Der Heilsplan Gottes für uns Menschen

Jesu Botschaft richtet sich an alle Menschen; der Menschheit als Ganzem und an jedem einzelnen. Die Heilsgeschichte Gottes für die Menschheit wurde von einem einzigen Volk, einzelnen Menschen abhängig gemacht. Das Heil haftet nicht an der Ebene der Natur, nicht an einer bestimmten, idealen Person, sondern im Raum und nach Art der Geschichte. Das Heil wird durch die Geschichte begründet. Diese geschieht in Entscheidungen, in den Handlungen einzelner, welche für die Existenz der Gesamtheit und der Folgezeit bestimmend sein wird. Die Tat eines einzelnen kann in der allgemeinen Geschichte zum Anfang oder zur Wende des Geschehens für viele oder alle werden.

So geht die Entscheidung Adams uns alle an, denn im ersten Menschen war das Ganze. Mit Adam haben wir alle mitentschieden, du und ich! Es ist neuzeitliches Denken zu sagen: Was geht mich Adam an? Die Offenbarung würde uns darauf die Antwort geben: Gerade darin zeigt sich unsere Sünde! Wären wir in der Wahrheit, würden wir wissen, dass der Anspruch des in sich selbst stehenden einzelnen schon Sünde ist. Der Mensch steht immer im Zusammenhang. Auf die weitere Heilsgeschichte bezogen: Hätte Abraham versagt, dann wären die Verheißungen erloschen, die sich an seinen Glauben banden und alle Menschen hätten dies mittragen müssen. Das Heil wäre nicht verloren gewesen, aber die Heilsgeschichte wäre durch diese Entscheidung tief bestimmt worden. Ebenso lag die Antwort auf die Botschaft des Herrn, auf dem Ruf des Messias, in der Hand bestimmter Menschen im Volk Gottes. Es waren die Machthaber und Amtsträger der wenigen Jahre und die in dieser Zeit lebenden Generation, die einzeln und als Volk entscheidungsfähig gewesen sind.

In Gottes Ratschluss konnte das Fortschreiten des Heils nur in seinem auserwählten Volk geschehen. So richtete Jesus seine Botschaft zunächst an die Führer dieses Volkes, dann an das Volk selbst. Im Zusammenspiel zwischen Botschaft und Glauben hätte das Reich Gottes offen hereinbrechen können und die Geschichte erneuern. Doch das Volk und ihre Führer versagten, nahmen seine Botschaft nicht an. Im Neuen Testament kann man sehr gut nachvollziehen, wie diese Weigerung den Herrn schmerzt. Nun musste sich die Erlösung anders vollziehen, der Wille des Vaters verlangte von Jesus das äußerste Opfer, dem er freilich aus Liebe, Gehorsam und in der Freiheit des eigenen Willens zustimmte. Auch das Reich Gottes musste nun auf eine andere Weise kommen: Nicht mehr offen und in einer Erfüllung, die Geschichte verwandelt, sondern gleichsam in der Schwebe. Das „Kommen“ vollzieht sich bis ans Ende der Welt. Dieser Vollzug liegt nun an jedem einzelnen, jeder engeren Gemeinschaft, die in jeder Zeit Entscheidungen treffen können, damit das Reich Gottes Wirklichkeit werden kann und in welcher Intensität.

Doch hätte Gott in seiner Allmacht nicht eine bessere Zeit, bessere Menschen wählen können und in ihnen eine größere Gottesliebe entflammen? Diese Frage ist zwar töricht, aber man sollte sie stellen. Lesen wir im Philipperbrief (2:6-8), was von Jesus gesagt wird: „Er war in Gottesgestalt, doch nicht zu eigenem Gewinn erachtete er das Gleichsein mit Gott, sondern entsagte seiner selbst, nahm Knechtsgestalt an, wurde Menschen gleich und im Äußern erfunden wie ein Mensch; er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis in den Tod, den Tod am Kreuze“.

Demnach ist Gott zwar der Herr über die Welt und den Menschen, aber sobald er in die Welt eintritt und an den Menschen heran, legt er seine Herr-schaft ab. Dann wird er geheimnisvoll schwach. Für uns ist es kaum zu verstehen, dass Gott in allem auf dieser Welt lebt, alles durchwaltet und durch ihn besteht, jeder Gedanke und jede Herzensregung nur durch Gott Sinn und Kraft erhält, aber es doch geschieht, dass wir nicht erschüttert werden durch seine herrliche Wirklichkeit, nicht durchglüht von seiner Liebe, sondern es möglich ist, so zu leben, als gäbe es diesen Gott nicht. Dies ist wohl das besondere Geheimnis, das hier gemeint ist: Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht aufgenommen. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen haben es nicht aufgenommen (vgl. Joh 1:2-5).

