Humanität ist nicht gleich Humanismus

Humanität ist nicht gleich Humanismus. „Humanität“, also „Menschenliebe“ findet sich als Basis in verschiedenen geistigen Strömungen. Etwa im Christentum, bei dem Menschenliebe vor allem als Nächstenliebe übersetzt wird. Es ist Gottes Sohn, Jesus Christus, der mit der Botschaft der Liebe, der Menschenliebe, der Nächstenliebe, die Menschen auffordert, an dieser Liebe durch ihn teilzuhaben, sie zu wirken. Den Begriff des „Humanismus“ gibt es jedoch in seinen unterschiedlichen historischen und philosophischen Ausformungen, die sich teilweise diametral gegenüberstehen. Häufig werden die Begriffe „Humanität“ und „Humanismus“ synonym gebraucht. Das ist aber nicht richtig.

Die Geschichte des Begriffes beginnt in der Renaissance. Der Renaissance-Humanismus war vor allem eine Bildungsbewegung, die sich aus dem Christentum entwickelte und durch den aufkommenden Buchdruck Verbreitung und Wirkung fand. Empirische Forschung erkennt beispielsweise das Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier, das vor allem die Fähigkeit des Menschen sah, Erkenntnis und Bildung zu erwerben. Hegel drückte es später so aus, dass der Mensch ein Tier ist und aufgrund der Fähigkeit dies zu erkennen, keines mehr. Wissen wird zu einer Tugend, und gesellt sich zur Gotteserkenntnis, um Selbsterkenntnis zu ermöglichen.

Der Renaissance-Humanismus setzt die „Humanität“ als Basis. Er knüpft damit an das antike römische Konzept der „humanitas“ an: „Die Menschen, die nach Bildung und Unterweisung aufrichtig verlangen und streben, die sind in vorzüglicher Weise die ‚Humanen‘ (humanissimi)“, schreibt der Philosoph Aulus Gellus um 130. Und weiter: „Denn das Sorgen um dieses Wissen und sein Erlernen ist von allen Lebewesen nur den Menschen gegeben und darum wurde es humanitas (Menschsein) genannt.“

Im Laufe der Philosophie-Geschichte kristallisierten sich allerdings eine Unmenge weiterer „Humanismus“-Vorstellungen heraus, die kaum noch etwas mit dem Renaissance-Humanismus gemein hatten und haben. Etwa in der existenzialistischen Philosophie, im Marxismus, im Realsozialismus oder anthropologische „Humanismen“, bei denen der Mensch zum absoluten Mittelpunkt wird. Daraus ergeben sich eine Vielzahl an Problemen, nur zwei seien hier zu nennen: Wie weit achten wir Natur und Umwelt, also die Schöpfung, wenn wir uns als über ihr stehend und als Zentrum des Universums begreifen? Wie weit achten wir den Menschen als Individuum, wenn alles einem kollektiven „Wir“ unterworfen wird?

Der europäische Humanismus, in den philosophischen Grundlagen christlich, ist zunächst auf die historische Zeitspanne von etwa 1350 bis 1550 zu beschränken. Dieser berief sich auf den klassisch-antiken Begriff der „Humanität“. Die meisten anderen „Humanismen“ tun das später nicht mehr. Auch wurde der Humanismus dort, wo er in die Epoche der Aufklärung Einzug fand, gerne als antikirchlich, später antireligiös interpretiert, womit ein fundamentaler Bestandteil des Menschen, seine Spiritualität, Verleugnung erfahren hatte.

Insofern stellt sich die Frage, wer bestimmt, was human und humanistisch, was inhuman und antihumanistisch ist? Dazu ein prägnantes Beispiel: Eine Abkehr vom „Humanismus“ und damit von jeglicher Humanität und Menschenliebe finden wir z.B. im deutschen Nationalsozialismus. Die „Herrenmenschen“ wollten keine „Humanisten“ sein. Pazifismus und christliche Nächstenliebe galten als Ausdruck von „Humanitätsduselei“, als Schwäche, die einem arischen Herrenvolk nicht zustand. Fritz Sauckel, Gauleiter von Thüringen und Koordinator des Einsatzes von Zwangsarbeitern, erklärte: „Wir werden die letzten Schlacken unserer Humanitätsduselei ablegen.“ Er wurde später während der Nürnberger Prozesse u. a. wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt und verurteilt.

