Paulus führt Griechen in den Tempel!

Im Kapitel 21 der biblischen Apostelgeschichte erfahren wir von der Verhaftung des Paulus im Tempel. Zwei architektonische Elemente des herodianischen Tempels werden dabei erwähnt. Die Werke von Flavius Josephus und die Mischna bestätigen diese ebenso, wie archäologische Funde im 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert. Paulus beendete seine 3. Missionsreise und kam zu Pfingsten 56 oder 58 nach Jerusalem. Er lieferte dabei eine Kollekte ab, die unter den Christen in Mazedonien durchgeführt wurde. Dabei begleiteten ihn Männer aus der Provinz Asien, unter denen auch Trophinus war, ein Repräsentant der Gemeinde in Ephesus.

Die Anwesenheit des Paulus warf in der Jerusalemer Gemeinde Probleme auf, kursierten doch unter den Juden falsche Verdächtigungen gegen Paulus, er missachte die Gesetze und predige den Abfall vom Judentum. Jakobus, der Leiter der Gemeinde, war besorgt und legte Paulus ans Herz im Tempel ein Nasiratsopfer darzubringen, um seine Gesetztestreue unter Beweis zu stellen. Allerdings berichtet Lukas, dass nur 7 Tage zwischen der Weihe zum Nasiräer und dem Ende der Weihetage lagen, obwohl es mindestens 30 Tage sein sollen. Vielleicht war Lukas, der Heidenchrist, über das Nasiratsgelübde nicht ausreichend unterrichtet.

Am 7. Tag jedenfalls ging Paulus in den Tempel und Juden aus Asien klagten ihn an „Griechen“, also Nichtjuden, in den Tempel mitgenommen zu haben, wohl weil sie ihn zuvor mit Trophinus in der Stadt gesehen hatten. Es kam zur Aufruhr, man ergriff Paulus und schloss sofort die Tore. Hätte Paulus Nichtjuden bei sich gehabt, dann wäre der Volkszorn sicherlich zuerst gegen diese gerichtet worden, der Text verrät aber davon nichts. Doch Paulus wäre das Wagnis Nichtjuden in den Tempel zu nehmen auch bestimmt nicht eingegangen.

Aber was bedeutet es eigentlich Griechen in den Tempel zu nehmen? Antike Tempel waren kein gottesdienstlicher Versammlungsraum. Im Tempel, zu dem nur die Priester Zugang hatten, wohnte die Gottheit, die der Tempel geweiht war. Zum Gottesdienst versammelte man sich vor dem Tempel, wo meist, wie in Jerusalem, ein großer Altar stand. Der herodianische Tempel besaß einen „Vorhof der Heiden“, wo sich auch Nichtjuden („Griechen“) aufhalten durften. Als Jesus im Tempel lehrte, dann geschah das meist in den Säulenhallen, die das Tempelgelände umgaben, die auch zum Vorhof der Heiden gehörten. Das eigentliche Tempelhaus mit dem großen Vorraum (heichal) und dem Allerheiligsten (debir) stand im Vorhof der Heiden. Dieser heilige Bezirk war durch eine Absperrung, den soreg, abgegrenzt. Hinter diese Abgrenzung hätte Paulus Nichtjuden führen müssen, wo es einen Vorhof für Frauen, Männer und Priester gab, zu denen nur Juden zugelassen waren. Nichtjuden drohte die Todesstrafe, wenn man sie dort antraf.

Flavius Josephus erwähnt in der Beschreibung des herodianischen Tempels eine Mauer oder ein Gitter um das eigentliche Tempelgebäude und seine Vorhöfe. Hier waren auch Warntafeln in griechischer und lateinischer Sprache angebracht. Der soreg wird demnach als Mauer, Balustrade oder Gitterwerk aus Stein beschrieben, der von Säulen unterbrochen wurde. Die Höhe des soreg ist unklar, wahrscheinlich hatte er eine Höhe von 3 Ellen (1,6 Meter), wie Josephus berichtet. Der genaue Verlauf des soreg lässt sich nicht mehr rekonstruieren, jedoch umgrenzte er das Heiligtum an allen vier Seiten. Die „trennende Wand der Feindschaft“ im Epheserbrief (2:14) könnte sich darauf beziehen.

Zwei archäologische Funde bestätigten die Angaben von Josephus. 1870 fand man nördlich des Tempelplatzes eine Kalksteintafel mit einer griechischen Inschrift. 1935 fand man nahe vom Stephanstor ein Fragment einer Tafel, welche den gleichen Text aufwies. Beide Funde sind solche Warntafeln mit der Inschrift: „Verbot für jeden Fremden, die Absperrung zu überschreiten und in den Bezirk des Heiligtums einzutreten. Jeder Übertreter, der ergriffen wird, trägt selbst die Verantwortung für das Todesurteil, das darauf steht“. Paulus kannte sicher dieses Verbot und nahm deshalb auch keinen Nichtjuden hinter diesen soreg mit.

Der Tempel und seine Vorhöfe lagen erhöht auf einer Plattform. Nachdem man den soreg durchschritt, musste man 14 (oder 12) Stufen hinaufsteigen, um einen Weg zu erreichen, der an drei Seiten am Tempel entlang führte, aber nicht an der Rückseite. Dieser Weg war 10 Ellen breit (ca. 5,3 Meter) und wurde chel genannt. Von ihm aus führten noch einmal 5 Stufen hinauf, um eines der neun Tore zu erreichen, um in die Vorhöfe des Tempels zu gelangen. Diese Tore waren es, die bei Beginn des Tumults bei der Ergreifung von Paulus geschlossen wurden. Somit nahm man ihn nach dem Durchschreiten des soreg fest, aber noch vor Betreten eines Vorhofs.

 

der emmauspilger

S.D.G.

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