Ethik ohne Lohn? Ein Denkfehler der Postmoderne

Die Ethik der Postmoderne ordnet das Lohnmotiv in eine niedere sittliche Stufe ein; eine fortgeschrittene, gar eine christliche Gesinnung kann damit nichts mehr anfangen. Irgendwie stimmt diese Behauptung ja auch. Etwas zu tun, um ein Ziel zu erreichen, lässt mich in den notwendigen Zusammenhang von Zweck und Mittel treten. Diese praktische Notwendigkeit bindet mich. Etwas zu tun, weil es recht ist, hebt diesen Zusammenhang auf, es ist kein Zweck und kein Mittel mehr vorhanden, nur mehr der sittliche Sinn, die Erfüllung der Pflicht. Nun bin ich nur mehr meinem Gewissen in Freiheit gebunden. Einen Zweck kann man auch unfrei erfüllen, den Sinn nicht. Diese Freiheit hat etwas Großes, Großmütiges, das sich durch den Hinweis auf einen Lohn erniedrigt fühlt. Etwas Gutes zu tun, soll seinen Sinn in sich selbst besitzen, nichts darf mehr hinzutreten, schon gar nicht ein Lohngedanke. Etwas abfällig wählt die Neuzeit für einen solchen Menschen den Begriff „Gutmensch“.

Nun spricht aber Jesus oft und an entscheidenden Stellen seiner Botschaft vom Lohn. Hilfreich wird nun, wenn man die Heilige Schrift tatsächlich als Wort Gottes betrachtet. In ihr nur einen religiösen Text zu sehen, bedeutet die eigene Einsicht als Beurteilung der Schrift heranzuziehen. Dann wird mir das Wort vom Lohn höchstwahrscheinlich als ungereinigtes sittliches Gefühl gegenüber treten, womit man die Ethik des Herrn an diesem Punkt als überholt betrachten kann. Bleibt mir aber die Heilige Schrift als Wort Gottes präsent, dann muss der von Jesus an verschiedenen Stellen angeführte Lohngedanke eine andere Tiefe besitzen, als die Postmoderne annimmt. Sie muss ein entscheidendes Problem unter jener ethischen Gesinnung übersehen.

Im Neuen Testament findet man Hinweise, dass in jeder „reinen Ethik“ die Möglichkeit eines großen, schwer erkennbaren Stolzes liegt. Nur Gott kann das Gute rein wegen der Würde des Guten wollen, damit es das einzige Motiv der Gesinnung ist. Nur Gott kann das Gute in der reinen Freiheit seines Seins tun und gleichzeitig ganz mit sich einig und erfüllt sein. In der Postmoderne hat dieses Privileg dann auch der Mensch für sich beansprucht, indem er sittliches und göttliches Verhalten gleichsetzt. Die Definition seines sittlichen Verhaltens wählt er dabei so, dass das tragende Ich nur Gott sein kann. Allerdings setzt der Mensch zuvor stillschweigend voraus, dass das eigene, menschliche Ich tatsächlich Gott sei. Das ist der sittliche Stolz der Postmoderne.

Zuvor und in der Heiligen Schrift ließ der Lohngedanke den Ruf der Demut erklingen. Dieser Ruf besagt, dass der Mensch mitsamt seiner Möglichkeit das Gute zu erkennen und zu wollen immer noch (sündhaftes) Geschöpf bleibt; dies auch trotz der Möglichkeit sich in Freiheit entschließen zu können. Der Mensch droht auch hier der Versuchung zu erliegen, sich mit dem Schöpfer gleich zu setzen. Diese Versuchung kann jedoch überwunden werden, wenn man anerkennt, dass man sich auch im Tun des Guten unter Gottes Urteil begibt. Allein Gott gibt als Lohn die Frucht der guten Tat, den Ertrag des Sinns einer sittlichen Entscheidung und die Anstrengung dafür. Nichts davon kann autonom aus sich selbst hervortreten.

Ein unwürdiger Lohngedanke stellt sich ebenso ein, wenn man mit ihm ein falsches Gottesbild verbindet. Jesus spricht von einem Gott, der auffordert, ihn zu lieben. Indem Gott mich zur Liebe fähig macht, werde ich ihm ebenbürtig. Gott schenkt mir meinen Lohn, indem er mein Tun würdigt. Diese Würdigung ist selbst Liebe. Im Wachsen dieser Liebe kann der Mensch sagen: Ich liebe Gott, weil er Gott ist. Jede gute Tat soll diesen Gott bejahen, denn er allein ist würdig Macht, Reichtum, Weisheit, Kraft, Ehre, die Herrlichkeit und das Lob zu empfangen (vgl. Offb 5:12). Das sind die 7 Attribute, die dem alleinigen König und Herrn gebühren. Der Lohngedanke ist dabei nur mehr im zarten und demütigen ersten Ansatz enthalten. Nun kann das Gute getan werden um der Heiligkeit und Herrlichkeit des Guten selbst willen. Das befreit davor seine sittliche Pflicht aus sich heraus tun zu müssen, denn man übersieht ganz sich selbst, weil man Gott will, um Gottes willen. Diese Haltung bewahrt davor eine eigene Reinheit anzunehmen, wie sie nur Gott möglich ist, und dadurch dem Stolz zu verfallen.

In Erinnerung an Romano Guardini

S.D.G.