Wie lebt der Mensch am Ende des 21. Jahrhunderts?

Es ist noch nicht lange her, als das Smartphone begann das Leben der Menschheit grundlegend zu ändern, durch ein „outsourcing“ des Gehirns. Ob die Erfindung des Rades ähnlich plötzlich und umwälzend war? Jedenfalls beginnt nun eine virtuelle Welt mit der Wirklichkeit zu konkurrieren und vermengt sich mit ihr. Welche Trends und Möglichkeiten werden daraus entstehen, wie und mit welchen Wertvorstellungen wird der Mensch des ausgehenden 21. Jahrhunderts leben? Hier meine 5 Megatrends:

Seit der „Ehe für alle“ und dem Fortschreiten der Gender-Ideologie wird eines klar: Der Mensch und seine Sprache werden ent-definiert. Begriffe beraubt man ihres Inhaltes und passt sie durch Neusprech dem Ziel einer neuen Ideologie und allgemeinen Relativierung an, auch der des Lebens. Dadurch gehen die wesentlichen Werte des Menschen verloren. Dieser ideologisch gewollten Verunsicherung wirkt der Mensch mit einer Selbstverwertung entgegen, der erste Megatrend. Sie ersetzt das Humboldt’sche Ideal der Selbstverwirklichung, in der die Entfaltung des Selbst an sich ein Wert war, in dem jenes, was man im Innersten trägt, in die Welt sprießen sollte. Ein Motto konnte dabei sein: Lebe so, dass jeder Moment zählt. In der Selbstverwertung ändert sich dieses Motto in: Lebe so, dass jeder Moment zählbar ist.

In dieser Verwertung seiner selbst will man das sein, was einen weiterbringt. So wird etwa die eigene Arbeitskraft zu einem anzubietenden Gut, das meistbietend vergeben wird. Leckeres Essen zu kochen ist gut, bei Instagram 1500 Likes dafür zu bekommen besser. Einen schönen Augenblick im Leben zu genießen ist gut, ihn als Selfie oder Video per Instagram oder YouTube zu posten und dafür 2400 Likes zu bekommen besser. Jeder einzelne Aspekt im Leben kann nun in soziale Währungen umgemünzt werden. Man ist, was man im Web postet. Kein Augenblick des Lebens ist, wenn er nicht digital per Selfie festgehalten. Sogenannte Influencer nutzen schon heute diese Möglichkeiten, um neue Karriereoptionen zu erschließen oder als bezahlte Marke für Marken zu werben.

Wer klug mit diesen Möglichkeiten umgeht, kann eine Selbstermächtigung erleben, im schlimmsten Fall kommt es zur freiwilligen Selbstausbeutung. Jedes Handeln in der Welt verliert schnell ihren Reiz und ihre Wirksamkeit, wenn es dem Denken der Verwertbarkeit unterworfen ist. Ein Sonnenaufgang auf dem Gipfel eines Berges kann besser genossen werden, wenn man nicht damit beschäftigt ist die beste Selfie-Position, den besten Filter oder den cleversten Hashtag auszusuchen.

Durch die Digitalisierung und Globalisierung wird die Welt immer kleiner, geradezu ortlos, weil man immer überall digital sein kann. Gleichzeitig wird sie jedoch für den Einzelnen unüberblickbar groß und unübersichtlich. Es wird immer schwerer werden, sich irgendwo zugehörig zu fühlen, weil es eine Vielzahl von Teilgesellschaften gibt, deren Teil man sein könnte. Ein zweiter Megatrend wird also Fragmentierung sein. In der analogen Welt waren soziale Gruppen klar definiert, in der digitalen Welt treten an deren Stelle dynamische Verbünde, die ständig im Wandel sind. Es ergeben sich dadurch riesige Chancen, denn die alten sozialen Gefüge konnten zwar Halt geben, aber auch einengen. Ehemalige Außenseiter finden nun leichter Gleichgesinnte.

Allerdings wird der Einzelne von dieser Fragmentierung der Gesellschaften auch überfordert werden, weil sie sich in seiner Identität spiegelt. Der Mensch definiert sich meist über Bezugsgruppen, doch sind diese unscharf definiert und viele, braucht es einen immensen kognitiven Aufwand eine als ganz empfundene Identität auszubilden. Der konsumorientierte Markt wird immer neue Bezüge und Styles kreieren, besonders junge Menschen müssen stets ihren Style und sich neu erfinden. Gerade Jugendliche brauchen jedoch eine fest definierte Bezugsgruppe, meist die Familie, um ihre Identität zu formen. So wird es aus Mangel an konkreten Definitionsmöglichkeiten „Patchwork-Ichs“ geben, aus dem an sich unteilbaren Individuum wird ein verunsichertes, leicht manipulierbares „Dividuum“. Leicht manipulierbar, denn wer überfordert ist, mit der ständigen Arbeit am Ich, der wendet sich einfachen Ideologien mit klaren Regeln und Feindbildern zu. So ist es bezeichnend, dass sich gerade fremdenfeindliche Gruppen zur Wahrung von Identität berufen fühlen. Zur Verunsicherung seiner Geschlechtlichkeit durch die Gender-Ideologie, tritt die Verunsicherung seiner Identität. Menschen werden „transsympathisch“: Ein lieber Mensch steckt im Körper eines Idioten, Narzissmus wird gefördert.

