Stoa und Christentum

Um 300 v. Chr. formulierte Zenon von Kition erstmals Grundzüge der sogenannten Stoa. Ihr ist eine kosmologische, ganzheitliche Welterfassung zu eigen, die auf ein waltendes universelles Prinzip zurückgeführt wird. Das Individuum hat ihren Platz in dieser Ordnung zu erkennen, auszufüllen und durch Selbstbeherrschung zu akzeptieren. Gelassenheit und Seelenruhe sollen dabei Weisheit fördern.

Die Wirkung der stoischen Weltanschauung auf die Menschen in hellenistischer und nachhellenistischer Zeit war gewaltig. Philosophie und Religiosität gingen ein unlösliches Band ein. Deshalb war die stoische Weltanschauung gerade unter Heidenchristen Herausforderung und Prägung zugleich, ähneln sich doch einige Aussagen. Die große Zeit der Stoa ging schließlich erst um 300 n. Chr. zu Ende und beeinflusste damit noch Kirchenväter und Kirchenlehrer.

In der Stoa wird erstmals der Mensch in große Zusammenhänge gestellt, sie lehrt ihn darin ein organisches Glied zu sein. Der Mensch als Teil des Kosmos ist bevorzugtes Wesen der Gottheit. Des Menschen Seele ist Abkömmling dieser Gottheit, d.h. des Logos, von dem ein Stück in ihm lebendig ist. Dies ist gewissermaßen ein göttlicher Funke, eine Aussage, die auch Luther und Meister Eckhart treffen, den es zu hegen und zu entwickeln gilt. Freilich war die Gottheit in der frühen Stoa noch eine Ansammlung von Göttern. Erst die späte Stoa, wie sie Marc Aurel vertritt, gab dem waltenden Prinzip über allen die Eigenschaft einer einzelnen Gottheit. Zudem galt es, die wahre Bestimmung des Menschen selbst zu erlangen und in einem Leben der Tugend, d.h. gemäß dem Logos, schon auf Erden an der Gottseligkeit Anteil zu haben.

Das Jenseits war in der Stoa keineswegs klar umrissen. Der Leib war nicht unsterblich, jedoch hatten manche Stoiker die Ansicht, die tugendhafte und gerechte Seele könne ewig fortleben, ein tugendhafter Mann besitzt einen Leib, der Tempel Gottes ist. Andere wiederum glaubten ohne Vorbehalt an die Unsterblichkeit der Seelen. Marc Aurel spricht von den Tugendhaften, die zur Insel der Seligen reisen, den Gefilden des Elysium. Zu den Tugenden der Stoa gehören Einsicht, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Tapferkeit. Man erkennt in ihnen die christlichen Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung (nach Thomas von Aquin).

Der Mensch hat in der Stoa ein unmittelbares Verhältnis zur Urquelle des Lebens und des Seins. Dies verleiht ihm große Würde, wie es auch im Christentum gelehrt wird. Anders ist jedoch die Auffassung der Stoa, hier typisch griechisch, dass der Mensch die Bedingungen zu einer Glückseligkeit in sich trägt und es allein von ihm abhängt, ob er den rechten Weg des Lebens beschreiten will. Die Selbsterlösung steht im Vordergrund, wobei man in der Stoa die Notwendigkeit von Erlösung noch gar nicht recht erkannte.

