Das Sakrale und Profane im Unbewussten

Ein religiöser Mensch nimmt in der Welt eine spezifische Existenzweise auf sich. Diese bleibt bei aller Verschiedenheit der religionshistorischen Formen immer erkennbar. In welchem geschichtlichen Zusammenhang der religiöse Mensch auch steht, er glaubt immer an die Existenz einer absoluten Realität, an die Existenz des Heiligen, das diese unsere Welt transzendiert, sich aber in ihr auch offenbart und sie dadurch heiligt und real macht.

Ein areligiöser Mensch lehnt diese Transzendenz ab. Dadurch muss er die Relativität der Realität akzeptieren. Er kann dadurch sogar am Sinn der Existenz zweifeln. Ohne Sinn verliert sich auch ein Ziel und oft bleibt nur mehr ein Nihilismus übrig, der z.B. durch das Relative Wahrheit tötet oder zu etwas individuellen macht.

Der postmoderne areligiöse Mensch nimmt eine neue existenzielle Situation auf sich, indem er sich nur als Subjekt betrachtet, als Agens der Geschichte. Er verweigert sich dem Transzendenten. Anders ausgedrückt: er akzeptiert keine Art von Menschlichkeit außerhalb der menschlichen Seinsform, wie sie sich in den verschiedenen geschichtlichen Situationen erkennen lässt. Dieser Mensch macht sich selbst und kann dies nur in dem Maße wirklich tun, in der er sich selbst und die Welt entsakralisiert. Das Sakrale steht zwischen ihm und seiner Freiheit, er kann nicht er selbst werden, ehe er nicht von Grund auf entmystifiziert ist. Er meint nicht wirklich frei zu sein, ehe er den letzten Gott getötet hat. Doch dabei schafft er sich nur neue, persönliche Götter, die ihn binden, ohne dass es ihm bewusst wird.

Der postmoderne areligiöse Mensch nimmt eine tragische Existenz auf sich und seine existenzielle Wahl ist nicht ohne Größe. Dennoch ist er aus dem religiösen Menschen hervorgegangen, ob er das will oder nicht. Er hat sich aus Situationen entwickelt, in denen seine Ahnen lebten. Der profane Mensch ist das Resultat einer Entsakralisierung der menschlichen Existenz. Er hat sich aus der Opposition zu seinen Vorfahren gebildet. Ein Ergebnis ist die schwindende Wertschätzung von Erfahrung, älterer Menschen und die Vergötterung von Jugend, Gesundheit, allein Erfolg in diesem einen Leben.

Doch der profane Mensch bewahrt entgegen seinem Willen Spuren vom Verhalten des religiösen Menschen, nur sind diese Spuren ihrer religiösen Bedeutung entkleidet. Was er auch tut, er ist ein Erbe. Er setzt sich lediglich aus einer Reihe von Verneinungen und Absagen zusammen, aber wird dennoch verfolgt von den Realitäten, denen er abgeschworen hat. Er wollte eine Welt für sich und hat deshalb die Welt, in der seine Vorfahren lebten, entsakralisiert. Darum ist der gänzlich areligiöse Mensch ein seltenes Phänomen.

In dem er seinen profanen Zustand als Norm verwendet, fehlen ihm allerdings die Mittel andere Verhaltensweisen und Bewertungen der Vergangenheit zu erkennen. Dies kann bis zur Verachtung der eigenen Kultur und Geschichte führen, denn anstatt sie anzunehmen und daraus zu lernen, wird sie abgelehnt und man stellt sich in einen angeblich neutralen Raum, der bevollmächtigt, zu verurteilen. Die Werte für dieses Urteil gründen jedoch in rein privaten, nicht transzendenten und damit universellen Weltanschauungen, abhängig allein von der eigenen geschichtlichen Situation. Es entsteht ein arroganter, selbstgerechter Moralismus. Dasselbe gilt für die Gegenwart, wenn der profane Mensch auf eine sakrale Existenzweise trifft.

Dieser profane Zustand kann deshalb auch innerhalb der Kirche oder einer christlichen Glaubensgemeinschaft ausgeübt werden: man entfernt das Heilige und das religiöse Erbe, um das Eigene zum Heiligtum zu erheben. Aus einer Kirche, die vom ewigen Gott in ihrer Mitte lebt, wird ein in menschlicher Schwäche gestaltetes Gremium, eine Organisation, die sich der ganzen Realität verweigert. Damit kann sie nur jenes anbieten, was gerade das eigene individuelle Gefühl oder die eigene beschränkte geschichtliche Situation bestätigt. Aus einem übergeordneten Maß, das Orientierung schenkt, wird eine schwankende, individuelle Norm, die dadurch keine Beständigkeit, keinen Halt mehr bietet.

