Yoga und Zen vs. christliche Spiritualität

Mystik, Ritual, Kult, das sind Begriffe und Lebenswirklichkeiten, die heute im Westen trotz der Säkularisierung der Welt immer mehr geschätzt werden. Allerdings meint man damit mehr östliche Spiritualität, eigene christliche Wurzeln sind verpönt und aus dem kritischen Rationalismus der Moderne entwickelt sich immer mehr ein abergläubischer Irrationalismus der Postmoderne. Deshalb ist es wichtig den Unterschied zu erkennen zwischen dem, was außerchristlich an „religiösem“, „transzendentalem“, „mystischem“ und „spirituellem“ läuft und dem, was das Christentum unter Spiritualität versteht. Dies vor allen deswegen, weil auch im innerkirchlichen Bereich immer mehr eine Vermischung stattfindet, man denke nur an die zahlreichen Yoga- und Zen-Kurse in katholischen Bildungseinrichtungen.

Es war der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar, der christliche Theologie nicht etwa neben christliche Spiritualität stellte, sondern eine „kniende“ Theologie forderte, die aus dem Gebet kommt und zum Gebet führt. Dabei formuliert er den fundamentalen Unterschied zwischen christlicher und nichtchristlicher Spiritualität. Der Wesenskern des Christentums ist keine Religion unter anderen, sondern unterscheidet sich grundlegend vom allgemein Religiösen. Dort versucht der Mensch seine Urerfahrung der Endlichkeit zu kompensieren, indem er diese Entfremdung von der ursprünglichen Einheit des Unendlichen durch ein „hinaus“ aus dem Endlichen und ein „hinauf“ in die Unendlichkeit überbrücken will. Diese Entweltlichung will das Materielle zurücklassen, Ziel ist die Vergeistigung des entfremdeten Menschen. Eine solche Spiritualität hat die religiöse Dynamik von selbstischem Tun in sich. Der Mensch bricht auf, sucht, begibt sich entlang eines Weges.

Der christliche Glaube hingegen hat einen Grund, den er sich nicht selbst gegeben hat. Nicht der Mensch bewegt sich hier hin zu Gott, sondern es ist Gottes Bewegung zum Menschen. Gott will zum Menschen, es ist kein Aufbruch des Menschen nötig, weil es ein Einbruch Gottes ist. Nichtchristliche Mystik bahnt sich von der Welt und dem Menschen aus einen Weg hin zu Gott, christliche Mystik hat jedoch immer ein „Voraus“, einen Grund, der in Gott liegt. Christliche Spiritualität ist nicht blinde Aktion hin zu Gott, sondern sehende Reaktion auf Gott. Ein Christ reagiert auf die Liebeszuwendung Gottes, seines menschgewordenen Sohnes. Jesus Christus ist die vorgebildete Brücke hin zur Sphäre Gottes, die im Hl. Geist beschritten werden kann, nichtchristliche Religiosität steht hingegen vor der Aufgabe sich selbst diese Brücke bauen zu wollen. Der Christ kann dem Handeln Gottes immer nur hinterher laufen, weil Gott uns zuerst geliebt hat.

Die nichtchristliche Spiritualität versucht sich in einen Gott zu versenken, den sie bestenfalls ahnt, aber der doch ein Abstraktum bleibt. Der Christ hat Konkretes als Voraussetzung, die geschichtliche Selbstoffenbarung Gottes. Sie ist eine Beruhigung, denn die Einigung eines Nichtchristen mit Gott bleibt immer ein vages Postulat. Er hat keine Garantie, dass er durch Meditieren und Transzendieren dem wahrhaft Göttlichen begegnet, er kann auch auf Auswüchse seiner eigenen Fantasie und psychologischer Phänomene stoßen. Der Christ weiß, dass Gottesbegegnung möglich ist, weil sie geschichtlich real in der Inkarnation Gottes verbürgt ist. Deshalb hat sich christliche Kontemplation auch an die Hl. Schrift zu orientieren, sie muss biblisch im umfassenden Sinn sein.

