Keine Romantisierung der Natur!

Menschen in der Stadt und auf dem Land dürfen nicht gegeneinander arbeiten, man darf sich nicht auseinanderdividieren lassen, um nachhaltige Lebenskonzepte zu ermöglichen. Man sitzt schließlich im selben Boot. Während die Ränder der Städte sich ungehindert ausweiten, Wohnraum immer teurer wird, und neue Industriegebiete entstehen, wird inzwischen immer öfter wirtschaftliche Entwicklung auf dem Land boykottiert oder dieses nur mehr als zu überbrückender Zwischenraum zwischen Städten deklariert.

Grüne, ökologische Politik (nicht nur von den Grünen) darf sich nicht allein auf eine finanziell abgesicherte städtische Wählerschaft konzentrieren und Menschen auf dem Land als ökologisch zu kolonialisierende und darin erst zu bildende Freizeitparkverwalter betrachten. Sogenannte Naturschützer stellen die Natur oft über dem Menschen und verneinen damit eigentlich dessen Natur. Natur wird zu einer pantheistischen Ersatzreligion.

Denn Menschen in der Stadt können auch von Menschen auf dem Land lernen. Dort lebt man von den natürlichen Ressourcen, vom Holz, Getreideanbau, den Produkten, die das Land hervorbringt, auch um Menschen in der Stadt zu ernähren und mit Energie zu versorgen. Umweltschutz war auf dem Land immer schon eine Sache des Überlebens und niemals eine romantische Verklärung der Natur.

Für einen Städter darf das Land nicht nur ein Naturpark sein, den man gefälligst für seine Freizeit zu pflegen und erhalten hat. Das Land ist auch der Lebensraum von Menschen. Eine Romantisierung des ländlichen Bereichs, der Natur, ist gefährlich. Der Schmerz der Stadtbewohner im fehlenden Grün zu leben, darf nicht durch die Einbildung einer wenigstens am Land intakten, möglichst menschenleeren, unberührten Natur kompensiert werden.

So sind die Meinungen etwa über die bösen Bauern am Land, welche mit ihrer Massentierhaltung und dem Pestizideinsatz die Natur zerstören, zutiefst kontraproduktiv. Sie stellen nur Lebensmittel billig und möglichst effektiv her, weil man auch als Stadtbewohner nicht mehr Geld dafür ausgeben will, aber die Bauern ebenso von ihrer Arbeit leben wollen. Das auch dort, der menschlichen Sündhaftigkeit entsprechend, Gier vorherrschen kann und als Ergebnis Raubbau an der Natur, darf nicht verschwiegen werden.

Natur nur als ökologischen Wert zu deklarieren, sie „aufzurechnen“, ist von Beginn an falsch. Wer in der Natur lebt, weiß besonders im christlichen Kontext nichts von deren Wert, weil man Natur von sich nicht trennen kann, sie ist nicht irgendwo draußen, sondern Teil des eigenen Lebens. Natur einen Wert geben, würde bedeuten sich selbst einen (oder keinen) Wert zu geben. Natur und Mensch ist, bedingungslos, auch ohne „Wert“. Damit darf auch keine Vergötzung einher gehen, weder beim Menschen noch mit der Natur. Beider Leben ist Geschenk des Schöpfers und der Mensch hat verantwortungsvoll und schonend mit der Natur umzugehen. Die Liebe zur Natur gründet in der Liebe zum Schöpfer und so ist sie weitaus tiefer, als nur ein Gefühl. Wie dieser Umgang mit der Natur gelingt, hat Papst Franziskus 2015 eindringlich in seiner Enzyklika „Laudato si“ dargelegt.

Wer als Stadtbewohner also nächstens wieder auf das Land fährt (mit öffentlichen Verkehrsmitteln?), so ist er dort herzlich willkommen. Er trifft dabei keine Bewahrer seiner romantischen Naturvorstellungen, sondern Menschen, die oft über Generationen hinweg aus Natur Kultur, aus Natur Leben und Nahrung gestalteten. Sie wissen bereits, was Natur bedeutet, wie herrlich und gefährlich sie sein kann, als Städter ist man eingeladen mit ihnen die Natur in sich, verbunden mit der Natur an sich zu erkennen.

Stadtbewohner sollen wissen, dass Natur keine romantische Vorstellung ist, sondern dass man sie in einen selbst wiederfinden muss. Es ist irrig, etwa die menschliche Natur in seiner Zweigeschlechtlichkeit zu leugnen, alten, kranken Menschen oder ungeborenes Leben das Lebensrecht abzusprechen, während man gleichzeitig leidenschaftlich um unberührte Natur und dort für das Lebensrecht von Tieren und Pflanzen kämpft. Würde man seine menschliche Natur wieder annehmen und mehr schätzen, würde alsbald Natur nicht mehr nur ein Ort sein, den man suchen muss, sondern wieder ein Teil des menschlichen Wesens werden, den man pflegen muss.

Für alle, die das schon erkannten, gilt dieses Plädoyer natürlich nicht, für sie sei es nur Erinnerung.

der emmauspilger

S.D.G.

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