Mystik und Asketentum des hl. Franz von Assisi

Entsprechend der Zeit, in der er lebte, war Franz ein romantischer Troubadour. Er war der Troubadour Gottes und will man ihm abstrakte Leidenschaften unterstellen, so waren es dennoch leidenschaftliche Leidenschaften. Es gibt Menschen, die sogar Allegorien und Abstraktionen gegenüber wie Liebende empfinden. So sprach Franziskus die Sprache des Troubadours, wenn er sagt, er habe eine wundervolle und höchst gnadenreiche Dame, die Armut sei.

Es ist nicht wahrheitsgetreu, nennt man Franziskus einfach einen romantischen Vorläufer der Renaissance oder eines Wiederauflebens natürlicher Freuden. Für ihn lag das Geheimnis der Zurückgewinnung natürlicher Freuden darin, sie im Lichte der übernatürlichen Freude zu sehen. Diese Freude schenkt eine Offenheit, die Mitmenschen niemals verachten lässt, weder ihre Meinung noch ihre Bewunderung.

Franziskus sank von großer Höhe tief herab. Er wurde vom reichen Edelmann zum Dieb, vom stolzen Ritter zum Feigling. Doch dieser Abstieg führte ihn zum Grunde, von dort Gott ihn auf mysteriöse Weise wieder hochzog, er aufsteigen konnte. Verstehen wird dies niemand richtig, der nie ähnlich herabgestiegen ist, um so wieder aufzusteigen.

Franziskus meinte es wirklich aufrichtig, wenn er sagt, er habe das Geheimnis des Lebens im Dienen und sich unterordnen gefunden. In diesem Dienen fand er eine Freiheit, die fast an Leichtfertigkeit grenzt. Die Welt kann nur mit dem Prädikat „Narr“ darauf antworten. Franziskus handelte für sie wie ein Narr. Und dieses Wort trägt Franziskus von nun an wie ein Ehrenzeichen, Helmschmuck und Krone, wie ein ritterlicher Minnesänger Gottes. Er wurde zum Hofnarr beim König des Paradieses, so wie Therese von Lisieux zum schäbigsten Spielzeug des kleinen Jesusknaben werden wollte, nur um ihm eine Freude zu bereiten. Liebe tut so etwas.

Es war die Erfahrung der eigenen Nichtigkeit und Abhängigkeit sowie der großen Dankbarkeit, die das Weltbild von Franziskus komplett auf den Kopf stellte. Diese Dankbarkeit ließ ihn jeden Dachziegel seiner Heimatstadt, jeden Vogel mit Liebe sehen, aber mit einer Liebe, die im Lichte ewiger Unsicherheit, Gefährdung und Abhängigkeit steht. Nicht auf die Stadt kann man stolz sein, weil sie so stark und wehrhaft Bestand hat, sondern Gott dankbar, dass sie nicht von der Erde hinuntergefallen. Wenn manche Menschen, vielleicht zynisch sagen: „Gesegnet ist, der nichts erhofft, denn er wird nicht enttäuscht werden“, so sagt Franziskus in seiner Beglückung und Begeisterung: „Gesegnet ist, der da nichts erwartet, denn er wird sich an allem freuen“. Denn niemand wird nämlich einen Weg finden, auf dem er sich einen Sonnenuntergang oder einen Stern, ja seinen nächsten Atemzug verdienen kann.

Man sieht immer mehr von den Dingen, wenn man mehr von deren Ursprung sieht. Franziskus war kein Naturromantiker, der das Ungeheure der Natur nur bedeutungsvoller machen wollte. Er war ein Mystiker, der dem Ungeheuer eine Bedeutung vom Ursprung her verlieh und das ihm damit eine Botschaft verkündete. Die Natur redet für diesen Mystiker nicht länger in einer unbekannten Sprache. Er will mit dem bloßen Mysterium nichts zu tun haben, denn dieses allein ist gewöhnlich ein Mysterium des Bösen.

