Österliche Gedanken über die Freude

Das Wesen der Freude ist eine konstruktive Gefühlsbewegung, die dem Kern des Menschen, den positiven und kreativen Tiefenschichten seiner Seele entstammt. Jesus Christus fordert die Menschen aufgrund der von ihm erwirkten Erlösung auf, sich jeden Tag zu freuen und zu tanzen (Lk 6:23). Denn die menschliche Seele sehnt sich nach Freude. Freude bringt Vollbringen, bringt innere Bereicherung zum Ausdruck.

Man darf diese Freude nicht mit andere aus dem Alltag herausgehobene, von ihr abgesetzte Gefühle und Stimmungen verwechseln:

  • Heiterkeit etwa, die gewiss wichtig ist als Reifungsstufe des Menschen und der doch etwas Oberflächliches anhaften kann, das sich gelegentlich gar zur Albernheit steigert;
  • Begeisterung, die sicher auch mit Freude zu tun hat, und die manchmal droht, in kollektiven Fanatismus umzuschlagen;
  • Verzückung, die auch Glück beinhalten mag, einen Zustand hoher spiritueller Berührtheit, die jedoch mit der Gefahr verbunden ist, die Wirklichkeit aus dem Bewusstsein zu verdrängen und sich in einem Zustand von Rausch, Taumel und Überschwang zu verlieren; hier muss besonders auf die Unterscheidung der Geister geachtet werden;
  • die Schadenfreude, die überhaupt keine Freude im Sinne einer positiven Gemütsbewegung darstellt und die ganz sicher nicht zu den Tugenden eines Menschen gehört;

Freude ist anders: Freude bejaht; Freude schließt Zynismus aus. Sie kommt aus dem Gelingen‚ dem Gelingen von etwas, was man tut und erreicht, dem Gelingen von etwas, was man miterlebt, dem Erlebnis von Kunst und Musik etwa, vor allem aber auch dem Gelingen einer menschlichen Beziehung: der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, der Beziehung zwischen Freunden, der Beziehung zwischen Geschwistern im Glauben und der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Und all dies ist getragen von innerem Frieden, ein Frieden mit sich und der Welt, geschenkt durch Gott. Deshalb sagt Jesus Christus, dass er uns seinen, den göttlichen Frieden, gibt (Joh 14:27). Denn Freude schließt nicht aus, wie es andere Gefühlsbewegungen und Stimmungen oft tun. Freude schließt ein. Sie verbindet, verbindet Menschen, verbindet Mensch und Natur, verbindet Mensch und Gott. Freude ist ansteckend.

Und Freude ist lebensnotwendig. Sophokles lässt in seiner „Antigone“ sagen: „so heiße ich es kein Leben mehr, er ist lebendig tot. Fülle meinetwegen dein Haus mit Schätzen, lebe im Herrscherprunk. Ich gebe nicht den Schatten eines Rauchs für alles, wenn des Herzens Freude fehlt.”

Doch ist Freude wohl nur bei Kindern eine einfache, eine selbstverständliche Gefühlsbewegung, die pure Lebenslust zum Ausdruck bringt. Deshalb fordert Jesus Christus auf: „Werdet wie die Kinder“ (Mt 18:3). Gewiss sind auch Erwachsene zu spontaner Freude fähig. Das Gefühl des Götterfunkens ist besonders gläubigen Menschen nicht fremd. Dennoch ist das Freudengefühl von Erwachsenen bei weitem nicht so elementar wie das der Kinder. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass Erwachsene nie wieder so unmittelbar und authentisch sind, wie sie es als Kinder waren und dass sich bei Erwachsenen eine unaufhebbare Beziehung zwischen Freude und Verantwortung einstellt, die das Kind noch nicht kennt.

Es kennzeichnet ganz einfach den Grad unserer menschlichen Reife, wenn wir die Aufgabe akzeptieren, die Fähigkeit zur Freude in uns zu entfalten und unsere Verantwortung demgegenüber wahrnehmen, was uns Freude machen soll.

