Das widersprüchliche Menschenbild der Postmoderne

Gott ruft den Menschen an, begründet ihn somit im Sein, dadurch wird der Mensch erst Person. Nur von hierher kann der Mensch verstanden werden, sobald man es anderswoher versucht, verfehlt man ihn. Dann gebraucht man noch das Wort „Mensch“, aber seine Wirklichkeit ist nicht mehr vorhanden. In der Neuzeit zeigt sich etwas Eigentümliches: Viele Menschen, die geistig Maß und Ton bestimmen, lösen sich von Gott ab. Sie erklären sich für autonom, für fähig und befugt sich selbst das Gesetz des Lebens zu geben. In dieser Haltung wird der Mensch als absolut gesetzt. Alle Eigenschaften Gottes nimmt der Mensch nun an sich, verlegt sie in sich hinein. Er sei nun reif und fähig zu entscheiden, was gut und böse, was gewollt werden soll und was nicht gewollt werden darf. Daneben läuft noch eine andere Linie: es wird gesagt, der Mensch sei ein Lebewesen wie alle sonst. Seine Geistigkeit geht aus dem Biologischen hervor, und dieses aus der Materie. Der Mensch sei ein höher entwickeltes Tier, er löst sich in die stumme Stofflichkeit auf.

Beide widersprüchlichen Antworten laufen zur selben Zeit nebenher und heben sich gegenseitig auf. Beide widersprüchlichen Antworten kommen aus derselben Wurzel und zeigen auf, wie sich der Mensch heute missversteht, wenn er sein Auf-hin zu Gott verlässt, welches sein Wesen begründet. Eine Antwort sagt: mein Geist ist der absolute Geist, ich bin in meinem Kern mit Gott identisch. Der gleiche Mensch gibt die zweite Antwort: es gibt überhaupt keinen Geist, was man Geist nennt ist das Erzeugnis des Gehirns, eine höhere Gliederung dessen, was der tote Stoff ist.

Weiter erkennt der Mensch, dass er fähig ist, Wirkungsketten in der Welt in sich beginnen lassen zu können. Auf die Frage der Bedeutung dessen antwortet er: das ist absolute, schöpferische Freiheit, sie bringt die Ideen und Normen, ja die Welt selbst hervor. Nun antwortet der gleiche Mensch aber auch: es ist Unsinn von Freiheit zu reden, in Wahrheit gibt es nur Notwendigkeiten. Man nennt sie im stofflichen Bereich „Naturgesetze“, im seelischen „Trieb“, im sittlichen „Motiv“. Wieder heben sich die Antworten im Widerspruch auf.

Setzen wir erneut an: Immer mehr hat der Mensch das beglückende Bewusstsein als Einmaliger in sich zu stehen, ein einzigartiges Individuum zu sein. Er antwortet darauf: ich bin also Person, ganz auf sich gestellt, ohne Ordnungen, die mich tragen oder Normen, die mich verpflichten. Ich bin hinausgeworfen ins Irgendwo in ein gewaltiges und auch furchtbares Schicksal. In jedem Augenblick muss ich deshalb mein eigenes Tun, mein eigenes Sein selbst bestimmen. Derselbe Mensch antwortet aber auch: die Ansicht, der Mensch sei Person, ist eine Täuschung. Er ist in Wahrheit nur ein Element im Weltall, ein stofflich Ding unter anderen Dingen. Für sich selbst hat der Mensch keinen Sinn, er soll im Ganzen aufgehen und einverstanden sein, in es hinein geopfert zu werden.

Man könnte noch viele solche Widersprüche sagen, aber man versteht schon jetzt: im unerschöpflichen Irrtum missversteht der Mensch sich selbst. Dies wurde nur möglich, weil er Gott losließ. Nun wurde der Mensch sich selbst unbegreiflich. Die Versuche, sich zu deuten, pendeln immerzu zwischen zwei Polen hin und her: sich absolut zu setzen im Anthropozentrismus, oder sich preiszugeben; den höchsten Anspruch auf Würde und Verantwortung zu erheben, oder sich seiner Schmach auszuliefern, die umso tiefer geht, weil sie gar nicht mehr empfunden wird.

Der Mensch jedoch weiß erst wer er ist, wenn er sich selbst aus Gott heraus versteht. Dazu muss er wissen, wer Gott ist. Das kann er jedoch nur, wenn er Gottes Selbstbezeugung annimmt. Wer sich gegen Gott auflehnt, denkt ihn falsch und verliert das Wissen um sein eigenes Wesen, dies ist das Grundgesetz aller Menschenerkenntnis. In Jesus Christus wurde die Selbstbezeugung Gottes dem Menschen offenbar und ihm ein Weg zur Erlösung geschenkt. In Jesus Christus wurde dem Menschen gesagt, wer er sei, indem ihm gesagt wurde, wer Gott ist. Gotteserkenntnis und Menschenerkenntnis verschmelzen wieder zu einem Ganzen. Das Ebenbild Gottes bekam wieder einen, seinen Sinn.

In Erinnerung an Romano Guardini

 

S.D.G.