Ist das Reich Gottes wirklich mitten unter uns?

Ein paar Gedanken zu Lk 17:20-21 (ELB):

„Und als er von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte;
auch wird man nicht sagen: Siehe hier! Oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Die überlieferten griechischen Worte der Übersetzung „mitten unter euch“ lauten: entos hymon.
Die traditionelle Übersetzung besagt nach Gregor von Nanzianz, Thomas von Aquin, Nikolaus von Lyra oder auch Luther („das reych Gottis ist ynnwendig ynn euch“), dass hier eine moralische, verinnerlichete und individualistische Auslegung angebracht ist. Das Reich Gottes ist also in unseren Herzen, in unseren Seelen vom Hl. Geist eingepflanzt.

Allerdings verwendet Lukas für den Ausdruck „mitten unter jemand sein“ sonst ganz andere Worte. So schreibt er über den Zwölfjährigen Jesus im Tempel, dass ihn seine Eltern „en mésō“ der Lehrer fanden (Lk 2:46). Der Ausdruck „entos“ wird von ihm hier nicht verwendet.

Nun hat ein gutes exegetisches Bemühen zum Ziel, das Verständnis des Ausdrucks „entos hymon“ zur Abfassungszeit des Lukas-Evangeliums zu bestimmen.
Ein in Oxyrhynchos/Ägypten gefundener Papyrus hilft hier weiter. Er kann aufgrund des Inhalts auf exakt den 16.3.102 datiert werden, eine Generation nach Lukas, aber noch in derselben Epoche.
In dem Papyrus geht es um die Klage des Weingroßhändlers Apion gegen Berenike, die Witwe seines verstorbenen Geschäftspartners Pasion. Der entscheidende Satz lautet:
ἥδε ἔχουσα τὸ φορτίον τοῦ οἴνου ἐντὸς αὑτῆς (P. Oxy. 2342; Zeile 7-8).
Diese hat eine Ladung Wein „entos autēs“, was sicher nicht bedeutet, dass dieser Wein in ihr oder unter ihr war. Es bedeutet, dass sie den Wein zu ihrer Verfügung hatte.

Diese Deutung hat auch Origenes in seinem Johanneskommentar vorgenommen. Er bringt es mit Dtn 30:11-14 ELB in Bezug: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und ist dir nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer wird für uns in den Himmel hinaufsteigen und es uns holen und es uns hören lassen, dass wir es tun?
Und es ist nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer wird für uns auf die andere Seite des Meeres hinüberfahren und es uns holen und es uns hören lassen, dass wir es tun?
Sondern ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, um es zu tun.“

Unabhängig von Origenes schreibt auch Tertullian (Tertullian, Adv. Marcionem IV, 35): „Wer wird nicht so übersetzen: unter euch, das bedeutet in eurer Hand, in eurer Macht, wenn ihr hört und wenn ihr die Weisung Gottes tut?“

Cyrill von Alexandria legt in seinem Lukaskommentar aus: „Denn es ist entos hymon: das bedeutet, es liegt in dem euch gehörenden Entschluss und der Freiheit, es zu ergreifen. Denn es ist jedem Menschen möglich, der in Christus gerechtfertigt und der durch den Glauben offenbar reich geworden ist.“ Auch für Cyrill steht das Reich Gottes also zur Verfügung.

Die antiken Ausleger, so denke ich, haben ganz richtig den Zusammenhang mit Dtn 30 erkannt. Zudem kommt die Übersetzung von entos hymon die dem zur Abfassungszeit des Lukas herrschenden Verständnis am Nächsten. Man müsste also schreiben: „Das Reich Gottes ist nicht da oder dort: es steht euch zur Verfügung – es ist in eurer Reichweite“. Anders ausgedrückt:
Don’t dream it – do it.

S.D.G.

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