Wo wohnte Jesus in seinen ersten Lebensjahren?

Dies sei der Versuch historische Gegebenheiten und jüdische Lebenswirklichkeit mit einzubeziehen, um die Texte in den Evangelien zu verstehen, in denen von der Geburt und dem weiteren Lebenslauf von Gottes Sohn, Jesus Christus, berichtet wird. Die Texte beginnen mit einem von den Römern, der damaligen Ordnungmacht im Hl. Land, befohlenen Zensus, der eine Reise von Maria und Josef notwendig machte (Lk 2:1 ff.). Dieser Zensus der Römer bedeutete zunächst, dass die Abgaben an sie bald noch drückender werden würden, weshalb es besonders in Galiläa zu Aufständen gegen sie kam, wir werden darauf später zurückkommen.

Betrachten wir zunächst Maria: Sie kannte die Tora sehr genau (siehe Lk 1:46 ff.) und wusste deshalb ebenso wie die Schriftgelehrten: der Messias wird in Betlehem geboren (Mt 2:4-6). Vom Verkündigungsengel hatte sie erfahren, dass das Kind unter ihrem Herzen der Sohn des Höchsten sein wird (Lk 1:32). Doch nun war sie schon über den dritten Monat hinaus schwanger und sie befand sich immer noch in Nazareth. Erneut wird sie ihre Frage an den Engel in Erinnerung gerufen haben: „Wie soll das geschehen?“ (Lk 1:34)

Da kam plötzlich der Befehl der heidnischen Obrigkeit, dorthin zu gehen, wo man seinen Stammbesitz hatte, um sich zählen zu lassen. Der Stammbesitz von Josef war in Betlehem, denn diese Gegend um Jerusalem wurde einst dem Hause Juda und damit den Davididen gegeben, von denen Josef abstammte (Lk 1:27). Der Besitz wird von den Römern „taxiert“, d.h. die Abgaben anhand der Größe und der Nutzbarkeit festgelegt und gleichzeitig werden dadurch die Besitzrechte bestätigt.

Maria war inzwischen hochschwanger, die beschwerliche Reise gefährlich (ca. 150 km, 5 Tagesreisen). Maria und Josef wollten der römischen Obrigkeit gehorchen und ihren Besitz in Anspruch nehmen, aber Maria wird ebenso verstanden haben, dass es sich auch um eine göttliche Vorsehung handelte, die sie nun nach Betlehem führte.

In Betlehem angekommen, steht die Niederkunft von Maria bevor. Wie damals üblich, wird eine Gebärende nicht in der Wohnung (meist nur ein Raum) untergebracht, sondern in benachbarten Höhlen, Unterständen, Ställen etc., denn eine Geburt würde nach den jüdischen Reinheitsvorschriften eine kultische Verunreinigung des Hauses bedeuten. Maria gebiert also dort, wo auch die „Frau des Hauses“ ihre Nachkommen geboren hätte, abseits der Wohnung und Gesellschaft. So mag die Herbergssuche nicht nur aufgrund der zahlreichen Menschen, welche sich bedingt durch den Zensus auf den Weg machten, schwierig geworden sein, sondern auch durch die bevorstehende Niederkunft und den dafür nötigen Vorbereitungen und besonderen Örtlichkeiten.

Nach der Geburt und anschließenden Darbringung des kleinen Jesus im Tempel, entsprechend den vorgeschriebenen 8 Tagen, und dem Opfer für den Erstgeborenen in Jerusalem, konnte Maria mit ihrem Neugeborenen wieder „ins Haus“, wo sie 33 Tage als Reinigungsfrist zu bleiben hatte (Lev 12:2-4). Dort trafen sie später auch die Magoi an, die Sterndeuter aus dem Morgenland (Mt 2:11). Doch warum ging die hl. Familie nicht zurück nach Nazareth?

Zum einen kann sich die Registrierung, der Zensus der Römer, zeitlich hingezogen haben, später dauerten diese Vorgänge oft mehrere Jahre, zum anderen war gerade in der Gegend um Nazareth der jüdische Rebell Judas (der Galiläer?) am Werk, die Römer nannten ihn einen Räuber und Wegelagerer, so berichtet uns der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Es wäre also von Josef unklug gewesen, gerade jetzt in diese umkämpfte Gegend zurückzukehren. In Betlehem war die Familie sicherer, sie wurden wohl von jenen Einheimischen und Verwandten unterstützt, die vielleicht ahnten, dass nun der Messias in ihrem Ort geboren wurde, wie vorhergesagt. Schließlich verkündeten die Hirten der Gegend immer noch, was ihnen der Engel bei der Geburt des Herrn gesagt hatte (Lk 2:11) und auch die Worte des Simeon und von Hanna werden noch nicht verklungen sein (Lk 2:28-38).

