Glaube vs. Philosophie

„So kommt der Glaube aus dem Hören; was aber gehört wird, kommt durch das Wort Christi.“ (Rö 10:17, GB). Paulus zeigt damit auf, dass allein das Bibellesen, der Buchstabe des Wortes, nicht zum Glauben und damit zum Heil führt. Das „sola scriptura“ Luthers ist in seiner Verkürzung deshalb eine Sackgasse, die in die unzähligen Spaltungen im Protestantismus führt. In dem Paulus nicht davon spricht, der Glaube käme vom Lesen, wird der grundsätzliche Unterschied zwischen Glauben und bloßer Philosophie offenbar. Der Glaube indes kann durchaus in seinem Innern die philosophische Wahrheitssuche in Bewegung setzen. Das Hören des Wortes Christi bedeutet nicht das Lesen des Wortes, sondern das innere Bewegen desselben im Herzen, wie es Maria tat. Das Wort ist Jesus Christus selbst, Person, wahrer Mensch und wahrer Gott. Somit wird das Hören des Wortes zum hinhören auf eine Person, Jesus Christus, und damit Gott. Der Glaube ist somit kein Nachdenken, wie die Philosophie.

Glaube ist ein Empfangen dessen, was man sich nicht ausgedacht hat. Das Denken im Glauben setzt immer das Nach-denken des vorher Gehörten und Empfangenen voraus. Es gibt im Glauben einen Vorrang des Wortes, Jesus Christus, vor dem Gedanken. Der Gedanke setzt bereits eigenes voraus und kann somit empfangenes nur mehr undeutlich erkennen. So kann der Glaube niemals bloßes Produkt des Nachdenkens sein. Das Eigentliche des Glaubens ist, dass er nicht ausdenkbar, sondern nur empfangbar ist. Es ist ein verantwortetes Empfangen, in dem das Vernommene, das Gehörte, zwar nie gänzlich sein Eigentum wird, der Vorsprung des Empfangenen nie gänzlich eingeholt werden kann, aber doch das Ziel haben muss, das Empfangene sich immer mehr anzueignen, in dem man sich dem Größeren übereignet. In dem der Glaube der von außen an den Menschen herantretende ist, kann das Wort, das Gehörte, nicht beliebig, verfügbar und austauschbar sein. Der Gedanke über das Wort schafft sich nicht seine Wörter, sondern das gegebene Wort weist dem verstehenden Denken seinen Weg.

Damit tritt auch der soziale Charakter des Glaubens zu Tage, der einen weiteren Unterschied zur wesentlich individuellen Struktur philosophischen Denkens bildet. Philosophie ist ihrem Wesen nach ein Werk des Einzelnen, der Gedanke gehört ihm selbst, kommt von ihm, obwohl niemandes Denken nur aus dem Eigenen leben mag, sondern Verflechtungen abbildet. Für den Glauben ist das Primäre das verkündete Wort, das gehört werden muss. Während der Gedanke innerlich, bloß geistig ist, stellt das Wort das Verbindende dar. In der Philosophie, somit etwa auch im Buddhismus, steht am Anfang das private Wahrheitssuchen, das dann, sekundär, Weggenossen sucht und findet. Glaube jedoch ist zuerst ein Ruf in eine Gemeinsamkeit, in die Einheit des Geistes durch die Einheit des Wortes. Die Einheit des Geistes liegt dort vor, wo die Einheit des Wortes gegeben ist, somit allein in der Kirche, denn dort ist das Wort, Jesus Christus, das Haupt und schafft die Gemeinschaft. Erst sekundär wird der Glaube dann dem Einzelnen den Weg in sein je persönliches Abenteuer der Wahrheit eröffnen.

Hier zeigt sich auch ein Gottesbild: Der Mensch erhält mit Gott zu tun, indem er mit dem Mitmenschen zu tun erhält. Der christliche Glaube ist wesentlich auf das Du und auf das Wir hingeordnet, in dieser doppelten Verklammerung verbindet er den Menschen mit Gott. Dies kann in einem bloßem nachdenken über Gott, um Erkenntnis zu erlangen, wie in der Gnosis, oder in einem philosophieren über das Göttliche, wie im Buddhismus, gar nicht primär zum Inhalt werden. Gott will im Glauben durch das Hören zum Menschen nur durch Menschen kommen. Gott sucht den Menschen nicht anders als in seiner Mitmenschlichkeit. Diese verknüpft nicht nur Menschen untereinander, sondern ursächlich dadurch, dass Gott selbst „mitmenschlich“ wurde, Mensch wurde in Jesus Christus.

In der Religion gibt es, wie in allen anderen Bereichen des menschlichen Geistes, eine Stufung der Begabungen. Religiös besonders „Begabte“ waren und sind Propheten, Mittler und Zeugen, die unmittelbar an religiösen Erfahrungen mit Gott teilhaben konnten, zu einer direkten Berührung mit dem Göttlichen fähig waren, doch sie bleiben Ausnahmen. Viele andere sind religiös nur rezeptiv begabt, ihnen ist die unvermittelte Erfahrung des Heiligen versagt. Jedoch sind sie nicht taub dafür auch durch die Erfahrungen begabterer Menschen ihrerseits Begegnungen zu empfangen.

Doch wo ist da die „Chancengleichheit“ im Glauben? Diese Frage zielt ins Leere, denn die Unterschiedlichkeit der religiösen Begabungen, welche die Menschen in „Propheten“ und „Hörende“ teilt, zwingt sie gerade ins Zueinander und ins Füreinander hinein, so wie eine Kirche im hl. Geist sein soll. Religion gibt es letztlich nicht im Alleingang des Mystikers oder Erleuchteten, sondern nur in der Gemeinsamkeit von Verkündigung und Hören. Ein egoistischer Mystiker wäre ein Paradoxon, also keiner, denn in der Vereinigung mit Gott muss auch die Einigung mit dem Mitmenschen geschehen, eine Rückwirkung der empfangenen Liebe Gottes. Das Gespräch des Menschen mit Gott und das Gespräch des Menschen miteinander fordern und bedingen sich gegenseitig. Es ist eine zwingende und nie zum fertigen Resultat führende Herausforderung des Menschen in einen Dia-log zu treten. Hierbei muss der „Logos“, Jesus Christus, das eigentliche Wort, immer durchtönen, weil von ihm alle Wörter kommen.

Dialog bedeutet demnach nicht allein über etwas zu reden. Eigentlich wird das Gespräch des Menschen erst, wenn er sich selbst auszusagen versucht. Dann wird der Dialog zur Kommunikation. Wenn sich der Mensch selbst in seiner Eigentlichkeit zur Sprache bringt, ist auch irgendwie immer von Gott die Rede. Das Zeugnis von Gott verstummt hingegen da, wo Sprache nur noch Technik und Mitteilung von „etwas“ ist. In einem logistischen Kalkül einer Sprache kommt Gott nicht vor. Hier wird Sprache nur mehr zur Signifikation technischer Mitteilung und die Berührung zum Logos des gemeinsamen Seins fehlt.

So bleibt nur zu mahnen: Höre, Israel, höre Volk Gottes! Oder wie Paulus uns zuruft: „So kommt der Glaube aus dem Hören; was aber gehört wird, kommt durch das Wort Christi.“ Im Hören auf Jesus Christus, nicht allein im lesen, nicht allein im nachdenken, nicht allein im reden über „etwas“, kommt der Herr im Mitmenschen und im Geist zu uns und wir dürfen glauben!

 

S.D.G.

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