Christusorte – Der Teenager Jesus im Tempel von Jerusalem

In Lk 2:41-47 erzählt uns der Evangelist Lukas, wie der 12-jährige Jesus während einer Pilgerreise nach Jerusalem im Tempel „unter den Lehrern“ sitzt. Die Eltern von Jesus gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem, um eine jüdische Verpflichtung zu erfüllen. Sie besagt, dass ein Jude dreimal im Jahr, zu pesach, zum Wochenfest (shawout) und zum Laubhüttenfest (sukkot), nach Jerusalem zu pilgern hat. Dies gründet biblisch in den drei Texten von Ex 23:14-17, Ex 34:18-23 und Dtn 16:16-17. Allerdings hatten dieses Gebot nur Juden genau zu befolgen, die im Umkreis einer Tagesreise von Jerusalem wohnten. Wer weiter entfernt wohnte, musste nur einmal im Jahr wallfahren. Juden in der Diaspora genügten dem Gebot, wenn sie mindestens einmal im Leben nach Jerusalem pilgerten. Als Galiläer hatten die Eltern von Jesus einmal im Jahr nach Jerusalem zu wallfahren. Sie wählten dafür das Paschafest. Die Mischna (Chagiga 1,1) informiert über die zur Wallfahrt verpflichteten Personen: Es sind ausschließlich die Männer.

Ein jüdischer Knabe war ab seinem 13. Lebensjahr zur Beobachtung der religiösen Gebote verpflichtet. Der 12-jährige Jesus wurde also von seinem Vater Joseph mit dieser Pilgerschaft an diese Verpflichtung herangeführt. Oft wird interpretiert, dass Jesus in Jerusalem seine „Bar Mitzwah“ feierte, also seine religiöse Mündigkeit. Allerdings ist dies anachronistisch, denn zur Zeit Jesu ist eine solche Feier in der jüdischen Gesellschaft noch nicht nachweisbar, der Brauch entstand erst im 14. Jahrhundert in Deutschland.

Ein Jerusalem-Wallfahrer reiste gewöhnlich in einer Gruppe. Sie bestand meist aus Großfamilien oder Dorfgemeinschaften. Dies diente zum Schutz vor Wegelagerern und Räuberbanden, denn die Pilger trugen Spendengelder bei sich, was zur lohnenden Beute auf unsicheren Wegen geworden wäre. Meist reisten die Pilger zu Fuß, dies galt als besonders verdienstvoll. Andere ritten auf Esel, ein Wagen wurde kaum benutzt. Die Reisegeschwindigkeit schwankte mit der Größe der Pilgergruppe: Je größer sie war, desto langsamer kam sie voran. Das Tempo wurde auch von der Jahreszeit bestimmt: In den heißen Sommermonaten reiste man nur am frühen Morgen und am späten Nachmittag, was nicht mehr als 13 Kilometer am Tag bedeutete. Das Paschafest lag jedoch im klimatisch günstigen Frühling. Samt Kinder und Frauen erreichte man zu dieser Jahreszeit eine Tagesstrecke von 20 bis 30 Kilometern. Nazareth war von Jerusalem ca. 135 Kilometer entfernt, was wenigstens vier Tage Wanderung bedeutete mit drei Übernachtungen. Die christliche Tradition kennt zwei Orte, die sich auf die Pilgerroute der hl. Familie im Lukastext beziehen. Im Dorf Dschifna (Jifna), südöstlich von Bir Zeit, soll die hl. Familie durchgezogen sein. Im Ort al-Bire, heute ein Teil von Ramallah, will eine lokale Tradition die erste Station auf der Rückreise der Pilgergruppe wissen. Dort vermissten die Eltern Jesus.

Eine Pilgergruppe war nicht ständig geschlossen unterwegs, denn nicht alle Teilnehmer gingen gleich schnell und sicher werden sich Gruppen von Verwandten, Nachbarn, Kindern und Jugendlichen gebildet haben. Es wurde ein Ort vereinbart, bei dem man sich am späten Nachmittag für das Nachtlager traf. Deshalb meinten die Eltern auch, Jesus „sei irgendwo in der Pilgergruppe“, bevor sie am Ende der Tagesstrecke sein Fehlen bemerkten. Natürlich war eine solche Reise mit vielerlei Strapazen verbunden. Die Wege waren staubig und steinig, Hunger, Durst und ungünstige Wetterbedingungen begleiteten die Pilger, das Schuhwerk waren meist nur Sandalen, wenn überhaupt, und  die Nachtquartiere unkomfortabel.