Es ist wohl deshalb so, weil das Dasein des Menschen nicht nur auf göttlicher Schöpfung und einer schenkenden Allwirksamkeit ruhen soll, sondern auf eine Entscheidung. Das sich entscheidende Geschöpf ist der Höhepunkt der schöpferischen Allwirksamkeit Gottes. Die Entscheidung kann nur in Freiheit geschehen, die Freiheit ist die Rückseite der Medaille, auf deren Vorderseite die Liebe ist. So öffnet Gott, die Liebe, den Raum für die Freiheit dadurch, dass er in seine Schöpfung seine Liebe legt – und sich damit, scheinbar, selber einschränkt. Die Freiheit des Menschen besteht zum einen darin, dass er in der Wahrheit und im Guten frei ist. So erkenne ich Gott und so wird diese Freiheit zu einer Notwendigkeit, einem Nicht-anders-Können. Diese eigentliche Freiheit kann aber erst werden, wenn ich zu Gott auch Ja oder Nein sagen kann. Diese Möglichkeit begründet den Ernst des menschlichen Daseins. Gott konnte uns dies nicht ersparen; damit sie ist, musste er in der Welt „schwach“ werden. Seine Herrschaft in Macht hätte einem „Nein“ keinen Raum gelassen.

Dieses „Nein“ von Gottes Volk wird im Gleichnis vom Gastmahl ausgedrückt, bei dem die Eingeladenen aus vorgeschobenen Gründen nicht erscheinen (vgl. Lk 14:16-24). An ihrer Stelle treten jene, die von ihnen verachtet sind. Die erste Einladung zu diesem Mahl ist an Moses ergangen. Das Volk nahm an, indem es den Bund bestätigte. Die zweite Einladung besagt nun: Kommt herbei, alles ist bereit! Doch der Bote wird nun verachtet. Die göttliche Erziehung aus zwei Jahrtausenden schien umsonst, besonders der hl. Paulus war davon sehr betroffen (vgl. Rö 11:1-6; 11-12; 25-26; 28-31).

Doch auch die Nichtjuden, die Heiden dürfen betroffen sein: Nur weil die Ersteingeladenen nicht gekommen sein, haben sie freie Sitze beim Gastmahl. Die Heiden wurden heil aus dem Unheil Israels. Sie waren zuerst ausersehen und sie leben auch weiter und tragen die Verheißung in sich. An jene Verheißung hängt nun jedoch eine Bedingung: Sie haben noch einmal die Möglichkeit, ihr Ja zum Messias zu sprechen, wenn die anderen, die Heiden, „satt geworden sind“ am Gastmahl, wenn die Zahl der aus den Heiden Berufenen voll geworden ist. Doch dann wird es sein Ja sprechen. Der hl. Paulus mahnt dabei die Heiden sich nicht zu überheben. Schließlich leben sie erst aus der Schuld jener, die sie verurteilen. Alles, was die Heiden zu tun haben, ist deshalb aus tiefsten Herzen dankbar zu sein und die Bedingung für die zweite Frage an die Juden zu schaffen. Jeder wirkliche Christ bereitet somit den Raum vor, in dem das zuerst auserwählte Volk einmal neu vortreten kann.

Der hl. Paulus lässt ein geheimnisschweres Licht auf die Heilsgeschichte von Gottes Volk und uns alle fallen, aber auch auf das Geschick Jesu. Er ist um der Sünde Adams willen als Erlöser gekommen, Gottes Liebe hat zu einer heilvollen Offenbarung ausgeholt, indem er einem Volk einen Bund im Glauben anbot. Dieses Volk hat ihn verlassen, aus dem Bund des Glaubens wurde der Bund im Gesetz. Das Gesetz sollte erziehen, verhärtete aber ebenso die Herzen, so dass sie sich jenem versagten, auf den es hin erzogen wurde. Das von Jesus herbeigebrachte Reich wurde abgelehnt, die Erlösung ging nun den Weg des Opfers. Das Volk verliert dadurch sein Fürsten- und Priestertum, das ihnen in der neuen Ordnung im Reich Gottes zugekommen wäre. Ihr Fall begnadet nun andere, die in die Verheißung eintreten können. Die Christen, das Heidentum wird eingepflanzt in den „Ölbaum“ (vgl Rö 11:17). In dem Maße, wie diese den Weg des Heils verstehen, ihre Liebe wächst, Frucht hervorbringen, wird die Bedingung eintreten, damit das alte Volk von neuem vor die Frage gestellt wird.

Als Christen sollen wir wissen: Das Reich Gottes ist im Kommen und dort schon in der Welt gegenwärtig, wo wir für Gottes Liebe Raum schaffen. Das Reich Gottes kommt deshalb nicht mehr auf eine bestimmte geschichtliche Stunde hin, sondern immerfort und auf jeden Menschen. Es drängt in das Herz von jeden einzelnen, damit er es hinein lässt. Dann tritt der Herr ein, dort wo ihn sein Geist in Liebe empfängt. Dieses Drängen geschieht ebenso an jede Gemeinschaft, damit sie es einlasse, an jedes Werk.

 

In Erinnerung an Romano Guardini

S.D.G.