Wir sind eine lebendige Opfergabe

Bei den Urchristen gab es von Anfang an keinen Zweifel, dass das Tempelopfer, der kultische Dreh- und Angelpunkt der Tora, durch den Tod des Herrn ausgedient hatte. Der Tempel wurde zu einem würdigen Ort des Gebets, aber seine Opfer galten für Christen nicht mehr. War also nun das Kreuz Christi der neue Kult der Menschen für eine wahre Reinigung und Sühne in der sündhaften Welt?

Im Römerbrief nennt Paulus den gekreuzigten Jesus „Hilasterion“ (3:25). Gemeint ist hier der Deckel der Bundeslade, auf den am Versöhnungstag der Juden beim Versöhnungsopfer vom Hohepriester das Sühneblut des Opfertiers gesprengt wurde. Die Urchristen verstanden nun diesen Ritus im Hinblick auf den Herrn richtig: Nicht Tierblut kann Gott und Mensch durch Berührung eines heiligen Gegenstands versöhnen, sondern der ewig Reine, die Seele Christi, der Sohn Gottes berührt in seiner Passion die ganze sündhafte Welt. Zuvor machte das Unreine das Reine durch Berührung ebenfalls unrein, nun wird das Unreine, das Unrecht, das Leid und die menschlichen Grausamkeiten durch die Berührung mit dem Reinen, dem Sohn Gottes, zum Verlierer, denn er ist der Stärkere. Durch die Stärke des Herrn wird das Sündige der Welt angezogen, eingesogen und umgewandelt in einen Schmerz unendlich großer und ewiger Liebe.

Dadurch erhalten wir auch eine Antwort auf die Frage: Wie grausam muss Gott sein, wenn er vom Menschen eine unendliche Sühne verlangt? Das Gottesbild eines barmherzigen Gottes muss hier quasi den Sühnegedanken verdrängen. Aber blickt man auf das Kreuz, so erkennt man, dass die reale Vergebung der Sünden von dort und umgekehrt geschieht. Unsere Schuld entstellt die Welt, in der das Unrecht und das Böse real ist. Damit wird auch das Bild Gottes entstellt. Diese Entstellung, diese Schuld, kann nicht ignoriert werden, sie muss aufgearbeitet werden. Aber eben nicht durch uns Menschen, denn es würde unser Vermögen überschreiten. Es ist der Herr der Welt, der sich für die Vergehen seiner Diener schlagen lässt, Gott richtet selbst auf Golgota den Ort der Versöhnung auf und nimmt das Leid der Menschen dort durch seinen Sohn auf sich. Er ist es, der den Kelch aller menschlichen Grausamkeiten trinkt und leert, dessen unendlich große Reinheit aus Liebe wieder das Recht herstellt, durch Leid Licht in die Finsternis trägt.

Schon die griechischen Philosophen, die kurz von der Geburt Christi lebten, empfanden das Ungenügende, das mit einem Tieropfer für die Götter oder für Gott verbunden war. Sie erkannten, dass Gott unbedürftig ist und der Mensch nichts zu geben imstande ist, was Gott würdig wäre. Deshalb gaben sie dem Gebet, die Öffnung des Herzens hin zu Gott, die einzig wahre Kultfähigkeit für Gott. Des Menschen ganze Existenz sollte zu einer kultischen Antwort für Gott werden. Die Tora und der Gehorsam zu deren Worte sollten den Menschen dazu verhelfen. Doch auch hier zeigen sich des Menschen Mängel auf: Sein eigener Wille gewinnt allzu oft die Oberhand, die Sehnsucht nach Sühne bleibt unbefriedigt. Ihn quält die Frage: Wer kann Gott geben, was wir ihm nicht geben können, aber trotzdem von uns kommt?

Als der Sohn Gottes Fleisch wurde, nahm der Gehorsam eine Dimension an, die menschlicher Gehorsam niemals erreichen kann. Dieser leibhaftige Gehorsam des Herrn am Kreuz wird zum neuen Opfer, das unser ganzes Menschsein mit hineinzieht und unseren Ungehorsam damit auflöst in seiner Liebe. Niemals hätten menschliche Moralvorstellungen eine rechte und ehrwürdige Verehrung für Gott sein können. Allein Gottes Gnade versetzt uns erst in die Lage im Herrn und durch den Herrn diese Verehrung zu gestalten. Doch was bedeutet diese „Gestaltung“ im und durch den Herrn konkret für mich?

Christi Gehorsam eröffnet dem Menschen einen Raum, in den er im Glauben durch die Taufe und die hl. Eucharistie eintreten kann. Das Kreuz ist nicht außerhalb von uns, es ist in uns und erhöht uns, verherrlicht uns mit und durch Jesus Christus. So kreuzigen wir an diesem Kreuz unseren Willen, unseren Hochmut, unser Ego, unsere gesamte Existenz mit und für Gott. Damit wird unser Leib dem Leib Christi ähnlich, unser Leib gleich dem Wort, dem Logos. Das Wort hat nicht von außen am Leib zu wirken, sondern muss den Leib ganz durchdringen. Dabei darf das Wort nicht wie bei einem Stalagmit nur über eine lange Zeit außen herunter träufeln und eine harte Kruste bilden, sondern es muss eindringen, durchdringen, verändern, damit der Mensch eine Gabe an Gott wird. Gelingen wird dies nur mit und in der Liebe des Herrn, seiner Heiligkeit, die unsere Hilflosigkeit auffängt, umfängt und vor Gottes Thron trägt. Die Liebe ist es, die den Menschen als „Jesu Leib“ jedoch nicht als passiven Gnadenempfänger ausweist, sondern wir mitwirken dürfen, weil die Liebe nicht anders kann, als sich verschenken.

Durch das Kreuz des Sohnes Gottes sind wir selbst zu einer lebendigen Opfergabe geworden (vgl. Rö 15:16). Indem wir unsere Existenz Gott überantworten, werden wir selbst zum wahren Kult. Dies geschieht durch das heilende und verwandelnde Wort. Christus am Kreuz ist der wahre Hohepriester, der sich selbst hingab, wir können zu einem allgemeinen Priestertum gelangen, wenn wir uns selbst hingeben. Aus dieser Erkenntnis heraus sind die Christen in der Urkirche in ihr Martyrium gegangen, als Weizenkorn Christi, das sich im Martyrium zum Brot Christi mahlen ließ (vgl. Ignatius von Antiochien Ign. Rom. 4.1; Polykarp). Wir heute sind gleichsam Weizenkörner, die durch Leid und Drangsal gemahlen werden, um dann zu Brot zu werden. Dieses Brot erhält seinen Geschmack durch Christi Geheimnis und seiner Liebe, um zur Gabe an Gott und für den Nächsten zu werden.

In der Sühne am Kreuz liegt ein Geheimnis, das nicht einem Rationalismus überlassen werden darf, der alles besser zu wissen glaubt. Die Strafe des Herrschers für die Sünde traf nicht etwa die Sünder, seine Diener, sondern in seiner unendlich großen Barmherzigkeit gab er in seinem gehorsamen Sohn dafür selbst sein Leben hin. Dieser spricht es aus (Mk 10:45):  „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele.“ Und nun sind wir im Glauben daran Kinder Gottes. Wer kann uns mehr bieten? Halleluja!

der emmauspilger

S.D.G.

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