Es gibt einen Übergang vom guten Menschen zum Heiligen: Für den einen bezeugen und verherrlichen alle Dinge Gott, für den anderen bezeugt und verherrlicht alle Dinge Gott. Für den einen ist die Lebensfreude eine Ursache des Glaubens, für den anderen ein Ergebnis des Glaubens. Diese Verschiedenheit wirkt sich dadurch aus, dass das Gefühl der Abhängigkeit von Gott für den Lebenskünstler ein blendendes Blitzlicht ist, für den Heiligen das helle Tageslicht. Dieser Mystiker steht jenseits der Dinge und sieht sie somit aus dem Göttlichen hervorgehen. Für einen durchschnittlichen Gläubigen mögen die Elemente die Herolde, Soldaten oder Musikkapellen sein, welche die Annäherung an die Stadt eines großen Königs verkünden, die franziskanische Mystik begrüßt sie mit einer alten Vertraulichkeit, die fast an Leichtfertigkeit grenzt. Bei Therese von Lisieux wird daraus die Gewissheit, dass alle Schätze, die dem Vater gehören, auch für sie bestimmt sind.

Franziskus hat seinen mystischen Weg vom Abgrund aus begonnen, vom Nichts all dem, was er einmal gewesen. Für ihn wurde dieser nihilistische Abgrund zu einer edlen Sache, weil daraus Lobpreis entsteht. Dieser Lobpreis in der Natur bleibt jedoch unverständlich, wird er mit Naturanbetung oder pantheistischem Optimismus gleichgesetzt. Ein Dichter preist die Schöpfung im Sinne von Erschaffung, ein Mystiker wie Franziskus, der ihren Zustand vom Nichts her schaut, wo nichts vorhanden, außer Gott, sieht den anfangslosen Anfang. Er würdigt damit nicht nur alles, sondern auch das Nichts, aus welchem Gott das Alles erschaffen hat.

Da war also in Franziskus dieses Empfinden von großer Dankbarkeit und erhabene Abhängigkeit, die nicht nur Phrase oder Gefühlssache war. Sie ist für den Mystiker das Wesentliche, das der eigentliche Fels ist, auf dem die Wirklichkeit gründet. Ein Christ kann nur sagen, dass jede Einzelheit, jede Sekunde, von Gott her ist, ein Agnostiker, dass sie vom Dasein und der Natur der Dinge abhängen. All dies ist niemals Illusion oder Einbildung, sondern Wahrheit. Das gewöhnliche Leben jedoch beruht weit mehr auf Einbildung als das Leben der Betrachtung, der Kontemplation. So mag es für einen Atheisten der ärgste Augenblick sein, wenn er sich wahrhaft dankbar fühlt, und da niemand ist, dem er danken kann.

Ein großer Komponist oder Maler kann sich rühmen, dass er seine Musiknoten und Farben mit seinem Verstand mischt, der Heilige wird seine Gedanken mit Dank mischen. Die Güter dieser Welt werden wertvoller und sehen besser aus, wenn sie wie Geschenke aussehen. In dem Gott jener ist, der alles schenkt und der Mensch niemals etwas gleichwertiges zurückschenken kann, wird das Paradox der Erlösung offenbar, dass ein Mensch vor Freude jubeln kann, wenn er entdeckt, dass er Schulden beim allmächtigen und all-liebenden Gott hat. Die Liturgie der Kirche zu Ostern drückt dies in der „glücklichen Schuld“ aus, felix culpa. Ein ewig Gläubiger teilt die Freude darüber mit einem ewigen Schuldner. Beide sind Schuldner und Gläubiger zugleich. Schuld und Abhängigkeit werden durch die reine Liebe zur Freude.

Diese „reine Liebe“ ist Schlüssel zur franziskanischen Moral und dem Asketentum. Es ist ein hohes und heiliges Mysterium, dass jemand, der wirklich weiß, dass er seine Schulden niemals bezahlen kann, immer daran zahlen wird. So gibt er immer zurück, was er nicht zurückgeben kann und was man gar nicht von ihm zurück erwartet. Er wirft Dinge in den bodenlosen Abgrund unermesslichen Dankes. Er bezahlt mit etwas, was ihm nicht gehört, für etwas, das unbezahlbar ist, an jemanden, der es nicht zurückfordert. So kann man sagen: In der ganzen Welt gibt es nur ein Gutes – eine unbezahlbare Schuld, die bereits durch Gottes Liebe beglichen ist und durch die erwiderte Liebe des Menschen dankbar angenommen.