Diese Sicherheit in Betlehem endete jedoch jäh, als König Herodes den Kindermord anordnete (Mt 2:16). Ihm werden die Berichte dieser Hirten ebenso zu Ohren gekommen sein und natürlich alarmierten ihn die Fragen der Sterndeuter aus dem Morgenland (Mt 2:2), welche einem Stern folgten, der ihnen die Geburt eines Königs anzeigen sollte. Dieser würde seine königliche Macht gefährden und da es nicht genau feststand, wann dieses Kind geboren wurde, sollten alle männlichen Erstgeborenen der Gegend der letzten zwei Jahre getötet werden. Die Anzahl würde dadurch überschaubar bleiben, der vermeintliche Thronkonkurrent wäre aber beseitigt.

Im Traum erfuhr Josef von dieser Gefahr und gleichzeitig die Lösung des Problems (Mt 2:13): Er darf mit seiner Familie nicht mehr in Betlehem bleiben, aber er soll auch nicht ins unsichere Galiläa, nach Nazareth, zurückkehren. Als geeigneten Zufluchtsort wird Josef Ägypten eingegeben, dort lebten auch viele Juden in der Diaspora und vielleicht darunter auch Verwandte, bei denen die hl. Familie wohnen konnte. Außerdem war die bis dahin arme Familie nun mit reichlich „Handgeld“ der Sterndeuter ausgestattet (Mt 2:11) (Gott fügt alles wunderbar), so dass sie Richtung Westen nach Ägypten abreisten, damit wird auch eine weitere Prophezeiung erfüllt (Mt 2:15).

Etwa 5 oder 6 Jahre nach Jesu Geburt und dem Tod des Herodes änderte sich erneut die politische Lage im hl. Land. Inzwischen hatte Judas (der Galiläer?) die Gegend um Nazareth mit Sepphoris erobert und die Herodianer vertrieben. Die Römer als Besatzungsmacht sandten zur Sicherung ihrer Machtansprüche deshalb Varus (man kennt ihn aus der Varusschlacht gegen die Germanen 9 n. Chr.) mit einem großen Heer nach Galiläa. Er besiegte Judas, zerstörte Sepphoris und versklavte die Bewohner der Gegend, auch weil viele mit den Aufständischen sympathisierten. Der Sohn des Herodes, Herodes Antipas, erhielt das Gebiet von den Römern zur Verwaltung zurück und er beschloss auch (bis 19 n. Chr.), Sepphoris als Machtzentrum wieder neu aufzubauen.

Für die hl. Familie bedeutete dies, dass um Nazareth wieder eine gewisse Sicherheit vorherrschte und sie dorthin zurückkehren konnten. Aufgrund der gleichzeitigen Machtkämpfe innerhalb des herodianischen Herrscherhauses und den damit einhergehenden politischen Wirren wurde hingegen die Lage um Jerusalem und Betlehem immer unsicherer. Zudem gab es für einen Baumeister und Handwerker, der Josef war, in der neu aufzubauenden Stadt Sepphoris, nur 8 km von Nazareth entfernt, bestimmt reichlich Arbeit. Gott hat demnach alles so gerichtet, dass sein Sohn Jesus jetzt sicher und materiell gut versorgt aufwachsen konnte, um seine Aufgabe als Heiland und Retter der ganzen Menschheit später zu erfüllen.

Josef war zudem weder für Römer, Herodianer noch den aufständischen Juden der Gegend um Nazareth „vorbelastet“, denn er war in jener konfliktreichen Zeit nicht vor Ort. Er wird deshalb viele Aufträge erhalten haben, so dass er, nicht nur der Tradition wegen, sondern ebenso zur Mitarbeit und Hilfe, bald seinen Adoptivsohn Jesus sein Handwerk lehrte. Doch auch Maria mit ihrem großen Wissen aus der Tora und ihrem Glauben hatte einen großen Anteil an der Ausbildung und Erziehung ihres Sohnes. So konnte er bereits bei seiner Pilgerreise nach Jerusalem zum Paschafest im Alter von 12 Jahren bei den Lehrern im Tempel Erstaunen auslösen, weil er so verständig Fragen stellte und Antwort gab (Lk 2:46-47).

S.D.G.

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