Die menschliche Natur wird von der Stoa durchaus optimistisch beurteilt. In ihr liegt die göttliche Kraft, der man vertrauen kann. Der überall als Pneuma (eine feine, unsichtbare, luftartige Substanz, die unter einer gewissen Spannung steht) waltende Logos ist ebenso weise Vorsehung, der alles zum besten des Ganzen und des Menschen eingerichtet hat, denn die stoische Weltanschauung ist zutiefst anthropozentrisch. Dem Menschen, der diese Vorsehung mehr persönlich auffasst, erscheint sie als der weise, gütige Vater. Diese Güte gibt die sinnreiche Einrichtung des menschlichen Leibes ebenso, wie etwa die Jahreszeiten, die das Gedeihen schenken oder die Kraft im Menschen, alle Ereignisse, die ihn betreffen, zum besten zu wenden. Diese Güte liegt aber vor allen darin, dass dieser Vater den Menschen als Wesen seinesgleichen betrachtet, wenn auch sterblich, und zur Erkenntnis befähigt, sein eigenes Walten im Makro- und Mikrokosmos zur Verwirklichung seiner Gottähnlichkeit durch ein Leben in Tugend, d.h. sittlich und mit der Allnatur übereinstimmend, zu verwenden.

In der Stoa wird der Mensch in den großen Zusammenhang menschlicher Gemeinschaft gestellt, wird organisches Glied derselben. Der Begriff der Menschheit entsteht, der vor allen auf der Grundlage des Reiches Alexander des Großen hin geschaffen ist, in dem Hellenen und „Barbaren“ (Nicht-Hellenen) keinen Gegensatz mehr bilden sollen. Alle Menschen sind Kinder des einen Logos, überall, ob Kelte, Ägypter oder Inder, ist der göttliche Funke lebendig. Der Logos, die Gabe der Vernunft, lässt alle miteinander verwandt sein, zu einer einzigen Gemeinschaft bestimmt. Der Mensch ist seinem Mitmenschen verbunden, die Bezeichnung „der Nächste“ ist stoisch und damit vorchristlich. Die Verbindung besteht ebenso im Geiste und ist von Liebe erfüllt. Der Mensch erhält durch die Stoa wieder Heimat im Kosmos und Logos. Persönlich aufgefasst wird es zu einer Heimat in Gott, was zutiefst christlich anmutet, und damit zur Heimat in der ganzen Oikumene, dem gesamten Erdkreis.

In der mittleren und späten Stoa (um 150 v. Chr. bis zur Zeitenwende und danach) erfährt der griechische Gottesbegriff eine Vergeistigung und Versittlichung, war er doch zuvor eher anthropomorph. Jener Gott war noch neiderfüllt, lag auf der Lauer, um Günstlinge zu bevorzugen und andere in Unheil fallen zu lassen. Es hafteten ihm noch „dämonische“ Züge an. Diese Auffassung wurde in der mittleren Stoa überwunden. Die Gottheit ist nun unsichtbar, man erkennt sie mit den Augen des Geistes an ihren Werken, sowie die im Leib unsichtbar hausende Seele nur an ihren Werken erkennbar ist. Die Gottheit ist unkörperlich, übersinnlich, reiner Geist, ewig, unveränderlich, Leid, Leidenschaft und Affekt unzugänglich und bedürfnislos. Man erkennt hier besonders stark die Ähnlichkeiten mit dem christlich-jüdischen Gottesbild.

Schon für Platon ist die Gottheit mit dem absoluten Guten identisch und im Wesen des Guten liegt das Helfen begründet. Die Gottheit zeigt Menschenliebe, erhält, hilft, tut wohl. Diese göttliche Vollkommenheit ist in der Gottesverehrung vom Menschen nur rein geistig zu begegnen. Es ist die Reinheit des Herzens und der Seele sowie der dementsprechende Wandel. Im Gegensatz zum Christentum ist es allein das rechte Werk, welches Gottesverehrung ausdrückt, der Glaube hat keinen Raum. Die Gottesanschauung der Stoa hat einen religiös-ethischen Charakter.