  • So wird sich Freude an Kindern nur durch verantwortliche Elternschaft einstellen.
  • So kann man sich nur durch Arbeit an der Partnerschaft über eine geglückte Liebesbeziehung freuen.
  • So werden nur durch mitmenschliche Verantwortung Geschwisterlichkeit und Freundschaft entstehen.
  • So kann sich Arbeitsfreude nur durch Übernahme von Verantwortung im Beruf entwickeln.
  • So können nur durch Einsatz in der Gesellschaft und Handeln für die Gesellschaft politische Wirklichkeiten entstehen, die auf Dauer Zufriedenheit gewähren und vielleicht gar geeignet sind, Freude zu bereiten.
  • So gibt es nur durch Einsatz für diese eine gefährdete Welt Aussicht auf die dauerhafte Freude an ihrem gesicherten Weiterbestand!

Bei all diesem Wirken kann sich ein gläubiger Mensch immer auf die Hilfe Gottes verlassen, ja, all diese große Verantwortung kann nur durch Gott im Menschen in Liebe getragen werden. Wer sich freuen will, muss sich also einsetzen für das, was Freude machen soll; er muss sich aber auch auseinandersetzen mit dem, was keine Freude macht, was Freude gefährdet.

Da gibt es die Gefährdung der Freude von innen, die schmerzhafte Erfahrung von Brüchen in der eigenen Entwicklung, von neurotischem Festhalten an Überlebtem, ja von persönlichem Versagen. Es kann eine Kette von Enttäuschung und Misstrauen entstehen, welche die Freude am Leben und an einem Miteinander trüben. Diese muss durchbrochen werden und da helfen dann kein Sich-Abwenden und Verdrängen, da helfen nur ein präzises Hinschauen und ein engagiertes Sich-Wandeln. Jesus Christus fordert auf: „Kehrt um“ (Mk 1:15), hin zu Gott, hin zu ihm. Gotteserkenntnis ist Selbsterkenntnis und umgekehrt, weshalb Gott dem Menschen zu Erkenntnis und Veränderung auf vielfältige Weise Anstoß und Auftrag gibt. Er will sogar, dass man neu geboren wird, alles hinter sich lassen kann und allein verlassend auf eine Zukunft mit IHM baut.

Gefährdung der Freude kommt aber nicht nur von innen, sondern auch von Außen: durch Not, durch Krieg, durch Wirtschaftskrisen, durch soziale und berufliche Schwierigkeiten, durch Probleme im Verhältnis von Mensch zu Mensch. Auch durch Angst, der man sich während der Corona-Pandemie täglich stellen muss. Da mag es schwer sein, Freude zu empfinden. Dennoch kann Freude wohl auch in solchen Situationen jener belebende Funke sein, der im Menschen ein lebensstarkes „Dennoch“ und „Trotzdem“ auslöst. Ein Christ etwa lebt von und durch die Auferstehung seines Herrn, die nicht nur Hoffnung auf eine gute Zukunft schenkt, sondern bereits konkret im Jetzt im Leben Auswirkung zeigen kann, weil der Herr und damit die Liebe stets anwesend sind.

Freude ist schöpferische Kraft, sie ist Götterfunke, sie ist Lebenshilfe im Privaten wie im Öffentlichen, sie ist Fundament unserer Hoffnung und sie ist Voraussetzung für das Weiterbestehen der Welt. Freude entstammt aus einem inneren göttlichen Frieden. Und auch Leben kann nur durch die verpflichtende Kraft der Lebensfreude bewahrt werden! Deshalb darf man sich an jedweden Leben umgreifend erfreuen und es schützen: Vom ungeborenen Leben im Mutterleib bis zum letzten Lebensfunken eines Sterbenden, bevor ihn Gott zu sich nimmt. Denn auf den Karfreitag folgt der Ostermorgen.

S.D.G.

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