Diese ständige Arbeit am Ich wird zudem flexibilisiert durch einen 3. Megatrend: Die Algorithmisierung. Kennt laut der Bibel nur Gott dein Herz besser als du selbst, ist es nun in der digitalen Welt der Algorithmus. Er prägt heute das Leben bereits im hohen Maß. Alles, was in Facebookstreams, in der Googlesuche, in Spotify, in YouTube oder bei Amazon angeboten wird, ist bestimmt von Algorithmen. Diese smarten Formeln leben von jenen Daten, die der Mensch ihnen willfährig in der digitalen und auch schon analogen Welt anbietet. Die Algorithmen schneiden die präsentierte digitale Welt auf uns zu, man beginnt in Filterblasen zu leben.

Immer mehr Dinge werden sich in Zukunft miteinander vernetzen und sie werden sehr viel über uns wissen. Sie werden uns entlasten und für uns Entscheidungen treffen, welche die unendlichen Möglichkeiten im Web uns aufdrängen. So wird der Algorithmus wissen, wann welche Musik zu welcher Zimmertemperatur gespielt werden soll, damit man jene drei Urlaubsdestinationen entspannt auswählen kann, die das Web anbietet, wenn man Lust auf Urlaub hat. Währenddessen bestellt der Kühlschrank schon mal das Gemüse ab und die digitale Apotheke das Reisemedikament. Oder aber man geht an einer Bar vorbei und der Algorithmusfreund weist darauf hin, bei wem es sich lohnt, ihn anzusprechen. Nebenbei werden dazu weitere Daten gesammelt. Potenzielle Annehmlichkeiten stehen der bangen Frage gegenüber, wie viel Freiheit man noch besitzt.

Deshalb wird sich eine Gegenbewegung zu Globalisierung und Digitalisierung entwickeln. Indem die Welt immer unübersichtlicher und ungreifbarer wird, erhält die unmittelbare physische Welt mehr Bedeutung. Es wird sich jener 4. Megatrend verstärken, der sich heute bereits andeutet: Die Re-Lokalisierung. Die Biokiste mit saisonalem Gemüse aus der Region steht für diese Rückbesinnung, „Urban-Gardening“ oder Bienenzucht in der Stadt sind diesem Trend zuzurechnen.

Auch auf wirtschaftlicher Ebene findet man Entsprechungen, wenn Industriestaaten ihre Produktion wieder in das Land zurückholen und mit neuen Mitteln zukunftsfähig machen. Die Wirtschaftskreisläufe werden regionalisiert, Transportstrecken verkürzt, neue effiziente Mobilitätskonzepte für Regionen erarbeitet. Diese Re-Lokalisierung wird sich auch im Denken und der Politik spiegeln, wenn verstärkt national gewählt, gegessen und gewirtschaftet wird. „Amerika first“ oder der Brexit sind Phänomene dieser Entwicklung. Der Wert Toleranz tritt zurück oder wird neu definiert nach dem Motto: „Keine Toleranz den Intoleranten“.

All diese Trends sind per se weder gut noch schlecht. Es liegt in unseren Händen, wie sie die Welt und unser Leben verändern werden. Hier greift der 5. Megatrend, die Gestaltung. Das Wirken der Menschen wollte die Welt schon immer nach den eigenen Bedürfnissen gestalten. Doch werden in Zukunft die Räder größer, an denen man drehen kann. Es gibt Möglichkeiten in das Heiligste, der Entstehung von Leben einzugreifen. Designerbabys werden möglich oder die Beeinflussung des Klimas im großen Stil mittels Climate Engineering.

Das individuelle Leben wird ebenso immer bewusster gestaltet. Man konditioniert sich selbst zu einer bestimmten Ernährung oder einem Sportregime. Durch Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und digitalen Prothesen verschieben sich die Grenzen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit. Gesundheit wird zu einem wichtigen Wert und tritt an die Seite von Sicherheit. Es werden neue kreative und unbekannte Räume entstehen, Innovationen ermöglicht. Die „virtual Reality“ kann Geist und Schöpfungskraft des Menschen erweitern. Es wird aber auch der Druck erzeugt, all diese Möglichkeiten zu nutzen. Sollte man immer tun, was man kann? So wird es immer wichtiger, dass der geistige und moralische Fortschritt des Menschen schneller vorangeht, als seine technischen Möglichkeiten sich vergrößern.

 

siehe auch: Heidelberger Gesellschaft für Innovative Marktforschung  (GIM) Dr. Hannes Fernow

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