Christusorte: Die Zinne des Tempels

Aus dem Matthäus- und Lukasevangelium (Mt 4:5-7, Lk 4:9-12) erfahren wir die Geschichte von der Versuchung Jesu. Der Text beschreibt eine spirituelle Reise Jesu mit dem Teufel. Christen aus früherer Zeit suchten jedoch einen Aspekt der Geschichte, die Tempelzinne, geografisch zu verorten und als real anzunehmen. Zu Beginn der Pilgerreisen in das Hl. Land und Jerusalem entstand das Verlangen Geschehnisse aus dem Leben des Herrn an konkreten Orten festzumachen, so auch dieser Teil der Versuchungsgeschichte, bei der Jesus vom Teufel auf die Zinne des Tempels geführt wurde.

Die älteren Bibelübersetzungen erwähnen meist eine „Zinne des Tempels“. Diese kann bis heute jedoch nicht eindeutig lokalisiert werden, weshalb neuere Bibelausgaben „oben auf dem Tempel“ (EÜ) übersetzen. Der griechische Text benützt das Wort pterygion, was Zinne, Abschluss, Rand bedeutet. Nur im NT wird dieses Wort im Sinne eines architektonischen Merkmals verwendet. Im AT trifft man auf das Wort pinah für Zinne, Ecke. Im Zusammenhang mit der Tempelzinne wird jedoch ein anderes hebräisches Wort relevant, nämlich ma’akeh, welches das Geländer auf dem Dach eines orientalischen Hauses meint. Dieses sichernde Geländer auf den Dächern jüdischer Häuser wird in der Bibel in Dtn 22:8 erwähnt. Die Tempelanlage mit ihren zahlreichen Gebäuden hatte sicherlich auch Geländer und Steinbrüstungen auf ihren Dächern.

Als der römische Kaiser Konstantin im Jahre 313 Religionsfreiheit in seinem Reich gewährte, setzte ein steter Pilgerstrom in das Hl. Land ein. Allerdings wurde zuvor das Land und Jerusalem durch zwei große Kriege verwüstet, nämlich 66-70, bei dem der Tempel zerstört wurde, und der Bar Kochba Aufstand 132-135. Außerdem war Jerusalem von 135-326 unter dem Namen Aelia Capitolina eine paganisierte römische Stadt. So trafen die Pilger auf kaum greifbare Erinnerungen an das Leben Jesu. Allerdings wurden in der kleinen und immer präsenten christlichen Gemeinde von Jerusalem gewisse Traditionen bewahrt. Man wusste den Ort des Grabes und Golgota, obwohl beide in der römischen Stadt Aelia mit einem Aphrodite-Tempel überbaut waren. Wo gesicherte Traditionen fehlten, neigte man dazu Orte aufgrund von entsprechenden Eigenschaften als „heilige Stätten“ auszuweisen, wobei das bestimmt aus frommen Motiven und gutem Glauben geschah. Diese Art von Ortsbestimmung wurde auch im Falle der Tempelzinne vorgenommen.

Im Jahr 70 wurde der Tempel in Jerusalem zerstört. Es war nun schwer sich ein Bild dieser großen Anlage zu machen und gar ein einzelnes Bauteil zu identifizieren. So benützte man Erinnerungen und sichtbare Gebäudeteile, um Begebenheiten zu lokalisieren. Im Falle der Zinne erinnerte man sich zunächst an die königliche Halle des Salomon, die den Vorhof des Tempels nach Süden abschloss und die ganze Breite der Tempelplattform einnahm. An der Südostecke der Halle war das Dach der beeindruckendste Punkt des Gebäudes, der hoch über dem Kidrontal aufragte. (Flavius Josephus: Ant. XV 11.5). Dort hatten sich die Stützmauern der Tempelplattform in turmartigen Formationen erhalten und bildeten den höchsten Punkt der Ruinen. Deshalb verorteten die Christen dort die Zinne des Tempels der Versuchungsgeschichte Jesu.

In einer anderen Überlieferung (HE II 23, 10-19) aus dem 2. Jahrhundert spricht Hegsipp davon, dass der Herrenbruder Jakobus von der Südostecke der Tempelruine in den Tod gestürzt wurde. Er schreibt weiter, dass dies nach einem glänzenden Zeugnis über Jesus geschah. Nach dem Sturz bewarf man ihn noch mit Steinen und während er noch mit letzter Kraft für seine Verfolger betete, erschlug man ihn mit einer Walkerkeule. Die Leiche wurde unter der Zinne am Abhang des Kidrontales begraben. Im 4. Jahrhundert weiß der Pilger aus Bordeaux auch von einem Eckstein, „den die Bauleute verwarfen“ (Mk 12:10, Ps 118:22). Er meint dabei jenen mächtigen Quader, der den Eckstein der 28. Steinlage bildet, die durchwegs aus großen Steinen besteht und „Meisterlage“ genannt wird. Sie beginnt über dem Doppeltor in der südlichen Tempelmauer und zieht sich nach Osten bis zum Eckstein hin.

Anhand der Mischna, den Aufzeichnungen von Flavius Josephus und neuerer Archäologie kann man sich heute ein gutes Bild vom herodianischen Tempel machen. Ende der 1960er Jahre stieß man bei Ausgrabungen an der südwestlichen Ecke der Tempelplattform auf der Straße zum Hulda-Tor auf einen besonderen Stein. Seine Bearbeitung deutet darauf hin, dass er den oberen Abschluss einer Brüstung bildete. An der Innenseite des Steines befindet sich eine Nische, an der oben das Fragment einer Inschrift erkennbar ist. Die Fundstelle des Steines weist ihn als Bestandteil der Brüstung des Turmes an der Südwestecke des Tempels aus. Nach Josephus (Bell. Jud. IV 9,12) hat der Zelotenführer Johannes von Gischala an allen vier Ecken der Tempelplattform einen Turm errichten lassen. Fachleute übersetzen die Inschrift auf dem Stein mit „Zum Platz des Trompeters …“. Das letzte unvollständige Wort lautet wohl „… um zu verkündigen“. Josephus informiert, dass dort auf dem Turm ein Priester am Abend vor dem Sabbat sich hinstellte und per Trompetenschall den Beginn des Ruhetags verkündete. Am Tag darauf tat er gleiches, um das Ende zu melden. Für diese öffentliche Kundmachung war der Platz am Südwestturm gut geeignet, denn er wandte sich der Stadt zu.

Das vom Teufel geforderte Schauwunder der Versuchungsgeschichte Jesu hätte an der Südwestecke der Tempelplattform eine hervorragende Kulisse. Hier führte eine große Freitreppe (Robinson Bogen) zu einem hohen Tor des Tempels hinauf. Unten an der Ecke läuft die Straße von der Antonia die Westmauer entlang hin zu den Hulda-Toren, dem Sammelplatz der jüdischen Pilger. Es hielten sich hier also immer viele Menschen auf und der Teufel hätte reichlich Publikum gehabt, anders als an der Südostecke des Tempels. Ein Sprung aus 42 Meter Höhe von der Südwestecke des Turmes wäre sicherlich ein großes Spektakel gewesen. Jesus war jedoch weder Stuntman noch Sensationsdarsteller, aufsehenerregende Wunder lagen ihm fern. Vielmehr wollte er Menschen helfen und Nachfolger gewinnen. Die Zinne des Tempels der Versuchungsgeschichte Jesu könnte also durchaus an der südwestlichen Ecke des Tempels zu verorten sein, auch wenn die Tradition dagegen spricht.

 

siehe auch: Bernardin R. Höhn, „Zinne des Tempels“

 

S.D.G.

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