Ein Leben als Beeinflusser

Heute kann man die Gesellschaft in zwei Klassen teilen: Influencer und Follower. Das Marketing hat das Potential erkannt, dass der homo consumens, der konsumberauschte Mensch, Selbstdarsteller braucht, die auf den Social-Media-Kanälen die Aufmerksamkeit ihrer Anhängerschaft auf sich ziehen. Der alte amerikanische Traum erfährt in der postalphabetischen Jugend ein Update: vom Youtuber zum Millionär.

Narzissten als Vorbilder sind in einer narzisstischen Welt gefragter denn je, heute kann man berühmt und reich werden, wenn man sein Privatleben authentisch und identifikationsstiftend öffentlich macht. Vorbei sind die langweiligen Sitcoms der 1990er und Nullerjahre, als Schauspieler das Seelenleben ihrer Zuschauer entblößten, nun übernimmt man selbst die Inszenierung.

In Deutschland laufen Gerichtsverfahren, um die Schleichwerbung von verschiedenen Instagram-Diven zu unterbinden, ein eher aussichtsloses Unterfangen. Denn Influencer sind nicht nur lebende Reklametafeln, sie sind auch selbst das Warenangebot. Zwischen deren Leben und Werbung kann keine Trennung mehr vollzogen werden, sie werben für ihr Leben und leben, um zu werben.

Aber sie werben auch für Politik, denn die meisten Influencer verkaufen ebenso eine Botschaft. Zur Werbung für Kosmetika erhält man zugleich Werbung für Toleranz. Wer gegen Übergewicht etwas tun will, kann es ebenso gegen Rechtspopulismus. Vegane Ernährung wird zur Nährlösung gegen menschengemachten Klimawandel. Die Anliegen vermischen sich. Die jeweiligen Aussagen müssen nicht intelligent sein, nur werbewirksam.

Die Botschaften der Guten dürfen deshalb auch unmoralisch verteidigt werden, denn sie gehören ja auch zum Produkt. Werden sie angegriffen, dann wird die schmutzige Waffe des Shitstorms angewandt. Das Influencerprinzip beruht nämlich auf das Führungsprinzip von Sturmabteilungen. Da die Konkurrenz zwischen diesen Identifikationsfiguren im Netz immer größer wird, wächst auch die Aggressivität ihrer Follower. So kam es in Berlin schon zu einer Massenschlägerei zwischen zwei Youtuber-Gruppen. Hass muss sich demnach nicht nur auf Worte beschränken.

Das Phänomen an sich ist jedoch nicht mehr aufzuhalten. Influencer werden schon zu Rekrutierungszwecken für die Bundeswehr eingesetzt. Im Kommunikationsmanagement von Unternehmen sind sie schon unverzichtbar. Vielleicht werden bald Wahlkämpfe nur mehr von der besseren Performance der Influencer entschieden – oder geschieht dies schon längst, blickt man etwa auf Politiker wie Trump?

Für das Christentum und Gott wirkt übrigens seit gut 2000 Jahren auch eine erfolgreiche Influencerin: Maria. Sie hat um die 1,1 Milliarden Follower und wirbt für die eine Botschaft: ihrem Sohn zu folgen. Ihre wirksamste Waffe ist der Lovestorm.

 

S.D.G.

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