Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen

Renaissance und Humanismus wurden lange Zeit als antichristliche Erscheinungen betrachtet. Eine solche Auffassung entstand, weil die Theologie des Humanismus in der Forschung fast verschämt behandelt worden ist und nur wenige glänzende Namen des christlichen Humanismus überlieferte. Pico della Mirandola (1463-1494) ist einer der zu wenig beachteten Vertreter dieses christlichen Humanismus, obwohl er doch als „Novalis der Renaissance“ gilt. Seine anziehende Persönlichkeit war fein gebildet, weitherzig und bei aller Begeisterung für das Schöne und Wahre doch fromm und demütig. Er war ein Gelehrter, der durch die Tiefe der Gedanken und praktischen Lebensweisheiten dem modernen Menschen viel zu geben hat. Gerade in der Anfangszeit der Aufklärung ließ er die Hoffnung keimen, dass Humanismus aus dem Christentum schöpfend einen fruchtbaren Weg zu Gott darstellt.

Pico della Mirandola betrachtete die Würde des Menschen philosophisch in seiner Stellung innerhalb des Kosmos begründet. Der Mensch ist die Synthese des Universums, darin liegt das Fundament der ihm eigenen Würde. Der Mensch steht als geschlossenes Ganzes, als eigenständiger Mikrokosmos, in dem sich die ganze Schöpfung wiederholt, dem Makrokosmos gegenüber und kann seine Stellung im Kosmos in einem Akt freier Entscheidung selbst bestimmen. Der Mensch erhielt von Gott die Möglichkeit und zugleich die Gefahren der Autonomie.

Die bei Pico immer wieder betonte Freiheit besteht auch in einer Unbestimmtheit, da der Mensch zwar Gott sein Dasein verdankt, sein Wesen aber mit seiner Erschaffung noch nicht festgelegt ist. Diese Freiheit bedeutet ebenso die Freiheit der Wahl, was ihm zu einem Schöpfertum befähigt, sofern er nämlich Former und Bildner seiner selbst ist. Der rechte Gebrauch dieser Freiheit bestehe darin, seine Entscheidung zu Gott hin zu lenken.

Pico della Mirandola sah den Weg des Menschen zur Herrlichkeit durch die Philosophie gebahnt. Damit war für ihn ein kontemplatives Leben dem aktiven vorzuziehen. Er war bestrebt die Lehren der Philosophenschulen vorzuführen und die Einzigartigkeit jeder einzelnen zu würdigen. Jeder dieser Denker und Schulen hat nach seiner Überzeugung Anteil an der philosophischen Wahrheit. Dieser Synkretismus kann nicht negativ beurteilt werden, er ist ein bemühen zu einer „pax philosophica“, zu der sich alle Schulen zusammenschließen. Da für Pico die Würde des Menschen philosophisch begründet ist, bewirkt eine Erschließung der Schulen und Systeme ein Voranschreiten zur Vollendung des Menschen.

Pico della Mirandola kleidete diese Kernaussage in eine Ansprache Gottes an Adam: „Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, damit du den Platz, das Aussehen und alle Gaben, die du dir selber wünscht, nach eigenem Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst. Die fest umrissene Natur der übrigen Geschöpfe entfaltet sich nur innerhalb der von mir vorgeschriebenen Gesetze. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dir überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen. In der Mitte der Welt habe ich dich gestellt, damit du von da aus bequemer alles ringsum betrachten kannst, was es auf der Welt gibt. Weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen habe ich dich geschaffen und weder sterblich noch unsterblich dich gemacht, damit du wie ein Former und Bildner deiner selbst nach eigenen Belieben und aus eigener Macht zu der Gestalt dich ausbilden kannst, die du bevorzugst. Du kannst nach unten hin ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben in das Göttliche“.

Wir sind geboren worden unter der Bedingung, dass wir das sein sollen, was wir sein wollen … und damit wir nicht das gütige Geschenk des Vaters, den freien Willen, den er uns verliehen hat, missbrauchen und ihn gebrauchen statt zu unserem Heil, zu unserem Schaden.

 

der emmauspilger

S.D.G.

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