Martin Luther und der unfreie Wille

Die Theologie von Martin Luther stellt die These vom unfreien Willen des Menschen auf. Damit wird ihm jeglicher Einfluss auf sein Wirken und Werden, auf sein „Schicksal“ genommen. Dies steht im Gegensatz zur katholischen Lehre der Kirche, die dem Menschen den freien Willen und Verantwortlichkeit zuspricht. Sie geht davon aus, wenn Gott den Menschen als sein Abbild schuf, dann auch als liebesfähiges Wesen. Nun muss ihm auch der freie Wille zugeordnet sein, denn ohne Freiheit und ohne Willensentscheidung ist die Liebe in Form der Hingabe an das Du unmöglich. Ob nun der Wille des Menschen als frei oder unfrei betrachtet wird, hat entscheidende Auswirkungen auf das Gottesbild. Die Unterschiede der Betrachtungsweisen sollen hier einmal gegenüber gestellt werden:

Mit freien Willen kann man sich gegen Gott und für eine Selbstschädigung entscheiden, ohne freien Willen nicht. Anders betont: Da alles Gnade ist und es dennoch die Hölle gibt, kann der Mensch passiv nicht Nein zur Erlösung durch Gott sagen oder das Gegenteil.

Es kann ein Liebesakt Gottes sein, wenn er für Menschen und Engel, die ihm nicht dienen wollen, einen Ort schafft, wo sie leben können und möchten. Haben sie aber keinen freien Willen, dann ist in Gott das Böse, weil er die Hölle geschaffen hat, wo die von Gott Verdammten ewig schmachten.

Wenn Gott die Liebe ist, dann respektiert er die freie Willensentscheidung der Menschen und Engel. Haben sie jedoch keinen freien Willen, dann ist Gott verantwortlich für das Böse und das Gute, das Mensch und Engel tun.

Gott ist entweder die Liebe oder ein dialektischer Gott, die Einheit von Gut und Böse. Dann ist in Gott auch die Person des Satans, seines Widersachers. Dann ist Gott letztlich vierpersonal, der Vater, der Sohn, der Hl. Geist und Satan (Hegel).

Mit seinem freien Willen kann der Mensch Gut und Böse unterscheiden und sich entscheiden, wofür er Verantwortung und die Konsequenzen daraus trägt. Hat er den freien Willen nicht, dann ist in Gott das Böse aufgehoben, vergöttlicht.

Als Adam und Eva frei und willentlich gesündigt haben, kam der Tod in die Welt. Haben sie keinen freien Willen, dann hat Gott den Sündenfall mit der Erschaffung Evas schon vorherbestimmt. Dann hätte Adam recht, wenn er Gott für seine persönliche Sünde die Schuld gibt und ihn anklagt, dass die Frau, die er ihm gegeben hat, das Unheil brachte.

Der Mensch erleidet den Tod, weil sich Adam willentlich frei von Gott abwandte und die Folge als Erbsünde tragen muss. War diese Abwendung nicht aus freien Willen geschehen, dann hat Gott den Tod gewollt und geschaffen.

Es gibt die biblische Aussage, dass alles Leid dieser Welt, einschließlich des Todes, die Folge der freien und willentlichen Abwendung des Menschen von Gott ist. Ist jedoch der Wille unfrei, dann ist der Mensch vorherbestimmt durch den alles wirkenden Gott, der in seiner Allmacht unberechenbar ist.

Mit seinem freien Willen ist der Mensch selbst verantwortlich für seine Abkehr von Gott und der Sünde. Hat er keinen freien Willen, dann ist Gott dafür verantwortlich, der das Böse tut, um das Gute zu erreichen.

Gott bleibt bis zu einem gewissen Grad ohnmächtig und respektiert die freie Willensentscheidung des Menschen bis hin zur Selbstschädigung. Deshalb hat der barmherzige Vater im biblischen Gleichnis das halbe Vermögen dem zweiten Sohn gegeben, der seinen Weg ohne den Vater gehen wollte. Ohne den freien Willen war jedoch das Schicksal der beiden Söhne vorherbestimmt und dieses führte Gott zum guten Ende, durch das Böse, das er im zweiten Sohn wirkte.

Der freie Wille schließt jedoch eine Vorherbestimmung des Menschen aus. Hat er keinen freien Willen, ist er vorherbestimmt. Dann muss man sich die Frage stellen, ob er überhaupt sündigen kann, sich selbst schädigen. Dann wäre er gar nicht zur Sünde und zur Schuld fähig, es gäbe keine Sünden und Verletzungen. So bleiben die Schuld und Sünde an Gott haften. Das hat zur Folge, dass ein Sündenbekenntnis, eine Beichte bei einem schuldunfähigen Menschen überflüssig ist. Nun wird auch ein Erlösergott überflüssig, der doch gerade den Menschen vor der Sünde und Schuld am Kreuz retten wollte.

Doch was für einen Sinn macht es dann, überhaupt den Weg mit Gott zu gehen, ihn zu bitten und mit ihm eine ewige Gemeinschaft zu ersehnen? Wenn alles vorherbestimmt ist, dann wird der willenlose Mensch zum Spielball Gottes, der eine Einheit von Gut und Böse ist und jedes Leid in Kauf nimmt, damit seine Pläne Wirklichkeit werden.

Wirkt und ist so die Liebe? Reflektieren wir unser Gottesbild in Hinblick auf die These des unfreien Willens bei Martin Luther und überlegen wir, ob dieses andere Gottesbild letztlich nicht der tiefe Grund ist, warum die Kirche und protestantische Gemeinschaften auseinanderdrifteten und es noch immer tun.

 

S.D.G.

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