Blickt man in den „Brockhaus“, allerdings in die Ausgabe des Jahres 1941, damals das großdeutsche „Wikipedia“, wird das Stichwort „Humanität“ unter dem Gesichtspunkt der „Rassenlehre“ bearbeitet: „Eine entartete Auffassung von Humanität im späteren 19. und beginnenden 20. Jahrh. verfocht unter führender Beteiligung des Judentums den Schutz alles Menschlichen um seiner selbst willen, also auch des Minderwertigen und Entarteten. Entgegen solchen gesunden sittlichen Anschauungen zuwiderlaufenden Ansichten betont die völkische Weltanschauung eine naturgegebene, bes. rassisch bedingte Ungleichheit der Menschen und den Vorrang von Gott und Staat vor einem allgemeinen Menschheitsideal.“ Die „civitas humana“, also das „Menschenrecht“ galt nur für eine auserwählte Rasse und nicht für jene, die als minderwertig und entartet stigmatisiert wurden.

In dem man das Menschsein an frei definierte Eigenschaften knüpft, verliert es seine Absolutheit. Aus einem Mensch wird in gewissermaßen antimenschlichen Definitionen eine Person, der nur unter bestimmten Voraussetzungen Schutz und Würde zusteht, nämlich wenn sie diese Definition erfüllt. Die in der christlichen Tradition der allumfassenden „civitas humana“ stehende Humanität des modernen Europa ist also unbedingt eine Abgrenzung zu völkischem Denken, zur Herrenmenschen-Mentalität, die in verschiedenen Nationen anzutreffen ist und zu Xenophobie. Sie ist Ablehnung von Rassismus und Antisemitismus, sowie eine willkürliche Definition von Menschsein, in dem man es auf eine Person mit geforderten Eigenschaften reduziert. Dies hat auch Auswirkungen auf den Schutz des Lebens und damit der Menschenwürde, etwa zum Ende und zu Beginn des Lebens. Menschenwürde und Humanität stehen hier beiden zu, der werdenden Mutter, aber auch dem Kind in ihrem Mutterleib.

Humanität ist die Grundlage der Menschenrechte, des humanitären Völkerrechts und auch der Rechtspraxis in den einzelnen Staaten. Im Zusammenhang mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist die Idee der Humanität von zentraler Bedeutung. In den Verfassungen der demokratischen Staaten ist die Humanität in den Gesetzen fest verankert (siehe etwa Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Österreichische Verfassung, Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Verfassung des Fürstentums Liechtenstein).

Humanität und das Konzept der Solidarität sind eng mit der Tugend der Hilfsbereitschaft und deren Umsetzung als Hilfe verbunden. Sie beginnt historisch im christlichen  Engagement in sozialen Einrichtungen wie der Caritas oder der Diakonie, und setzt sich etwa in staatlichen oder nichtstaatlichen Hilfsorganisation für die Einhaltung der Menschenrechte, in der Nachbarschaftshilfe oder im zwischenstaatlichen Prinzip der Hilfsbereitschaft fort. Hier äußert sich der Wille zur Menschlichkeit durch konkrete Hilfeleistungen. Eine unterlassene Hilfeleistung stellt nicht nur einen moralisch zu verurteilenden Verstoß gegen die Menschlichkeit dar, sie ist auch ein Straftatbestand.

Am 10. Dezember 1948 trat die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ in Kraft. Ein großer Schritt auf dem Weg zur Durchsetzung der „civitas humana“. Das Völkerrecht besagt, dass „humanitäre Interventionen“ nicht mehr als illegitime „Einmischungen in die inneren Angelegenheiten“ des jeweiligen Staates gelten, der sich einer Menschenrechtsverletzung schuldig gemacht hat. Was als christliche, geistige Strömung in Europa begann, konnte sich über die Jahrhunderte als allgemeines Menschenrecht durchsetzen. Es war der Beginn eine Menschheitsfamilie in Freiheit und Gleichberechtigung zu schaffen, auch weil sie Teil einer Schöpfung ist, die durch einen Schöpfer miteinander durch seine Liebe zu einem großen Ganzen verbunden ist.

S.D.G.

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