Fénelon: Rechter Dienst und rechte Liebe

Man weiß recht gut, dass man Gott dienen und ihn lieben muss, wenn man selig werden will. Aber man möchte an diesem Dienst und an dieser Liebe alles streichen, was eine Last bedeutet, und nur das Angenehme behalten. Man möchte ihm dienen unter der Bedingung, dass man ihm nur Worte zu geben braucht und kurze Zeremonien, deren wir bald überdrüssig werden!

Man möchte ihn lieben, unter der Bedingung, dass man neben ihm und vielleicht noch mehr als ihn alles lieben darf, was er nicht liebt und als Eitelkeit der Welt verdammt.

Man möchte ihn lieben, aber unter der Bedingung, dass man in keiner Weise die blinde Liebe zu sich selbst beschneiden muss, die bis zur Abgötterei geht: statt dass wir für Gott da sind, für den wir geschaffen sind, wollen wir vielmehr, dass er für uns da ist; wir suchen nur dann Hilfe und Trost bei ihm, wenn die Geschöpfe uns im Stich lassen.

Man möchte ihm dienen und ihn lieben, unter der Bedingung, dass es uns gestattet werde, uns seiner Liebe zu schämen, sie wie eine Schwachheit zu verbergen, über ihn zu erröten wie über einen Freund, der es nicht verdient, geliebt zu werden; nur gewisse äußere Pflichten der Religion zu erfüllen, um Ärgernis zu vermeiden, im übrigen aber nach dem Willen der Welt zu leben und Gott nichts zu geben als nur, was die Welt erlaubt.

Was ist das für ein Dienst, was ist das für eine Liebe?

Francois de Salignac de La Mothe-Fénelon (1651-1715), katholischer Erzbischof