiten deutlich, die dem Atheismus begegnen: ohne Gott, die Demut, eines über dem Menschen stehendes annehmen zu können, bleibt Erkenntnis in den natürlichen Voraussetzungen des Menschen gefangen. Dessen übermütiges Ego lässt sie manchmal auch zu einem solch grellen Licht werden, dass es zur Verblendung der Wahrheit führt. Ebenso birgt Humanismus, der allein den Menschen und seine Grenzen als Maßstab nehmen kann, die Gefahr, seine Würde zu graduieren, weil dafür absolute, über den Menschen hinausweisende Werte fehlen.

Der Göttermythos wird darum nun im Christentum vollendet dargestellt: der wahre Gott der Liebe verwandelt den Menschen nicht in einen Hirsch, sondern wurde zum Bräutigam der menschlichen Seele, die ein menschliches Individuum bleiben kann. Die Seele als Braut hat nun in der Mystik die Möglichkeit, die ganze Schönheit Gottes und die menschliche Würde in sich zu erkennen – nicht allein in ihrer Natur, sondern durch ihren göttlichen Anteil. Es ist die Umkehr, Metanoia, die Umkehr der Gedanken hin zum wahren Gott, der sie von zerreißenden Hunden in wohlwollende Engel verändert.

 

S.D.G.

 

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