Eine nichtchristliche Meditation wird sich hingegen in der Tiefe letztendlich von Begriffen und Worten abwenden müssen, es bleibt das Schweigen, weil Gott der Unbekannte bleibt. Man stößt auf das „nichtseiende Nichts“, die ultimative Abstraktion, die Negation jeder Begrifflichkeit. Dies führt zu einer erleuchteten Resignation, die eine religiöse Ausstrahlung besitzen kann. Hier wird dann der Weg zum Ziel, es bleibt beim Suchen, nie Finden, womit man zufrieden sein muss. Gott verbirgt sich stets im Unbekannten, wortlos, schweigend. Religiosität besteht darin, zurückzuschweigen. Doch verstehen die nichtchristlichen Religionen den polaritätslosen, geheimnisvollen Gott hier nicht besonders tief?

Die Unbegreiflichkeit und das Mysterium Gottes bleiben im Christentum ebenso erhalten und dies gerade wegen den in der Bibel festgehaltenen Worte und Taten Gottes sowie den Sakramenten. Die abstrakte Göttlichkeit östlicher Religionen ist nämlich weitaus weniger Mysterium als das, was in der konkreten geschichtlichen Selbstoffenbarung dem Menschen in Jesus Christus entgegen tritt. Gott wird zwar im fleischgewordenen Wort anschaubar, sogar sakramental „betastbar“, aber gerade hier kann der Mensch Gott nie habhaft werden. Ein konkreter Gott, der so sein Geheimnis preisgibt, wird immer mehr unfasslich. Wenn nichtchristliche Religionen Gott als dunkles Mysterium begreifen, dann deshalb, weil sie ob der abstrakten Finsternis nichts sehen. Christen verschließen ihre Augen vor Gott wegen seiner Überhelle. In der Anschauung werden sie geblendet von seinem Mysterium, je offenbarer Gott ist, desto verhüllter.

Nichtchristliche Meditation will aufsteigen, Endlichkeit abstreifen, meist ein psychologisch antrainiertes Sich-Abwenden von der äußeren Welt hin zur Innerlichkeit. Der Mensch reduziert sich dadurch, in dem er Leiblichkeit und Sinnlichkeit auf Kosten der Geistigkeit niederdrückt. Der Leib als hinderliche Hülle des Geistes. Das Christentum kennt unter dem Einfluss des Neuplatonismus ähnliche Formen von Aufstiegsfrömmigkeit. Hier sind Meister Eckhart, aber auch Augustinus zu nennen. Ihr Schema, Läuterung – Erleuchtung – Einigung, wird dann problematisch, wenn es zu einem „hinaus“ aus der Weltwirklichkeit führt. Zudem lässt die Art der Reihenfolge meinen, dass die Stadien stufenweise zu erreichen sind, aber als Christ geschieht dies meist simultan. Die höchste Gnade göttlich-bräutlicher Einigung schließt keineswegs Momente tiefster Traurigkeit und Einsamkeit aus.

Christliche Meditation will nicht entschweben und sich abkehren von Weltlichkeit und Geschichtlichkeit. Sie ist vielmehr Einkehr des Göttlichen in eben diese Weltlichkeit und Geschichtlichkeit, eine „Einfleischung“. Die Einigung zwischen Seele und Gott erfolgt nicht im verzückten Jenseits, sondern in der realen Lebensgeschichte. Maria ist hier das Musterbeispiel dieser Einigung mitten in der Lebenswirklichkeit, ja Leiblichkeit. Maria stieg nicht meditativ zu Gott auf, sondern Gott ist in ihre Geschichte, in ihren Leib hinabgestiegen.

