Demokratie, Wahlen und Dankbarkeit

Viele Menschen definieren heute selbständiges Denken, ja Freiheit, darin, nur auf sich selbst zu „hören“, womit meist nur ein Bauchgefühl gemeint ist und dazu keine vernunftbegabte Überlegung. Gerne wird dabei auch von Förderung der Vielfalt gesprochen, was aber oft genug nur als Vorwand verwendet wird, um eigene Erkenntnisse und Meinungen, mögen sie noch so unvernünftig sein, eine Geltung für die Allgemeinheit zu geben. Und wenn man auf andere Meinungen und Lebensmodelle trifft, die nicht innerhalb der eigenen Filterblase vertreten werden, hat die Förderung der Vielfalt schnell ein Ende. Oft werden dann keine Argumente eines Spezialisten, Fachmanns, nicht einmal mehr Lebenserfahrung anderer angenommen. Dabei bietet ein „Bauchgefühl“ ebenso keine Grundlage ein tieferes Verständnis über einen Sachverhalt oder andere Motivlagen zu gewinnen. So wird man zum Unbelehrbaren, der in der Selbstzentriertheit seinen Fortschritt erkennen will, ein Merkmal des Egoisten.

Wenn man der Interpretation der Philosophen durch die Jahrhunderte folgt, so erkennen diese den Menschen im Allgemeinen als vernunftbegabtes Wesen. Er ändert meist freiwillig sein Verhalten, wenn seine Gesundheit bzw. sein Leben erkennbar bedroht wird, oder aber der Staat eine gesetzliche Vorgabe erlässt. In der Regel gilt das für den größten Teil der jeweiligen Gesellschaft und es ist ein großer Erfolg eines Staates, wenn seine Maßnahmen von fast allen Bürgern als richtig angenommen werden. Für diejenigen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, dieser Logik nicht anschließen wollen, die sich z .B. durch Negation den Risiken entziehen, für diejenigen wurde die Kontrolle erfunden.

Freiwilligkeit unterliegt meist der eigenen Kontrolle, jeder ist dann sein eigenes Regulativ. Auch eine Gruppe kann sich so verhalten, wiederum auf Basis der Prinzipien von Verstand, Vernunft und Verantwortung. Was aber geschieht mit denjenigen die sich der Solidargemeinschaft entziehen, diese sogar der Zwangsherrschaft bezichtigen? Diese Menschen grenzen sich selbst aus und machen die Solidargemeinschaft für dieses aus ihrer Sicht fehlerhafte Verhalten verantwortlich.

Aber eine Solidargemeinschaft, eine Demokratie, hat immer das Positive zum Ziel. Deshalb kann sie, bzw. jeder Einzelne darin, ein Angebot machen und eine Teilhabe anbieten, immer wieder, auf Basis guter Argumente und sachlicher Argumentation. Jeder kann helfen, die Risiken abzuwägen, kann Zweifel an den verschiedenen Positionen erzeugen und Widersprüche beseitigen. Jeder kann Mut machen und die Angst mildern. Jeder kann Einsicht und Erkenntnis fördern und zum Mitmachen anregen – auch und eben bei den Skeptikern und Zweiflern.

Für Menschen mit christlichen Wurzeln kann Jesus Christus ein Vorbild zur Verinnerlichung einer liebe- und verantwortungsvollen Haltung sein. Seine Haltung und seine Taten sind überliefert, er hat das, was er sagte, praktiziert und das, was er praktizierte, wurde über mehr als 2000 Jahre weitergegeben. Er kam mit den anderen Menschen ins Gespräch. Er wirkte durch sein Beispiel, seine Taten und durch die vielen Gleichnisse, mit denen er die Zweifler zum Nachdenken brachte. Er nahm sich die Zeit, jeden der Andersdenkenden oder Leugner anzuhören und auf ihre Aussagen einzugehen, manchmal mit Tumult, überwiegend aber mit Ruhe und Respekt.

Es gilt also, sich anzugewöhnen über Lösungen zu sprechen, damit Lösungen gefunden werden. Wenn wir immer nur über Probleme reden, werden wir diese vermehren, und das ist eine sehr unkluge Entscheidung. Eine kluge Entscheidung ist es zudem, mit Dankbarkeit zu beginnen, um nicht als Kritikaster und Miesmacher seine Freude am Leben oder in einer Selbstzentriertheit den Mitmenschen aus den Augen zu verlieren.

