Eine kleine Geschichte des Todes

Der Tod als Sündenstrafe. Abel zeigt es uns. Der Verbrecher Kain gibt nicht nur auf die Frage von Gott nach dem Verbleib seines Bruders eine zynische Antwort, sondern es wird auch offenbar, dass der Tod ein „Nichtmehrhütenmüssen“ des Bruders ist. Ein frappierender Gegensatz zum Neuen Testament, in dem ewiges Leben durch den Sohn verheißen wurde und das Gebot der Nächstenliebe sich auch auf das Hüten des Bruders bezieht.

Doch hier, im alten Bund, ist der Tod ein furchtbares Alleinsein. Keine Verheißung mildert noch die Verlassenheit. Der Tod bedeutet vor der historischen Auferstehung des Herrn und Gottes Jesus Christus das Ende. Dieses Ende gelangt durch die Tat Kains in ihr schreckliches Licht. Der dem Tod ohne Verheißung verfallene, wird auch vom Bruder und Nächsten fallen gelassen.

Ein hohes Lebensalter der Urväter verschleiert den Tod nur. Deren Fülle des irdischen Lebens wird zur Kenntnis genommen, aber auch deren endgültiges Ende. Sie sollen in ihren Nachkommen weiterleben, die akribisch verzeichnet werden. Ein seltsamer Bruch geschieht in Henoch. Er stirbt nicht, er wird entrückt. Was aus ihm geworden, bleibt unbekannt. Doch dieser Bruch macht das Geheimnis des Todes nur noch tiefer. Denn hinter ihm steht wohl die Anwesenheit der Macht Gottes. Der Tod wird durch eine Entrückung ersetzt, aber Henoch kommt dennoch nicht mehr zurück. Was bleibt, ist die Ahnung, dass Gott an Stelle des Todes etwas anderes zu setzen vermag. Ein gleichnishaftes Licht aus Gnade bricht herein, welches das dunkle Geheimnis vom Tod als Strafe beleuchtet.

Als dann Moses zum letzten Mal auf den Berg steigt, kommt er auch nicht mehr zurück. Er stirbt und wird von Gott an unbekannter Stelle begraben. Er entschwindet ein letztes Mal mit Gott, obwohl er zuvor viele Male den Nachblickenden mit Gott entschwunden ist. Dann kam er immer mit Aufträgen und Worten von Gott zurück. Nun ist es anders: Gott hat Moses nun behalten. Gott verwaltet seinen Tod, sorgt sich im Tod um ihn. Der Tod des Moses bleibt jedoch wie viele Momente in seinem Leben ein Geheimnis, die alle die Gegenwart Gottes bekräftigten.

Nach einiger Zeit wird wieder ein Mensch entrückt, es ist Elias. Nun sind Zeugen anwesend. Die Entrückung wurde vorhergesagt. Das Geheimnis des Todes bricht nicht plötzlich herein, es wird vorbereitet, damit es sich auswirken kann. Die Entrückung ist prunkvoll, aufgeladen mit Macht, damit die Gegenwart Gottes erkannt wird. Ebenso werden verhüllte Bilder des Vaters im Himmel dargestellt. Der Schluss einer regelrechten Inszenierung sprengt alle menschlichen Erwartungen und überbietet alle Ansprüche des Glaubens. Alles zeigt sich voller, größer, die Macht Gottes bricht herein, die nicht an den Dingen der Welt stehen bleibt. Das Jenseits erhält die Form einer gesteigerten Wirklichkeit. Das System der Schöpfung wird durch den Schöpfer überschritten.

Es wird immer deutlicher, dass Gott sich unentwegt um die Erde kümmert. Sein Wirken ist zeitlos und lebendig, mit einer weitaus größeren Fülle, als unser Leben es vermag. Der handelnde Gott fügt dem Dasein eine weitere Dimension hinzu: seine eigene, in ihr innewohnende Wirklichkeit. Dabei wird dem Menschen klar, dass in der Welt Gottes für ihn Raum ist.

In der Entrückung des Elias wird erstmals der Einbruch Gottes in die geschlossene Menschenwelt offenbar. Geschlossen war sie seit dem Sündenfall. Bis dahin blieb die Welt Gottes etwas Jenseitiges. Der Tod war Abschluss der menschlichen Wirklichkeit. Nun kamen jedoch durch Propheten Verheißungen eines Messias hinzu. Der Himmel selbst gerät in Bewegung. Das göttliche Leben bricht hin zum Menschen auf. Es wird ihr Leben und ihren Tod grundsätzlich verwandeln.

Diese Verwandlung, so glaubten die Menschen, wird so übermächtig sein, dass die ganze Welt wieder ins Chaos stürzen wird. Kriege und Gewitter, unheimliche Zeichen werden diese Wandlung ankündigen. Die vom Menschen in Sünde erbaute Welt kann sich dem Zugriff Gottes nicht entziehen. Auf dieses Ereignis lebt und hofft der Mensch hin. Dann wird Himmel und Erde neu versöhnt werden und das wird sich auch auf den Tod auswirken. Das Endgültige des Menschen kann von Gott umgewertet werden.

Der Tod wurde zum einem Preisgeben hin zu einem ungewissen Geschick. Darin verschafft sich Gott durch seine Verheißung seinen Platz. Auf diese Verheißung und auf Gottes Wort galt es hinzuhören, damit die Todesfurcht schwinden konnte. Wer sich von Gott jedoch abwandte, versank wieder in der Absolutheit des Todes. Das Wort Gottes ist mächtig und kann das Unbegriffene in sich bergen. Das Bedrohliche und Unruhvolle des Todes wird durch die Hoffnung auf eine Teilnahme an Gottes Wirklichkeit ersetzt. Der daran Glaubende erhält daraus Kraft.

In Gottes Sohn, der in die menschliche Welt kam, erhielt das Unbegriffene ein Angesicht. Doch es war so unbegreiflich, dass nur wenige daraus die Erfüllung der Verheißung erkannten. Wie die Entrückung des Elias, machtvoll und prachtvoll, erwartet man das Erscheinen des Messias. Doch Gott musste Mensch werden, damit das Ende des Menschen von der Strafe zu einem Neuanfang in Gott werden konnte. Den Tod, als das Ende, nahm Gott auf sich, um ihn in seine Ewigkeit hinein aufzulösen. Der Tod und die Toten erhielten durch den Tod von Gottes Sohn eine göttliche Dimension.

Was in den Tod von Gottes Sohn an menschlicher Endlichkeit hineingenommen, wurde durch seine Auferstehung mit in seine Unendlichkeit überführt. Der Tod verlor seinen Stachel des Endes. Verknüpft mit dem Glauben an die Vergebung Gottes der Sündenstrafe, wird der Tod zu einer Wiedergeburt hinein in das Reich Gottes. Doch nicht nur die Toten haben daran Anteil. Der Gläubige wird durch Gottes Sohn verbunden mit den Toten. In dem der Sohn Gottes in den an ihn glaubenden hineingeboren wird, pflanzt sich der Keim seines auferstandenen Lebens schon in das Leben des Gläubigen ein. Der Tod muss seine Absolutheit der absoluten Lebendigkeit Gottes preis geben.

Der Tod hat seinen Stachel verloren. Jesus Christus ist wahrhaft auferstanden!

In Erinnerung an Adrienne von Speyr

 

S.D.G.

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