Die von Troubadouren besungene Ritterlichkeit in der Liebe würde zerstört werden, fragt man, was für eine selbstsüchtige Frau sie doch ist, wenn sie unbarmherzig Tribut in Form von Blumen fordert. Heute fragt man, welch grausamer Gott im Asketentum Opfer und Selbstverleugnung fordert. Ein so Fragender hat jedoch nicht verstanden, was Liebende unter Liebe verstehen: Alles zu tun, was nicht verlangt wird. So gierte Franziskus aus seiner Mystik heraus in seinem Asketentum nach Fasten, stürzte sich in die Armut. Selbst bei seinem Todeskampf wollte er nackt am Boden liegen, um zu zeigen, dass er nichts hat und nichts war. Liebe tut so etwas.

Man darf nicht meinen, Franziskus war ein Naturfreund. Das war er gerade nicht nach Art eines Gefühlspantheismus. Für ihn war niemals etwas Hintergrund für etwas anderes. Sein ganzes Denken hatte keinen Hintergrund, ausgenommen das göttliche Geheimnis, aus der die Liebe jede Kreatur und Ding erweckt hat. So stand alles im Vordergrund, an der Rampe des Schauspiels Leben, wie Franziskus es sah. Er war ein Dichter, bei dem alles seine Rolle spielte, das Gegenteil eines Pantheisten.

Sein Mystizismus hatte die Vernunft eines Kindes, in der es selbstverständlich sein kann, dass Gott alles individuell im Einzelnen geschaffen hat, und nicht abstrakt als „Natur“. Der Mystiker Franziskus glaubte an die Mystik, jedoch nicht an Mystifikation. Seine Mystik verschmilzt nicht alle Dinge und löst sie in etwas größerem auf. Seine Mystik leuchtet in der Tageshelle und durchschreitet das Nichts im Dunkeln, keinesfalls ist sie aber im Zwielicht anzutreffen. Er war kein Visionär des Ostens, die Mystiker sind, weil zu viel Skepsis sie nicht zu Materialisten macht. Franziskus blickte positiv auf die Welt und war damit ein ausgesprochener Realist. Doch diesen Realismus veredelte er zur Dichtung, weil sein ganzes Leben ein Gedicht war.

In Erinnerung an den hl. Franziskus und an G.K. Chesterton

Ein Kommentar zu “Mystik und Asketentum des hl. Franz von Assisi

  1. Der heilige Franz von Assisi. Ein wahrer christlicher Sufi! 🙂 „Er wurde zum Hofnarr beim König des Paradieses“ – das entspricht der Selbstbezeichnung der Sufis. Sie sind die Narren Gottes, die Narren der Liebe (Fools of Love). Llewellyn Vaughan-Lee sagt über die Sufis:

    „Sufis sind die Narren, die Er (Gott) am meisten liebt, denn Er hegt für jene, die sich in der Liebe verloren haben, eine besondere Zärtlichkeit. Wir sagen, daß man verrückt vor Liebe zu einem menschlichen Geliebten sein kann, aber jene, die von einem göttlichen Liebhaber umarmt worden sind, haben sich in einer noch abgründigeren Verrücktheit verloren, die zugleich ein so intimes Geheimnis darstellt, daß es kaum in Worte gefaßt werden kann. Liebe kann niemals mit dem Verstand begriffen werden. Diejenigen, die diesen Pfad gehen wollen, werden sich damit abfinden müssen, daß sie jene geheimnisvolle Entwicklung in ihrem Innern, die sie heim bringt, weder sich selbst noch anderen jemals werden erklären können. Die Dynamik des Herzens gehorcht Gesetzen, die sich von jenen des Verstandes so sehr unterscheiden, daß der Suchende beginnen muß, die Begrenztheit des Verstandes zu erkennen und sich klarzumachen, daß das rationale Denken auf der spirituellen Reise keine Hilfe, sondern ein Hindernis darstellt. Mit den Worten Attârs: Wenn die Liebe kommt, geht der Verstand. Bei dem, der verrückt ist vor Liebe, kann der Verstand nicht bleiben; Liebe hat nichts mit dem Verstand zu schaffen.“

    In Wahrheit ist diese Liebe vollkommen vernünftig (die Weisheit Gottes), aber in den Augen dieser Welt wirkt sie „verrückt“. Die Welt hält für Weisheit, was vor Gott Torheit ist; dagegen ist der, welcher vor Gott weise ist (im Einklang mit seiner Weisheit lebt), ein Tor in den Augen der Welt.

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