Die Apotheke der Franziskaner in Jerusalem

Es war das Jahr 1342, als Papst Clemens VI. die Franziskaner damit beauftragte die Heiligen Stätten im Hl. Land zu betreuen. Doch bereits 1335 entstand in Jerusalem das erste Pilgerhospiz, das Einheimischen und Pilgern Gastfreundschaft und Hilfe anbot. Zunächst funktionierte das Hospiz meist sehr gut, jedoch ab Mitte des 15. Jahrhunderts rissen die Pilgerströme aufgrund muslimischer Repressalien immer wieder ab, so dass das Hospiz bald nicht mehr seine Aufgaben erfüllen konnte. Nun waren die Franziskaner darum bemüht für die Nöte der Bevölkerung eine Lösung zu finden. Ihr Kloster Sankt Salvator besaß eine Apotheke und eine Krankenabteilung, welches in einem Haus untergebracht war, das auch für Pilger offen stand. Jeder Bedürftige konnte sich in der Apotheke mit medizinischen Kräutern versorgen. Die mangelnde medizinische Versorgung der Stadtbewohner, egal welcher Religion er angehörte, glichen die Brüder ebenso aus.

Es gibt kein schriftliches Zeugnis für die Errichtung einer Apotheke und der Krankenstation im Franziskanerkloster in Jerusalem. Der polnische Edelmann Radziwill erwähnt jedoch beides in seinem Reisebericht aus dem Jahr 1583. Erst die Erlaubnis der Erneuerung der Gebäude machen die zwei Einrichtungen nun aktenkundig. Dies geschah jedoch erst im 17. Jahrhundert, dabei war die Apotheke des Klosters Sankt Salvator eine der aktivsten und bekanntesten im Hl. Land. Weitere gab es in den Klöstern in Betlehem und Nazareth, sowie in Syrien in Knaya und in Antep (heute Gaziantep in der Türkei).

Die Apotheke im Kloster Sankt Salvator befand sich wahrscheinlich im Südteil der Anlage, gegenüber der Casa Nova. Neben der Apotheke lag ein kleiner Garten mit Pflanzen zur Arzneibereitung. In der Nähe befanden sich die medizinische Bibliothek mit einer großen Anzahl von Büchern und Manuskripten sowie medizinische Handschriften aus dem 14. Jahrhundert.

Dorthin reiste 1686 der Franziskaner Antonio Menzani aus der Toskana. Der Kustos betraute ihn mit der Aufgabe des Apothekers. 1650 geboren, studierte Antonio Theologie und wurde durch Kardinal Nerli, Erzbischof von Florenz, zum Priester geweiht. Zudem absolvierte er außerhalb seines Klosters ein medizinisches Studium, damals bei italienischen Franziskanern nicht ungewöhnlich. So war die Aufgabe von Antonio in Jerusalem die Betreuung seiner Mitbrüder als Arzt und Apotheker, aber auch die Behandlung des allgemeinen Publikums, ob Mann, Frau unabhängig von ihrer Religion.

Dieser Dienst gestaltete sich oftmals mühsam, denn in der orientalischen Mentalität hing die Genesung eines Patienten auch vom guten Willen des Arztes ab und stellte sich keine Heilung ein, musste er wütende Anklage, ja Verfolgung über sich ergehen lassen. Sein Trost waren die Erleichterung von Leiden der Patienten oder sein Beistand in den letzten Stunden bei alten Menschen, wenn sie sich unter den Schutz des Glaubens stellten. Als Arzt wurde Antonio einmal zu einem kranken muslimischen Kleriker in den Abendmahlsaal gerufen. Damals drohte jedem christlichen Besucher dieses Ortes die Todesstrafe. Zudem konnte ein Misserfolg seiner Behandlung seinen eigenen Tod nach sich ziehen, doch es gelang ihm den Mann zu heilen.

Die unermüdliche medizinische Arbeit von Bruder Antonio gab Gläubige und Ungläubige ein wunderbares Beispiel. Er erweiterte die Klosterapotheke von Jerusalem und verschaffte ihr großes Ansehen. Er liebte seine Arbeit und versuchte sich an immer effizientere Heilmethoden. So entwickelte er ein hochgeschätztes und berühmtes Mittel, das er „Jerusalemer Balsam“ nannte. Es dauerte 24 Jahre, um das Heilmittel zu vollenden, das Ingredienzen enthielt, die den damaligen Apothekern unbekannt waren. Das Mittel half gegen verschiedenste Leiden und Symptome, von Wunden bis zu Magenleiden. Es ist schwierig heute den tatsächlichen medizinischen Wert des Wundermittels abzuschätzen.

Im Jahre 1729 verließ Bruder Antonio seinen Arbeitsplatz im Kloster St. Salvator in Jerusalem. Das Apothekengebäude erhielt zuvor zwischen 1710 und 1720 ein weiteres Stockwerk, in das die Apotheke 1750 verlegt wurde. Das Lager für die Gefäße zur Arzneibereitung verblieb allerdings im unteren Stock, bis diese im Jahr 1924 ins Kloster der Flagellatio verbracht wurden, wo man ein Museum des franziskanischen Bibelinstituts einrichtete.

Die Franziskaner führten die Apotheke bis zum 1. Weltkrieg weiter. Damals entstanden in und um Jerusalem weitere Apotheken. Dabei wurde es immer schwieriger die pharmazeutischen Ingredienzen aus Europa zu erhalten, was auch zu einer Verteuerung des Angebots an Medikamenten führte. In dringenden Fällen, wenn es den Brüdern nicht gelang die notwendigen Ingredienzen zu importieren, erhielten sie vom Hl. Stuhl in Rom die Erlaubnis diese bei Juden, Muslimen oder Christen anderer Denominationen zu besorgen, was damals eigentlich streng verboten war.

Dennoch verband die Apotheke der Franziskaner die verschiedenen ethnischen Gruppen in Jerusalem. Sowohl franziskanische als auch jüdische Pharmazeuten lernten ihren Beruf in Europa und dies führte zu gegenseitigen Kontakten und Zusammenarbeit. Zu jeder Zeit war die franziskanische Apotheke jedermann zugänglich und alle, die ihre Dienste beanspruchten, erhielten dieselbe Behandlung. Aufgrund der wachsenden Konkurrenz und den kaum mehr zu erhaltenden Arzneimittelingredienzen musste sie jedoch Ende des 1. Weltkriegs geschlossen werden. Nun war der berühmte Jerusalemer Balsam von Bruder Antonio nicht mehr erhältlich.

Quelle: Ausstellungskatalog „Geschichte des Gesundheitswesens in Jerusalem“, Museum der Geschichte Jerusalem 2014.

 

S.D.G.

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