Geschichtliches zum jüdischen Kalender und das Todesjahr Jesu

Im NT gibt es zahlreiche allgemeine Angaben, welche das Todesjahr Jesu eingrenzen könnten. Ebenso eine Datumsangabe: Jesus wurde an einem Pascha-Fest, das auf einem Freitag fiel (lt. den Synoptikern) gekreuzigt oder am Tag davor, ebenfalls an einem Freitag nach Johannes. Allgemeine Eingrenzungen des Todesjahrs bieten auch die Amtszeit des Pontius Pilatus, der Beginn der Tätigkeit Johannes des Täufers, die Altersangabe Jesu zu Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit, die 46-jährige Bauzeit des Tempels sowie die Bekehrung des Paulus. Doch ein präzises Jahr lässt sich daraus auch nicht ableiten, zumal die ersten und letzten Amtsjahre des Pilatus unwahrscheinlich sind.

Die Evangelien scheinen hier vielversprechendere Auskünfte zu geben. Bei einem Datum, einer Wochentagangabe und einen eingegrenzten Zeitraum müsste es doch möglich sein das Jahr zu berechnen. Im Todesjahr Jesu ist Pascha der 15. Nisan. Der Monat Nisan ist der erste Frühlingsmonat und beginnt, wie jeder jüdische Monat, bei Neumond. Das Paschafest wird am ersten Frühlingsvollmond gefeiert, so wie wir heute Ostern am Sonntag nach dem Frühlingsvollmond feiern.

Die Evangelisten liefern uns jedoch unterschiedliche Angaben, wofür es mehrere Erklärungen gibt. Der Tag der Kreuzigung wird in allen vier Evangelien auf Griechisch paraskeué bezeichnet. Das Wort bedeutet „Vorbereitung“ und kommt im NT ausschließlich bei der Passionsgeschichte vor. Der Ausdruck „Vorbereitung“ kann als Vorbereitung auf den Samstag, den Sabbat, verstanden werden, als Rüsttag. Manche Ausleger gehen von der Annahme aus, Johannes meint nicht die Vorbereitung auf den Sabbat, sondern auf das Paschafest, also keinen bestimmten Wochentag. Eine andere Lösung des Widerspruchs nimmt den Reichtum theologischer Aussagen im Johannesevangelium zum Anlass, dass der Evangelist die Todesstunde Jesu symbolisch „verlegt“ hat: Zum Zeitpunkt, als im Tempel die Lämmer geschlachtet wurden. Dafür spricht, dass das Letzte Abendmahl von seinem Ablauf her kein Paschamahl gewesen sein kann.

Eine andere Hypothese besagt, die Evangelien legen verschiedene Kalender zu Grunde, einerseits den pharisäischen, andererseits den sadduzäischen oder essenischen. Diese Erklärung mag die Evangelien in Einklang bringen, um auf das genaue Datum des Todes Jesu zu schließen, hilft es jedoch nicht weiter. Heute weiß man nicht einmal, ob sich pharisäischer und saddzuäischer Kalender überhaupt unterschieden haben. Vom essenischen Kalender weiß man zwar mehr Details, aber die Lücken verhindern auf ein genaues Datum zu gelangen.

Die allermeisten Kalender, die in der Welt benützt werden, sind Mond- oder Sonnenkalender. Der moderne westliche Kalender ist ein „solarer“ Kalender und geht auf Julius Cäsar zurück. Ein Sonnenjahr dauert 365,25 Tage, weshalb 1582 eine Kalenderreform stattfand (durch Papst Gregor XIII.) und Schalttage und –jahre eingeführt wurden. Der lunare Mondkalender besteht aus zwölf Mondmonaten mit jeweils 30 Tagen. Er wird beispielsweise im Islam verwendet. Die Monate beginnen, wenn der neue Mond sichtbar ist. Das Mondjahr ist um zehn Tage kürzer als das Sonnenjahr, weshalb muslimische Feste, wie der Fastenmonat Ramadan, „wandern“ und im Laufe der Zeit zu jeder Jahreszeit gefeiert werden.

Der jüdische Kalender ist „luni-solar“. Mondphasen und Sonnenstad werden dabei in Einklang gebracht. Dazu wird in Schaltjahren ein zusätzlicher Monat eingeschoben. Das jüdische Jahr wird heute nicht mehr durch Beobachtung von Sonne und Mond festgelegt, sondern berechnet. Ab wann dies geschehen ist, wissen wir nicht, die jüdische Tradition schreibt diesen Gebrauch Hillel II. (Mitte des 4. Jh. n. Chr.) zu. Dieser berechnete Kalender lässt die Monate 29 oder 30 Tage lang sein und ein vorgegebenes Schema in einem Zyklus von 19 Jahren synchronisiert das Sonnen- und Mondjahr. Doch es gibt Verschiebungen, damit Pascha oder der Versöhnungstag nicht auf Sonntag oder Freitag fallen.

Es steht also fest, dass man das Todesjahr Jesu nicht einfach durch Rückberechnung mittels des heutigen jüdischen Kalenders ermitteln kann. Damals waren keine Verschiebungen in Gebrauch und der Kalender beruhte nicht auf Berechnungen (wozu man in der Antike durchaus fähig gewesen wäre), sondern auf Beobachtung der Sonnen- und Mondphasen. Dabei begann der neue Monat, wenn der Mond erstmals als schmale Sichel am westlichen Himmel kurz nach Sonnenuntergang erschien. War der Mond aufgrund von Wolken, Dunst oder Wüstenstaub verdeckt, begann man den Monat 30 Tage nach dem Vormonat.

Das Neulicht ist schwer zu berechnen. Der Mond zieht von der Erde aus gesehen vor der Sonne vorbei. Dies tut er meist etwas nach oben oder unten versetzt. Bei einer Sonnenfinsternis tritt das Neulicht später auf. Die Zeitspanne zwischen Neulicht und Neumond kann dabei, je nach Standort und Jahreszeit, zwischen 16 und 69 Stunden betragen. Ein Schaltmonat wurde zur Zeit des jüdischen Tempels so festgelegt: War am Anfang eines Monats absehbar, dass die Gerste (zum Paschafest gehört die Darbringung der ersten reifen Ähren) zur Monatsmitte nicht reif sein würde, erklärte man den Monat zum Schaltmonat, wodurch Nisan, der Paschamonat, dann einen Monat später war.

Schon die Kirchenväter Tertullian und Hippolyt scheiterten an der genauen Berechnung des Todesjahres Jesu, weil sie den in der Antike/im Mittelalter verwendeten Kalender heranzogen. Auch das Datum des spanischen Bischofs Paul von Burgos, der 4. April 33, als Kreuzigungstag ist ziemlich unsicher. Moderne Wissenschaftler sind heute skeptisch, weil wir nicht wissen, ob es im Todesjahr Jesu vor dem Nisan einen Schaltmonat gab. Auch ist der genaue Monatsanfang aufgrund der komplizierten Berechnung und Beobachtung des Neulichts unbekannt. Würde man alle Abweichungen und Angaben der Evangelien berücksichtigen, würden die Jahre 27-36 als Todesjahr Jesu in Frage kommen, ein recht unbefriedigendes Ergebnis. Die Angaben der Evangelien genügen also weder das Jahr noch den Wochentag zu berechnen, an dem Jesus gekreuzigt wurde.

S.D.G.

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