Der moderne areligiöse Mensch verfügt über eine Anzahl verkappter Mythologien und vieler verwitterter Ritualismen. Er ist nicht wirklich frei von religiösen Verhaltensweisen und Mythologien. Der Prozess der Entsakralisierung führt nur zu vielfach hybriden Formen von niederer Magie und Ersatzreligion. Politische Bewegungen, wie etwa die Klimaschutzbewegung, und soziale Prophetien schöpfen aus mythologischen Strukturen einer heiligen Natur oder dem verlorenen Paradies. Dieses wird etwa im Bestehen auf eine absolute sexuelle Freiheit und ein selbstbestimmtes Geschlecht wieder herbeigesehnt. Sogar religiöser Fanatismus lässt sich erkennen. Man denke nur an den Kommunismus und seinen eschatologischen Gehalt. All diese aus dem Unbewussten gespeisten Ideologien oder Verhaltensweisen werden dann zur Gefahr, wenn ihnen die Ordnung des übermenschlichen Universellen, des Sakralen fehlt.

Andere Beispiele finden sich in der modernen Psychoanalyse. Der analysierte Mensch muss seinem eigenen Unbewussten die Stirn bieten, in dem Gespenster und Ungeheuer umgehen. Dadurch soll er psychische Gesundheit und Integrität erlangen und damit die Welt der kulturellen Werte finden. In Kino und auf Streamingportalen werden weiterhin Filme favorisiert, die Motive der Initiation, der Einzelkämpfer und der Prüfungen beinhalten, welche den Symbolismus des Unbewussten darstellen und erlebbar machen.

Jeder Mensch nährt seine Existenz aus Impulsen, die aus der Tiefe seines Wesens kommen. Dies ist die Zone des Unbewussten. Ein reiner Vernunftmensch ist eine Abstraktion, die in der Wirklichkeit nirgends auftritt. Jedes menschliche Wesen setzt sich aus seiner bewussten Aktivität und aus seinen irrationalen Erlebnissen zusammen. Der tragische Moment eines areligiösen Menschen ist, dass er diese, seine Existenz, nicht mehr wahrnehmen will oder gar verneint. Damit ist jede existenzielle Krise im Grunde eine „religiöse“ Krise.

Die Religion ist die exemplarische Lösung für jede existenzielle Krise. Dies, weil ihr ein transzendenter Ursprung zugeschrieben wird und sie folglich der Empfang einer Offenbarung aus einer anderen, übermenschlichen Welt ist. Die religiöse Lösung löst nicht nur die Krise auf, sondern macht zugleich die Existenz offen für Werte, die nicht mehr zufallsbedingt, privat oder allein vom Menschen in irgendeiner Form gegeben. Ein Perspektivwechsel findet statt, der den Druck einer eigenen Selbstoptimierung nimmt und neue Wege aufzeigt.

Auch der areligiöse Mensch bewahrt sich im Grunde seines Wesens ein religiös orientiertes Verhalten. Doch seine „Privatmythologien“, seine Träume und Träumereien, erheben sich nicht mehr zum ontologischen Rang der Mythen, eben weil sie nicht mehr vom ganzen Menschen erlebt werden und eine private Situation nicht in eine exemplarische Situation umformen. Die Ängste, die Traum- und Fantasieerlebnisse des modernen areligiösen Menschen bilden keine universelle, wertschöpfende Weltanschauung mehr, gründen keine Verhaltensweisen. Diese bleiben unstet, sind nicht mehr tragend, weil sie privat, selbstkonzentriert, egoistisch bleiben.

Jeder Mensch ist durch das unzerstörbare religiöse Moment in seinem Unbewussten ebenso offen für Symbole, welche sein Unbewusstes aktivieren. Die Werbung, Populisten und jede Form von Suggestion und Manipulation arbeiten damit. Für den religiösen Menschen macht das Symbol die Welt offen, verschafft ihm Zugang zum Universellen. Das Symbol erhält damit für ihn eine Qualität, ein Ziel, das ihren Missbrauch erschwert. Für den religiösen Menschen wecken Symbole das individuelle Erleben und verwandeln es in einen geistigen Akt, in ein metaphysisches Erfassen der Welt. In dem er das Symbol versteht, vermag er das Universelle zu leben. Das Universelle ist resistenter gegen Manipulation, es weitet sich auf das Vielfältige, das wiederum durch das Sakrale des Universellen Einordnung erfährt.

Der areligiöse Mensch moderner Gesellschaften empfängt immer noch Nahrung und Hilfe aus der Tätigkeit seines Unbewussten. Die eigentlich religiöse Welt vermag er nicht mehr zu sehen und zu erleben, sie stört ihn vielmehr. Er beraubt sich damit eines Teils der Realität. Nichtreligiosität ist ein weiterer „Fall“ des Menschen. Nach dem ersten Sündenfall war die Religiosität auf die Ebene des gequälten Bewusstseins herabgesunken, nach dem zweiten sank sie noch tiefer, in den Abgrund des Unbewussten, sie ist „vergessen“ worden.

S.D.G.

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