Gog und Magog – Eine kleine Geschichte der Endzeit

In einigen christlichen Gemeinden stehen vor allen die Berechnung oder Auslegung der kommenden Endzeit im Mittelpunkt. Biblische Aussagen, wer etwa Gog und Magog (Ez 38 und 39; Offb 20:8) sind, werden unmittelbar in das politische Geschehen der Jetztzeit übertragen und daraus Voraussagen für die Zukunft getätigt. Diese Art der Bibelauslegung hat eine lange Geschichte und sie funktioniert nicht, seid sie durchgeführt wird. Hier ein paar Beispiele:

Der Kirchenvater Ambrosius (+397) widmet dem römischen Kaiser Gratian ein Buch über den Glauben, in dem er folgende Aussage trifft:  „Dieser Gog ist der Gote, den wir schon ins Feld ziehen gesehen haben, über den uns ein zukünftiger Sieg versprochen ist, wenn der Herr sagt: Und sie werden die ausplündern, die sie ausgeplündert hatten, und sie werden die berauben, die sich die Beute weggeschleppt hatten, spricht der Herr. Und es wird an jenem Tag geschehen, dass ich Gog – das bedeutet den Goten – einen Ort nennen und geben werde, ein Grabmal in Israel, vollgestopft mit zahlreichen Männern, die unvermutet über das Meer kamen …“.

Für Ambrosius sind Gog und Magog die Goten der Völkerwanderung. Er beruft sich auf Ezechiel und geht sogar soweit, dem römischen Kaiser Gratian die völlige Vernichtung der Goten zuzusprechen. Aber zu diesem prophezeiten Sieg kam es nicht, stattdessen erlitt der oströmische Kaiser Valens 387 eine desaströse Niederlage gegen die Goten bei Adrianopel. 410 kamen die Goten unter Alarich sogar nach Rom, eroberten und plünderten es. Die Heiligen Hieronymus und Augustinus folgten übrigens der Auslegung des Ambrosius nicht.

Hieronymus jedoch trägt eine andere Deutung bei, die später der Franziskaner Roger Bacon (in Opus majus IV, IV, 16, I, 364-365) weiter ausbaut: „Denn Gog und Magog, über die Ezechiel und die Offenbarung prophezeit haben, sind in dieser Gegend eingeschlossen, nachdem was Hieronymus in seinem zweiten Buch über Ezechiel sagt. Gog – das skytische Volk – jenseits des Kaukasus, Maeotien und das kaspische Meer erstrecken sich ohne Unterbrechung bis nach Indien, und nach dem Fürsten werden alle, die sich Gog unterworfen haben, Magog genannt und auf gleiche Weise die Judäer, die – nach den Berichten von Orosius und anderen Heiligen – umkommen werden.“ Demnach sind die Skythen Gog und, sehr erschütternd, werden dazu auch die Juden gezählt, obwohl Ez 38 und 39 doch gerade Trostworte für das jüdische Volk enthalten. Im Koran findet man eine ähnliche Gedächtnisspur.

In seiner Vorrede auf das 38. und 39. Kapitel des Propheten Ezechiel über Gog schreibt hingegen Luther: „Weil in der Offenbarung des heiligen Johannes im zwanzigsten Kapitel Gog beschrieben wird, wie er mit großem Heer, unzählbar wie Sand am Meer, wider die Christenheit streiten und endlich mit Feuer vom Himmel zerstört werden soll, welchen wir für den Türken halten, habe ich mir, weil ich hier so müßig sitze, vorgenommen, die zwei Kapitel Ezechiel, nämlich das 38. und 39. auch zu verdeutschen“. Luther saß 1530 auf der Feste Coburg und stand, wie ganz Mitteleuropa, unter dem Eindruck der Schlacht von Mohács, bei der 1526 die Osmanen die Ungarn vernichtend geschlagen hatten. Deshalb spricht für Luther die Bibel bei Gog und Magog von den Türken.

Im Jahr 1971 hielt der spätere US-Präsident Ronald Reagan, damals noch Gouverneur von Kalifornien, bei einem Dinner eine Rede: „Ezechiel sagt uns, dass Gog, also die Nation, die alle Kräfte der Finsternis gegen Israel anführen wird, aus dem Norden kommen wird. Bibelwissenschaftler sagen seit Generationen, dass Gog Russland sein muss. Denn was für eine andere mächtige Nation gibt es nördlich von Israel? Keine! Aber das schien vor der russischen Revolution keinen Sinn zu ergeben, als Russland ein christliches Land war. Aber jetzt, wo Russland kommunistisch und atheistisch geworden ist, hat sich Russland selbst gegen Gott gestellt. Nun passt es perfekt in die Beschreibung Gogs“. Hier haben wir also eine weitere Deutung für Gog und Magog: Es ist Russland.

US-amerikanische Präsidenten bemühen im Übrigen gern die Bibel, um Feindbildern eine konkrete religiöse Form zu geben. Die amerikanische Zeitung „The Guardian“ berichtet in einem Artikel vom 10. August 2009, dass sich 2003 Präsident George W. Bush anlässlich der Irak-Invasion auf Gog und Magog berufen habe. Demnach meinte Ezechiel mit Gog und Magog eigentlich Saddam Hussein und den Irak.

Man sieht, dass trotz größter Bemühungen selbst großer Theologen und amerikanischer Präsidenten, die Identifizierung von Gog und Magog in der Geschichte nicht möglich war. Dennoch wird weiterhin daran gefeilscht quasi anhand der Tageszeitung Inhalte der Bibel zu erklären. Mit der „Hure von Babylon“ geschieht ähnliches. Je nach Tagesgeschehen, Ideologie oder Feindbild kann sie beispielsweise Rom, Jerusalem oder die katholische Kirche sein.

Jesus Christus mahnte seine Nachfolger, stets im Augenblick ein ganzes Leben lang aufmerksam für die Liebe zu sein und keine Termine dafür als Anfang und Ende zu berechnen. In der Liebe ist keine Angst, weshalb ein Ende aller Drangsal zwar kommen wird, jedoch nicht das Ende der Ewigkeit.

 

S.D.G.

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