Protestantismus als Vorstufe des Nihilismus?

Der Philosoph Rüdiger Safranski schreibt in einem Artikel in der NZZ vom 08.11.2015: „Die zeitgemäße Form des Nihilismus ist der Konsumismus. Auch wenn man keinen Gott mehr hat, kann man sich immer noch etwas kaufen“.

Im Buch der Weisheit in der Hl. Schrift, entstanden wenige Jahrzehnte vor Christi Geburt, wird diese „moderne“ Mentalität bereits festgehalten (Weish 2:1-6): „Sie sprechen nämlich unter sich, falsch urteilend: »Kurz und trübselig ist unser Leben, und es gibt keinen lindernden Trost beim Ende des Menschen, noch kennt man einen Befreier aus dem Totenreich. Denn durch Zufall sind wir geworden, und hernach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Denn Rauch ist der Odem in unserer Nase und das Denken ein Funke bei unseres Herzens Schlag. Erlischt er, so zerfällt in Asche der Leib, der Geist aber verfliegt wie flüchtige Luft. Unser Name wird vergessen mit der Zeit, und niemand mehr erinnert sich an unsere Werke. Ja, unser Leben vergeht wie die Spuren einer Wolke und wird wie Nebel zerstreut, der von den Strahlen der Sonne vertrieben und von ihrer Wärme niedergedrückt wird. Denn das Vorbeihuschen eines Schattens ist unsere Lebenszeit, und unser Ende läßt sich nicht rückgängig machen, da es besiegelt ist und niemand es ändern kann. Wohlan, so laßt uns die gegenwärtigen Güter genießen und unverweilt, solange wir in der Jugend stehen, das Geschaffene ausnützen!“

Safranski zeigt in seinem Artikel noch eine nachdenkliche Entwicklungslinie auf, wenn er weiter schreibt: „Aber vergessen wir nicht: Der Protestantismus ist die halbe Wegstrecke zum Nihilismus. Die Religion als äußere Manifestation verliert an Bedeutung und wird in die Innenwelt verlagert, lebt dort eine Weile weiter als religiöse Moral, bis das Religiöse verschwindet und nur noch die Moral übrig bleibt. Irgendwann verschwindet auch die Moral, und man ist beim Nihilismus.“

Die Kirche steht demgegenüber als Sakrament, als äußeres Zeichen jener Gnade, die Gott den Menschen schenkt. Eine christlich geprägte Gesellschaft zieht sich in der „kyriake oikia“, jene Lebenswelt, in welcher der Herr wohnt, nicht allein in ihr Inneres zurück, in die Sakristei und das Private. Christkönig herrscht sanftmütig und kraftvoll in ihr. Er durchwohnt den Weltkreis und schafft Freiräume, in der christliche Kultur, Bildung, Schönheit und religiöses Leben sich zeigen kann und soll. Wird dieser Freiraum von einem Staatswesen in Anspruch genommen, wird er von Christen innerlich mitgetragen.

Das Buch der Weisheit zeigt uns auf, wie Christkönig seine Weisheit dem Nihilismus entgegenstellt, indem sie seiner Liebe entspringt (Weish 6:13-17): „Den Verlangenden schon gibt sie sich rasch im voraus zu erkennen. Wer früh sich aufmacht nach ihr, braucht sich nicht abzumühen; denn er findet sie an seiner Türe sitzend. Denn das Nachsinnen über sie ist schon vollendete Klugheit, und wer ihretwegen nicht schläft, wird rasch ohne Sorge sein. Sie selbst geht ja umher und sucht, die ihrer würdig sind, freundlich erscheint sie ihnen auf ihren Pfaden, und in jedem Gedanken begegnet sie ihnen. Denn ihr Anfang ist ganz aufrichtiges Verlangen nach Bildung, ernstes Nachdenken über Bildung aber ist Liebe.“ 

 

S.D.G.

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