Spurensuche: Sebastia und das Grab Johannes des Täufers

Das heutige Dorf Sebastia liegt außerhalb der ehemaligen römischen Stadt. Inmitten des Dorfes befindet sich die Ruine einer Kathedrale aus der Kreuzfahrerzeit, in der sich ein Heiligtum befindet (arabisch: maqam). Christen wie Moslems verehren hier das Grab Johannes des Täufers, erstere nennen ihn Hanna, letztere Saidna Yahia. Aus christlichen Quellen erfährt man, dass der Täufer in der Nähe der Gebeine der Propheten Elischa und Obadja beigesetzt wurde. Biblische Berichte und der Koran wissen von der Gefangennahme Johannes unter Herodes Antipas. Während seiner Geburtstagsfeier tanzte Salome, die Tochter seiner Gemahlin Herodias, der er versprach ihr alles zu geben, was sie sich wünsche. Sie verlangte den Kopf des Johannes und die Bibel erzählt weiter, dass dessen Jünger ihn beigesetzt haben, aber nicht wo das geschah.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet in seinen „Jüdischen Altertümer“, dass der Täufer auf der Festung Machärus enthauptet wurde (Buch 18.5). Es ist naheliegend, dass die Jünger des Johannes daraufhin die Tetrarchie mit dessen Überreste verließen, weil sie Angst vor weiterer Verfolgung hatten. Die Jünger des Johannes waren damals besonders in Samaria verbreitet. Es war Rufus von Aquileia, er wohnte in Jerusalem auf dem Ölberg, der das Grab des Johannes erstmals in Sebaste erwähnt. In seiner Beschreibung der Verfolgungen der Christen unter Julian Apostata in den Jahren 361/362 gibt er Auskunft darüber, dass die Heiden damals die Gebeine des Täufers in Sebaste zuerst zerstreuten, dann wieder einsammelten und verbrannten. Eine Gruppe frommer Mönche aus dem Kloster Philippus aus Jerusalem retteten einige dieser Knochen vor den Flammen (Hist. Eccles. VII.4).

Rufus beschreibt zudem das Grab des Täufers: Es war eine besondere Kapelle inmitten der Kirche, die durch Schranken abgetrennt war. Dort befinden sich zwei Urnen, die mit Gold und Silber überzogen sind, vor denen ständig Lampen brennen. Die eine ist jene des Täufers, die andere ist die des Propheten Elischa (Plerophoriae. PO 8.70). Diese byzantinische Kirche ist auf einem Mosaik der Stefanskirche von Umm Rasas in Jordanien dargestellt, heute eine Weltkulturerbe-Stätte der UNESCO. Eine weitere Erwähnung des Grabes überliefert uns der heilige Hieronymus im Jahr 390, der berichtet, dass die Gebeine des Täufers in Sebaste ruhen. Später zitiert er in Zusammenhang mit der Pilgerreise der hl. Paula einen Brief, in dem die Sehnsucht schriftlich festgehalten wird, einmal die Asche des Täufers, Elischas und Obadjas in Sebaste verehren zu können.

In Sebaste gibt es noch ein zweites Heiligtum, welches Johannes gewidmet ist. Es ist eine kleine byzantinische Basilika, die 1932 von John W. Crowfoot am südlichen Abhang der Akropolis ausgegraben wurde. Die Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche weiß hier um den Platz der Auffindung des Hauptes von Johannes. Der Ort ist Eigentum der Kirche und davor befinden sich die wenigen Gräber der einzigen christlichen Familie von Sebaste. Das Heiligtum scheint einst durch ein Erdbeben zerstört worden zu sein, dann wieder hergerichtet und von christlichen Pilgern besucht. Die Nordmauer der später errichteten Kreuzfahrerkirche hat etwas von dieser frühen byzantinischen Kirche bewahrt.

Die Kreuzfahrer erreichten Sebaste und Samaria im Jahr 1099. Sie errichteten ein Kloster und eine burgähnliche Siedlung, die sie Casale Sancti Iohannis nannten. Der russische Abt Daniel sah sie bereits bei seinem Besuch 1106-1108 und erwähnt ein „fränkisches Kloster“ (Kithrowo 58). 1142 schreibt ein Emir aus Shaizar (Syrien) mit Namen Usama ibn Munqidh, dass er das Grab von Yahia, den Sohn des Zacharias, im Dorf Sabastya besuchte. Gleich darauf berichtet der Jerusalemer Patriarch William I., er habe die Überreste des Täufers gefunden und er gewährt einen Ablass von 40 Tagen, wenn man zum Neubau der Kirche ein Opfer bringt. Wieder etwas später erwähnt der Pilger Theodor in dieser Kirche eine Krypta, zu der 35 Stufen hinab führen und dass Johannes zwischen Elischa und Obadija begraben ist. Der griechische Mönch Phocas traf 1185 die Reliquien von Johannes und Elischa in der oberen Kirche an und zwar in zwei Särgen aus weißem Marmor. Die Gräber von Zacharias und Elisabeth will er ebenso in der Krypta lokalisiert haben.

Der Neffe Saladins, Husam ed-Din Muhammad, überliefert die Nachricht, dass 1187 am rechten Seitenschiff eine Moschee mit Mihrab eingerichtet und die Krypta mit einer Kuppel verziert wurde (Imad al Din RHC Or. IV, 302). Christen wie Muslime besuchten den Ort und der Kustos der Franziskaner, Bonifatius von Ragusa, lokalisiert das Grab von Johannes genau an jener Stelle, wo man es auch heute noch findet: Im südöstlichen Teil der Kirche.  Der Diakon Domenico Laffi aus Bologna bereist 1679 das Hl. Land und berichtet, dass die griechisch-orthodoxe Kirche ihren Kult in einem Teil des Kirchengebäudes halten und die Muslime auf der anderen Seite. 1892 war Sultan Abdel Hamid II. an der Macht und unter ihm wurden die beiden östlichen Joche der ehemaligen Kreuzfahrerkirche samt der Apsis zu einer Moschee umgebaut, die den heutigen Dorfbewohnern immer noch zum Gebet dient.

Seit 2010 beginnen Arbeiten zur Erhaltung des Gebäudes, so dass mittels privater Spenden Reparaturen durchgeführt werden konnten. Diese wurden von den Bewohnern des Ortes ohne Bezahlung erledigt. In der Mitte des Kirchenschiffs, vom heutigen Niveau des Fußbodens, führt unter zwei Bitterorangenbäumen eine steile Treppe in die Krypta hinunter. Der Grabraum ist gewölbt und enthält Begräbnisnischen auf der Südseite sowie ein weiteres trogförmiges Grab auf der Ostseite.

 

S.D.G.

der emmauspilger

 

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