Christliche Mystiker und die Gottesliebe

Es ist Bernhard von Clairvaux, der in seinem Buch „Über die Gottesliebe“ erkennt: Sie ist die Reaktion des Menschen auf Gott. Der Grund Gott zu lieben ist Gott selbst. Das Maß der Liebe ist, ohne Maß zu lieben. Die Vernunft und das natürliche Gerechtigkeitsgefühl drängen den Menschen, sich dem hinzugeben, von dem er sich ganz empfangen hat. So schreibt er: „Bei seinem ersten Werke gab er mir mich; bei seinem zweiten sich selbst. Und da er sich gab, gab er mich mir zurück. Gegeben also und zurückgegeben, schulde ich mich für mich und schulde mich doppelt. Was aber werde ich Gott vergelten für ihn selbst? Denn wenn ich mich auch tausendmal schenken könnte, was bin ich vor Gott?“

Die Liebe ist also Herzenszuneigung, kein Handel mit Gott. Die Liebe hat ihren Lohn in sich selbst. Wahre Liebe ist mit sich selbst zufrieden. Sie hat ihren Lohn: eben das, was sie liebt. Wahre Liebe sucht keinen Lohn, aber sie verdient ihn. Um wieviel mehr sucht die Gott liebende Seele keinen anderen Lohn ihrer Liebe als Gott. Der Psalmist drückt es so aus: „Habe am Herrn deine Wonne; dann gibt er dir, was dein Herz begehrt.“ (Ps 37:4). Ähnlich spricht der anonyme englische Mystiker in der „Wolke des Nichtwissens“: „Liebe daher Jesus, und alles was Er hat, wird dein sein“.

Dieser englische Mystiker weiß auch, dass die Liebe betet und wie sie betet: „Erhebe dein Herz zu Gott mit einer demütigen Regung der Liebe; meine Gott selbst und keine Seiner Eigenschaften. Empfinde einen Widerwillen davor, an irgend etwas außer an Ihn zu denken, auf dass nichts in deinem Verstande und in deinem Willen wirke als er allein … Zu Beginn deiner Übung bemerkst du nichts als eine Finsternis, sozusagen eine Wolke des Nichtwissens. Mache dich deshalb bereit, in dieser Dunkelheit so lange wie möglich zu verweilen und immerfort nach dem, den du liebst zu rufen … Denn Gott kann wohl geliebt, aber nicht gedacht werden. Von der Liebe lässt er sich halten, vom Intellekt jedoch nicht“.

Beten folgt aus der Liebe zu Gott und die Liebe folgt aus dem Gebet. So schreibt Alfons Maria von Liguori in seinem Buch „Die Liebe zu Jesus Christus“: „Wer vom Gebet ablässt, wird auch von der Liebe zu Jesus Christus ablassen. Wer betet, überwindet, und wer nicht betet, ist schon überwunden“.

Die Mystikerin Teresa von Avila gibt in ihrem Buch „Die Seelenburg“ darüber Auskunft, dass die Liebe überfließen will und daraus die Werke der Liebe geschehen: „Dahin, meine Töchter, zielt das innere Gebet, dazu dient die geistliche Vermählung, nämlich dass ihr immerfort Werke entsprießen, Werke“.

Nur das, was aus Liebe getan wurde, zählt am Ende des Lebens. Doch alles, was aus Liebe getan wurde, zählt. Der anonyme englische Mystiker spricht es aus: „Gottes barmherziges Auge sieht nicht auf das, was du bist oder gewesen bist, sondern auf das, was du sein möchtest.“ Und Alfons von Liguori ergänzt: „Glücklich, wer von Herzen sagen kann: Mein Jesus, Dich allein will ich und sonst nichts. – Wer Gott liebt, wird in allen Dingen Trost und Freude finden, und wer ihn nicht liebt, wird in nichts Trost und Freude finden.“

 

S.D.G.

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