Christusorte: Der Berg Tabor

War der Berg Tabor der Ort der Verklärung, die in den Evangelien (Mt 17:1-9; Mk 9:2-10; Lk 9:28-36) beschrieben wurde? Das Ereignis wird dort jedoch ohne konkrete Ortsangabe berichtet. Der Berg Tabor liegt mit einer Höhe von 588 m ca. 8 km Luftlinie südöstlich von Nazareth und zeigt in seiner isolierten Lage weit sichtbar seine markante Form. In Neuhebräisch und im AT wird der Berg har tavor genannt, die Araber nennen ihn Dschebel et-Tur, was einfach „der Berg“ bedeutet. Der Name scheint aus dem Phönizischen zu stammen und bezeichnet eine semitische Gottheit, die bei den Griechen als Zeus Atabyros bekannt ist. In der Septuaginta nennt man den Berg Itaburion, was sich wohl daher ableitet. Die aramäische Übersetzung des AT, die Targumim, nennt den Tabor einfach „hoher Berg“ (tor ram).

In kanaanäischer Zeit war der Berg Tabor Zentrum des Baals-Kultes (Dtn 33:19; Hos 5:1). Bei der Landverteilung unter den Stämmen Israels trafen sich hier die Grenzen von Zebulon, Issachar und Naphtali (beim heutigen Ort Dabburiyeh). Nach dem Bau einer ägyptischen, hellenistischen und hasmonäischen Festung, gründeten in der Kreuzfahrerzeit hier deutsche Benediktiner ein Kloster, das jedoch 1187 aufgegeben und 1263 zerstört wurde. Erst 1631 konnte sich unter dem Drusen-Emir Fachr ad-Din eine franziskanische Niederlassung dauerhaft auf dem Berg etablieren. Die heutige Verklärungs-Basilika stammt aus den Jahren 1921-24. Daneben steht das Franziskanerkloster mit der Casa Nova.

Wie bereits erwähnt, sind in den Evangelien keine Ortsangaben über den Berg der Verklärung verzeichnet. Es wir lediglich von einem „hohen Berg“ berichtet. Lukas nennt ihn im Griechischen „den Berg“. Die Tradition weiß um den Tabor als Ort der Verklärung, die Bibelwissenschaft jedoch zeigt sich dem gegenüber skeptisch. Dies vor allen, weil viele der zeitgenössischen Wissenschaftler davon ausgehen, dass man über das Christentum im Hl. Land vor dem 4. Jh. nichts wisse. Allerdings sind weitaus frühere Pilgerberichte aus dem Hl. Land sehr wohl vorhanden. Die wenigen Zeugnisse des frühen Christentums im Hl. Land rühren daher, dass das Land ständig unter Krieg und Unruhen litt, was aber nicht bedeutet, dass keine christlichen Gemeinden existierten. Zudem ist für viele zeitgenössische Bibelwissenschaftler der Verklärungsbericht nicht historisch. Er ist vielmehr symbolisch aufzufassen als Christuserscheinung in einer apokalyptischen Szenerie. Eine geografische Verortung sei daher hinfällig. Wissenschaftler, die dem Text historische Elemente zusprechen, lokalisieren die Verklärung meistens am Berg Hermon, weil sich Jesus damals (Mk 8:27) unweit davon in Cäsarea Philippi aufhielt.

Als Verklärungsberg wird der Tabor in der frühesten Quelle vom apokryphen Hebräerevangelium genannt. Origenes (185-254) zitiert in einer Predigt zu Jeremias (15.10) dieses Hebräerevangelium und bestätigt eine Tradition unter Judenchristen am Berg. Eusebius (260-340) lässt in seinem „Onomastikon“, einem biblisch-geografischen Namensverzeichnis, den Berg Tabor nach Erwägung aller „akademischen Argumente“, als Ort der Verklärung gelten. Cyrill von Jerusalem (315-386) bezeugt dann ausdrücklich diese Tradition als allgemein anerkannt. Hieronymus (342-420) wiederum schreibt in einem Brief  (46.12) an die wohlhabende Römerin Marcella, die er ins Hl. Land einlädt: „Wir werden auf den Berg Itabyrion (Tabor) steigen, um die Zelte des Herrn zu sehen …“. Vielleicht meint er damit Kirchen. In einem anderen Brief (108.13) berichtet er, dass Paula auf den Berg Tabor ging, wo Jesus verklärt wurde. Auf der Synode von Jerusalem nahm 518 ein „Bischof des heiligen Berges Tabor“ teil. Der anonyme Pilger aus Piacenza berichtet wiederum 570 von drei Kirchen, entsprechend der drei Hütten, am Berg Tabor. Natürlich muss auch in Betracht gezogen werden, dass gerade die günstige Lage des Berges an den Pilgerrouten die Tradition hier entstehen ließ, und nicht auf dem weit im Norden liegenden Hermon.

Neben diesen literarischen Zeugnissen gibt es Argumente für den Tabor, die sich aus den Evangelien ableiten lassen. Matthäus und Lukas nennen ihn schlicht „den Berg“. Daraus kann man schließen, dass es in Galiläa einen Berg gab, der für die christlichen Gemeinden eine besondere Bedeutung aufzuweisen hatte. Der 2. Petrusbrief (1:16-18) lässt einen Berg in der Gemeinde allgemein bekannt als „den heiligen Berg“ bezeichnen. In Mt 17:1 (Mk 9:2) heißt es, Jesus „… nahm Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg“. „Beiseite“ kann ebenso mit „abseits“ übersetzt werden, und sich auf den Berg beziehen. Nun liest man „… und führte sie auf einen hohen Berg abseits“, was besonders auf den galiläischen Berg Tabor zutrifft. Die Zeitangaben in der Bibel mit sechs (Mt 17:1; Mk 9:2) und acht (Lk 9:28) Tagen können zudem als Entfernungsanagabe gelesen werden und damit auf den Berg Tabor hinweisen, da der Berg Hermon von Cäsarea Philippi aus in kürzerer Zeit erreichbar gewesen wäre.

 

S.D.G.

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