Das Verhältnis vom Menschen zum Menschen ist von der Idee der Humanität getragen. Es konnte erst geschehen, weil eben der Begriff der Menschheit geprägt wurde, die Gemeinschaft der Kinder des Logos. Der Mensch erhält nun die sittliche Aufforderung stets gegen seinesgleichen hilfsbereit zu sein, ihn als „Mitmenschen“ zu achten und danach zu handeln. Grausamkeit und Rohheit sowie Rache am besiegten oder gar dem toten Feind werden dadurch ausgeschlossen. Die geforderte Nächstenliebe überbrückt gleichfalls die soziale Kluft zwischen Herrn und Sklaven. Die innere Freiheit des sittlichen Menschen macht sie bedeutungslos. Bescheidenheit und Nächstenliebe vereinen hier Stoiker und Christ. Wenn die Stoa Erfolg und Ruhm gering schätzt, gleichen diese Äußerungen jene in Jesu Bergpredigt. Unter Marc Aurel, dem römischen Kaiser und Stoiker, wirkt die Idee dieser Humanität sogar auf das römische Recht der Zeit nachhaltig ein.

Die Stoa rechtfertigte aber auch den Imperialismus des Römischen Reiches. Die Gerechtigkeit liegt darin, weil es zum Nutzen der Unterworfenen ist, wenn den Schlechten die Möglichkeit zu Gewalttätigkeit und Ausbeutung der Schwächeren genommen wird. An Stelle des Kampfes aller gegen alle, ewiger Fehden von Völkergruppen gegeneinander, treten Friede und Ordnung, die Herrschaft des Gesetzes. Die Herrschaft von Menschen über Menschen beruht auf einem Weltgesetz und ist gottgewollt. Man erkennt darin durchaus die christliche Vorstellung des Friedensfürsten Jesus Christus, welcher Gerechtigkeit endgültig zum Sieg bringen wird und den Anspruch an die Christen, weltliche Obrigkeiten ebenfalls als gottgewollt zu betrachten. Hier tritt allerdings die Forderung entgegen, beim Handeln für die Obrigkeit niemals gegen göttliche Gebote verstoßen zu dürfen. Beruht das Weltgesetz in der Stoa nicht auf dem Recht des Stärkeren, sondern auf des Besseren, so ist es im Christentum das Recht Gottes, welches den Schwächeren Recht gibt.

Der römische Imperialismus auf Grundlagen der Stoa rechtfertigt die Herrschaft allerdings nur über Individuen und Völker, die sich nicht selbst beherrschen und damit vernünftig handeln können. Die Herrschaft muss dabei im väterlichen Geist geschehen. Das Endziel muss die Wohlfahrt der Untertanen sein. Die Stoa brachte die Erkenntnis einer inneren Berufung des römischen Volkes zur Weltherrschaft. Dies schafft eine sittliche Verpflichtung für das römische Volk. Das Herrenvolk hat die Aufgabe, die Untertanen allmählich zu wahrer Kultur, echte Sittlichkeit und Humanität zu erziehen. Diese Gedanken werden von den Kirchenvätern Lactanz und Augustinus bis ins christliche Mittelalter getragen.

Desweiteren tritt durch die Stoa im Verhältnis des Menschen zu sich selbst und seiner eigenen Seele eine tiefgehende Wandlung ein. Es geschieht eine Verinnerlichung des Menschen. Die Sorge um die Seele hat nicht nur religiöse, sondern auch sittliche Gründe. Der Mensch darf sich nicht von dem vernunftlosen Teil der Seele führen lassen. Hier erhält das Göttliche im Menschen seine Bedeutung, die Allvernunft, der Logos. Bonhoeffer kennzeichnet ihn „als beständiger, nicht zu täuschender Wächter und Richter identisch mit dem Gewissen“. Dabei decken sich Logos und Vernunft des Menschen nicht vollständig und es geht darum, letzteres mit erstem konform zu machen.

Der menschliche Geist (bei Marc Aurel „Dämon“) ist beim Spätstoiker Marc Aurel gleichbedeutend der Charakteranlage des Menschen. Das Tun und Lassen entsprechend des Logos macht aus diesem „Dämon“ gut oder böse. Poseidonios sieht dagegen im „Dämon“ eine unveränderliche Größe, das eigentlich Göttliche im Menschen, von dessen Abfall unter Einfluss der vernunftlosen Seelenkraft das Böse kommt. Auch im Christentum haben beide Anschauungen eine Fortführung erfahren. Luther kam gar zum Schluss, dass der Mensch ganz vom Bösen beherrscht wird und der „Dämon“ ohne Eingriff von Gott zu keinerlei Guten mehr fähig ist.