Dankbar sein, weil etwa Deutschlands Gesundheitssystem zu den besten in Europa gehört. Das ist das Ergebnis einer großen internationalen Vergleichsstudie unter 35 Volkswirtschaften. Wir können auch dankbar sein, dass wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht. Der frühere deutsche Bundespräsident Gauck sagte in seiner Abschiedsrede über Deutschland: „Es ist das Beste, das demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten.“

Man kann auch dankbar sein, dass Deutschland ein Wohlstandsniveau erreicht hat, das in der deutschen Geschichte einmalig ist. Die Lebenserwartung war nie höher, die medizinische Versorgung nie besser, der Zugang zu Bildung nie umfassender, der gesetzlich garantierte Urlaub nie länger, die Arbeitszeit nie kürzer. Was immer man von der Politik der jeweiligen Regierung hält, man muss zugeben, dass das Land ordentlich verwaltet wird. Und man muss wissen: eine Demokratie ist niemals ein Idealstaat, sondern ständig nur auf den Weg dorthin, immer verlangt es Verbesserungen, müssen Schieflagen erkannt und beseitigt werden. Dafür braucht es mündige, vernünftige, aber vor allen dankbare Bürger, als Kontrolle, als Träger jener Werte, welche Menschenwürde und Demokratie prägen.

Demokratie ist nämlich eine anstrengende Staatsform, wie der deutsche Bundespräsident Walter Steinmeier es ausdrückt, sei aber auch „die einzige Staatsform, die Fehler erlaubt, weil die Korrekturfähigkeit mit eingebaut ist“. Wer für sich beanspruche, „das Volk“ zu sein und allein zu vertreten, irre fundamental, so Steinmeier, denn: „In der Demokratie tritt das Volk nur im Plural auf, und es hat viele Stimmen.“ Und also: „Wo immer solche Art von Populismus sich breit macht – da lassen Sie uns vielstimmig dagegenhalten.“ 

In einer Demokratie muss deshalb ebenso eines klar sein: Ein paar Tausend Wirrköpfe, die eine freiheitlich demokratische Grundordnung mit Füßen treten, sie verhöhnen, Schmarotzer des Sozialsystems, Fremdenfeinde, Antisemiten oder eben antidemokratische Bewegungen müssen die dankbaren Bürger eines demokratischen Staates – so weh es auch tut – ertragen. Diese anderen Menschen haben ihre Dankbarkeit schon längst verloren, aber Demokratie ist die einzige Staatsform, welche ihre Gegner und die Undankbaren schützt, und das ist gut so.

Die Selbstverständlichkeit ist der größte Feind der Dankbarkeit. Das viele Gute, das einem geschieht und einen umgibt, geht im Alltagstrott schnell unter, wenn man es nicht als besonderes Geschenk verinnerlicht. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten bewusst machen – vielleicht durch kleine und wiederholende Übungen im Alltag. Sprechen wir also über Lösungen:

Forscher haben herausgefunden, dass sogenannte Dankbarkeitsübungen das Glücksniveau um 25% angehoben haben. Diese Dankbarkeitsübungen sind so einfach: Vor dem Schlafengehen denkt man über den abgelaufenen Tag nach und lässt im Geiste die Dinge an sich vorüberziehen, für die man dankbar war: das besondere Mittagessen, das lange Gespräch mit dem Freund, die ersten warmen Sonnenstrahlen, die gemeinsamen Stunden mit dem Enkelkind, das harmonische Miteinander mit dem Partner bzw. der Partnerin und vieles andere mehr. Und eben auch die Vorzüge, in einer freiheitlichen Demokratie zu leben. Solche Gedankengänge und Dankbarkeitsübungen lassen uns nicht nur besser einschlafen, sondern sie stärken – durch Forschungen belegt – unseren physischen und psychischen Gesundheitszustand.

Dankbarkeit kann das Leben also leichter machen. Sie muss Bestandteil einer Demokratie sein. Und – Dankbarkeit ist nicht abhängig von den Umständen, in denen man lebt, sondern Dankbarkeit ist eine Frage der Einstellung. Francis Bacon, englischer Staatsmann und Philosoph, sagte zu recht: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ Welch grandiose Gesellschaften würden entstehen, wenn die Menschen in ihnen, getragen von Dankbarkeit ihre Regierung wählen, die dies dankbar von ihren Wählern annehmen. Wenn die Menschen voll Dankbarkeit ihre Demokratie schätzen und all die Regulative in ihr, damit die Zukunft besser werden kann.

„So trage man ein Lied auf den Lippen, ein Lied von all dem Guten, das unvergessen bleibt, eine freudige Melodie, die zum Himmel aufsteigt, eine Strophe Hoffnung, eine Strophe Dankbarkeit, eine Strophe Stille. Und unter allem der Cantus firmus der Liebe“.

S.D.G.

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