Lukas berichtet uns in seinem Evangelium nicht, welchen Weg die hl. Familie nach Jerusalem genommen hat. Von Galiläa aus führten drei Wege in die heilige Stadt. Der westliche Weg ging durch die Scharonebene die Küste entlang über Antipatris (Afek) nach Jerusalem. Der östliche Weg führte über die Jordansenke und Jericho dorthin. Der mittlere Weg verlief durch Samaria und Sebaste, der auch der kürzeste war. Zudem führte er durch besiedeltes Gebiet, was Schutz vor Überfällen bot, sowie Verpflegung und Unterkunft. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet deshalb, dass die Route über Samaria der bevorzugte Weg der Galiläer zu Festen nach Jerusalem war (Ant XX 6.1). Fromme Juden jedoch erkannten in der Durchquerung von Samaria ein Problem: Sie waren dort der Gefahr einer religiösen Verunreinigung ausgesetzt. Samariter galten für sie nicht dem auserwählten Gottesvolk zugehörig. So kam es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen reisenden Juden und den Samaritern,  die nach einem Mord sogar zu einem Aufruhr führten, der von römischen Reitertruppen befriedet werden musste, wie Flavius Josephus überliefert (Bell Jud II 12.3).

Lukas erzählt uns, dass die Eltern Jesus im Tempel gefunden haben. Wo genau, wird uns nicht überliefert. Man kann diese Szene aber durchaus in eine der Wandelhalle annehmen, die das Heiligtum umgaben. Archäologische Ausgrabungen südlich des Tempelbergs in den Jahren 1968 bis 1974 ermöglichen dabei eine nähere Ortsbestimmung. Bei diesen Ausgrabungen wurde ein 6 Meter breiter, erhöht angelegter Weg freigelegt, der entlang der Tempelsüdmauer verlief. An diesem Weg lagen die beiden Hulda-Tore, die in der Mischna (Middot 1,3) erwähnt werden. Vom Sammelplatz der Pilger vor der Südmauer führen zwei Treppen zu diesem Weg hinauf. Die westliche Treppe ist 64 Meter breit, die östliche 20 Meter. Dazwischen stand ein niederes Gebäude, das vermutlich als Versammlungsraum des Sanhedrin (Hoher Rat) diente. Jedenfalls lässt dies ein dort entdecktes Inschriftenfragment mit der Endung „-nim“ annehmen, die man dem Wort „zekenim“ (Älteste) zuordnete.

Oben, am Ende der Treppe, gelangt man im Westen zum größeren „Doppeltor“, im Osten zum „Dreifachtor“. Laut der Mischna (Middot 1,3) dienten die Tore als Ein- und Ausgang zum Tempel. Hinter den Toren lagen weitere Treppen, die unterirdisch zur Tempelplattform  hinauf- und hinunterführten. Die Mischna (Middot 2,2) sagt aus, dass die Pilger durch das östliche Tor die Tempelplattform betreten und sie über die linke, westliche Treppe hin zum „Doppeltor“ wieder verlassen. Jüdische Quellen (Tosefta/Sanhedrin 2,6 und 2,2) geben Hinweise, dass sich auf den Treppen vor dem Tempel Gelehrte versammelten, sich berieten und debattierten. Diese Erkenntnisse lassen vermuten: dies ist der Ort bei den „Lehrern“, wo die Eltern Jesus „nach drei Tagen fanden“.

Dabei war es nicht ungewöhnlich, dass sich ein 12-Jähriger zu den Gelehrten setzte. Als Christ mag man schnell zu dem Schluss kommen, Jesus besaß bereits als Knabe ein übernatürliches Wissen und war den Gelehrten überlegen. Diese Interpretation jedoch lässt sich aus dem Lukastext nicht zwingend ableiten. Das religiöse Studium hatte im Judentum schon immer große Bedeutung, jeder Mann war dazu verpflichtet. Der Vater gab seinem Sohn die Grundelemente religiöser Bildung weiter. Nach einer häuslichen Schulung folgte für den sechs oder sieben Jahre alten Knaben eine öffentliche Schule, die seit dem 1. Jh. v. Chr. nachgewiesen ist. Eine Schulpflicht hat sich aber wohl erst Mitte des 2. Jh. n. Chr. durchgesetzt. Damit hatte ein 12-jähriger Junge aus einer religiösen Familie, wie Jesus es war, eine gewisse religiöse Bildung. Die Teilnahme an Lehrgesprächen und Diskussionen, die auch zum Schulbetrieb gehörten, waren ihm durchaus möglich. Zur jüdischen Gelehrsamkeit gehört eine Streitkultur, Schüler stellten dabei den Lehrern Fragen.

Diese Schüler konnten mit 12 Jahren schon über ein großes Wissen verfügen. Flavius Josephus berichtet von sich selbst, dass er als Knabe ab 14 Jahren wegen seiner Wissbegierde gelobt wurde und von Hohenpriestern und Vornehmen zur Auslegung des Gesetzes aufgefordert wurde (Vita 2). Jesu Begegnung mit den Lehrern war also nicht ungewöhnlich. Er war kein „Wunderkind“ und verfügte, bezogen auf den Lukastext, keine göttlichen Gaben, die ihn von anderen Teenagern abgehoben hätten. Er verfügte sicherlich über ein überdurchschnittliches, aber kein übernatürliches religiöses Wissen. Doch natürlich ist er eines: Gottes Sohn. Und deshalb antwortete er später auch auf die besorgte Frage seiner Mutter, wo er denn gewesen war (Lk 2:49b): „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“

 

der emmauspilger

S.D.G.