Das Gewissen wurde als Begriff schon von der griechischen Ethik formuliert. In der Stoa zeigt er sich völlig entwickelt, dazu führte die ständige Selbstbeobachtung, eine ständige Aufmerksamkeit auf das eigene Tun und Lassen. Im Hinblick auf die ethisch-religiösen Maßstäbe geschieht eine immerwährende Reflexion des eigenen Ich, der Seele, deren Gesinnung und ihr Handeln und dessen Motive und Ziele. Es ist eine Gewissenserforschung, die auch im Christentum etwa in einer abendlichen Schau auf den Tag oder in Beichtspiegeln, die zum Sakrament der Beichte hinführen wollen, unterstützt wird. Im Wesentlichen hat die Seele in der Stoa mit sich selbst ins Gericht zu gehen, Rechenschaft abzulegen über Tun und Lassen und dessen Gründe. Die Erkenntnisse und Urteile daraus können zu neuen Vorsätzen zum Guten verwendet werden. Es ist eine stille Arbeit des sittlichen Menschen an sich selbst zur sittlichen Läuterung und Vervollkommnung. Gänzlich ohne göttlichen Einfluss ist die Stoa an diesem Punkt unchristlich und findet ihren Fortbestand eher bei Freimaurern und Rosenkreuzern zur Zeit der Aufklärung.

Die stoische Weltansicht sucht um jeden Preis die innere Freiheit des Menschen. Er soll unabhängig von allem Äußeren werden, um die Grundlage seiner Glückseligkeit zu behaupten. In der stoischen Ethik hängt alles Glück des Menschen nur von ihm selbst ab, von dem, was er tut und lässt, seinem sittlichen Handeln. Epikur sieht das Wesen der Glückseligkeit gar nur im Genuss, in der Lust, in vollkommener Leid- und Schmerzlosigkeit. Das isoliert den Menschen, fördert den Egoismus, wo hingegen die stoische Ethik im höchsten Maß sozial ist. Der Mensch ist ein „zur Gemeinschaft bestimmtes Wesen“ (Zenon).

In der späten Stoa steht die Ethik im Mittelpunkt der ganzen Philosophie. Weder Metaphysik noch Logik oder Psychologie können zur Glückseligkeit des Menschen, zum heißersehnten Frieden der Seele gegenüber allen Stürmen und Wechselfällen des Daseins, etwas beitragen. Im Christentum steht allein die göttliche Person, Jesus Christus, im Mittelpunkt des ganzen Glaubens an die Liebe. Er allein versichert und bringt Glückseligkeit, Frieden und Gerechtigkeit in die Seelen der Menschen. Jesus Christus ist die persönliche Offenbarung Gottes, an die Christen glauben, die Stoiker glauben an eine durch göttliche Vorsehung  gelenkte Ordnung der Welt. Aus einem Gegenüber Mensch-Gottheit wird im Christentum ein Ineinander Gott-Mensch.

Aus den ständigen Verwandlungen ohne Perspektiven in der Stoa wird im Christentum ein konkretes Ziel und eine Verheißung, welche Glückseligkeit nicht allein in einer Ethik im Dasein verspricht, sondern die wahre Bestimmung des Menschen in und beim göttlichen Vater zusagt. Eine personale Erlösung in einer göttlichen Person ersetzt ein unbestimmtes auf- oder eingehen in die Weltvernunft. Im Gegensatz zur Stoa ist der Mensch nicht allein auf sich zurückgeworfen. Gott kommt im Christentum zum Menschen, weil der Mensch aus sich heraus niemals zu Gott aufsteigen könnte.

der emmauspilger

S.D.G.

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