Grundaussagen und Traditionsschichten der Tora

Die ersten 11 Kapitel der Genesis sind keine historischen sowie naturwissenschaftliche Berichte oder Reportagen, sondern viel mehr, nämlich theologische Grundaussagen, die sich auch im rabbinischen Schriftverständnis finden.
Die christlichen Grundaussagen sind in groben Zügen:

  1. die Welt hat einen Anfang. Gott, der außerhalb der Zeit ist, ist der Schöpfer der Welt und des Menschen.
  2. der Mensch ist das Abbild Gottes, Mann und Frau sind von gleicher Würde, Gott hat den Menschen das Geschenk der personalen Freiheit gemacht.
  3. Gott hat jedem Menschen ein Gewissen gegeben, mit dessen Hilfe der Mensch seine Grenzen, die Grenze seiner Freiheit erkennen kann.
  4. der Mensch hat am Anfang der Menschheitsgeschichte eine Entscheidung gegen Gott getroffen (Ursünde), er wollte nicht Diener Gottes sein, er wollte selbst sein wie Gott!
  5. die Ursünde verursachte ein vertikales Schisma zwischen Gott und den Menschen, sie veranlasste Gott den Menschen als Übel und zur Prüfung den Durchblick auf die Vollendung in der Ewigkeit zu entziehen. Der Tod wurde deshalb etwas so schreckliches für den Menschen, ebenso das Leid und die schwere körperliche Arbeit.
  6. im Urteil über die Schlange wird jedoch der Erlöser versprochen. Gott, der Liebe ist, schenkt Hoffnung.
  7. ohne Durchblick auf Gott fällt der Mensch so tief, dass er sogar einen Mitmenschen, Abel, ermordet.
  8. Gott erhält die Schöpfung im Dasein, wenn er das nicht tut, bricht das Chaos durch und der Mensch erfährt für böses Tun die entfesselten Elemente der Erde als Strafe Gottes (Sintflut).
  9. wenn der Mensch babylonische Türme errichtet um Gott von seinem Platz zu stoßen und sich selber an die Stelle Gottes zu setzen, entzweien sich Menschen, verstehen einander nicht mehr und werden zu Feinden.

Altorientalische Texte können nicht mit den Texten des neuen Testaments verglichen werden, die in einem griechischen Kulturkreis geschrieben worden sind, der schon pragmatische Geschichtsschreibung kannte. Das Alte Testament hat eine Fülle von Autoren aus ganz verschiedenen Epochen.

Hier ein kurzer Überblick der 4 unterschiedlich alten Traditionsschichten der Tora:

  1. der sogenannte Jahwist, auch vorpriesterliche Schrift genannt; circa 1000 v. Chr. geschrieben. Merkmal: der Gottesname wird noch ausgesprochen und geschrieben!
  2. der sogenannte Elohist; circa 900 v. Chr. Merkmal: aus Ehrfurcht wird der Gottesname Jahwe durch Elohim (Majestätsplural von EL = Gott) ersetzt.
  3. das deuteronomistische Geschichtswerk; circa 600 v. Chr., hauptsächlich im Deuteronomium.
  4. die sogenannte Priesterschrift; circa 450 v. Chr. (nach dem babylonischen Exil 587-537).

Beispiele:
Der Schöpfungstext Gen 1,1 – 2, 4a (7 Tage) ist aus der Priesterschrift und daher relativ jung. Es geht darum, die Heiligung des Sabbats einzuschärfen, weil Gott an diesem Tage ruhte. Nach dem Vers Gen 2, 4a befindet sich ein deutlich sichtbarer Bruch, sogar in der deutschen Übersetzung kann man ihn wahrnehmen, im hebräischen Text ist er noch viel deutlicher.
In Gen 2, 4b beginnt ein völlig neuer Text, Erschaffung des Adam (= Mensch) aus dem Ackerboden und der Frau (wörtlich übersetzt eigentlich „Männin“, hebr.: isch = Mann; ischa = Frau). Dieser Text ist um 1000 v. Chr. niedergeschrieben und sicher sehr lange mündlich tradiert worden. Er erinnert auch an ägyptische Schöpfungsmythen um Chnum, welcher der ägyptischen Mythologie nach den Menschen und seine Ka (= Seele), aus Nilschlamm geformt hat.

Ein weiteres Beispiel ist der Sintfluttext, dessen Motiv auch in älteren Kulturen vorkommt.
In Genesis Kapitel 6 und 7 wird zweimal der Sintfluttext erzählt. Einmal nimmt Noah von allen Tieren nur jeweils ein Paar auf die Arche, in der anderen Tradition aber 7 Paare und ein Paar. Der Text mit den 7 Paaren ist jünger und stammt aus der Priesterschrift, wie auch seine Wortwahl und Intention zeigt.
Es ist also kein Widerspruch, sondern Ergänzung.

 

der emmauspilger