Diese „Marianität“ der christlichen Spiritualität zeigt auf, dass sie niemals machbar oder technisierbar ist. Die östliche Religiosität betont gerne Methode und Technik der Meditation. Meister, Lehrer und Gurus vermitteln diese weiter. Körperbeherrschung, Atemtechniken und äußerste geistige Konzentration haben zu psychischer Entspannung zu führen. Die Faszination des Östlichen besteht gerade in dieser Machbarkeit und Erlernbarkeit. Man kann Spiritualität in Kursen erkaufen. Christliche Meditation hat nach Hans Urs von Balthasar jedoch unabhängig von Technik zu sein. Der Mensch darf sich nicht anmaßen durch Techniken nach dem Göttlichem greifen zu können. Man soll sich beschenken lassen und nichts selbst erwirtschaften. Yoga, Zen oder sonstige Übungen lassen einen Menschen nicht „arm im Geist“, sondern er will damit voll des Könnens und Vermögens sein und gehört deshalb zu den „Reichen“. Dabei ist nicht gemeint, man solle bestimmte Voraussetzungen für Gebet und Betrachtung vernachlässigen. Natürlich ist Stille, Gelassenheit, ein vorbereitender Akt der Hingabe oder ähnliches notwendig. Aber dies ist nur die Schaffung einer geeigneten äußeren Atmosphäre, um eine innere Haltung der Offenheit zu erreichen. Was und wie Gott sich dem Betenden mitteilt, bleibt allein Gottes Sache! Gott schenkt sich in der Begegnung, man nimmt sie sich nicht.

Die christliche Meditation kennt keine selbstgenießerische Weltabgehobenheit, sondern zielt auf eine Gottesbegegnung, die Jesus Christus verbürgt. Eine Intensitätserfahrung religiöser Lust, die oft rein psychologischer Natur sein kann, ist hier ausgeschlossen. Gottesbegegnung ist nicht ausschließlich erleuchtete und selbstberuhigende Erbauung. Die Palette der christlichen Gefühlserhebungen ist weiter, weil Christus alle Zustände der Menschlichkeit kennt. So können neben Erbauung, Trost, Erhebung und Stärkung auch Verlassenheit, geistige Trockenheit, Trostlosigkeit und Verzweiflung echte Formen der Gottesbegegnung sein. Hier ist nicht die Art des Zustandes entscheidend, ob beglückt oder bedrückt, sondern die Art der Annahme. Die Haltung muss hellhörig machen für Gottes Zuflüsterungen. In Trockenheit, Trostlosigkeit und Leere kann man ebenso Einigungsgnaden erkennen, weil sie Christusgnaden sind. Es sind seine Passions- und Ölberggnaden. Für östlich Meditierende wären solche Erfahrungen eine Katastrophe, ein Versagen.

Christliche Meditation erfolgt demnach nicht nach Art eines selig lächelnden Buddhas, sondern im Antlitz des gekreuzigten Christus, der jedoch das Auferstehungsereignis schon in sich trägt. Bei der christlichen Meditation und beim Gebet geht es um Verfügung. Dadurch wird es unegoistisch, locker und entspannt. Nichts muss erlebt, erfahren oder gefunden werden. Es geht um das gewähren lassen. Was immer Gott über den Betenden verfügt, es ist in jedem Fall Gnade.

Der konkrete, nicht abstrakte, Gott begegnet uns im menschgewordenen Sohn, womit uns auch im Mitmenschen der ewige Gott begegnet. So wird für den Christen der Dienst am Mitmenschen und ebenso der Natur, Gottes Schöpfung, zum Gottesdienst. Er gelingt natürlich nur, wenn man in der Kontemplation stets aus der Quelle trinkt, die Jesus ist. Christliche Meditation ist somit auch immer Sendung in die Welt. Der Betende wird von Gott verschenkt, der Betende findet Gott in allem. Christliche Meditation verliert nie den Boden der Realität. Östliche Meditation neigt vielmehr dazu sich der Realität zu verweigern, weil sie letztlich eine Form der Imagination ist.

Nichtchristliche Meditation birgt die Gefahr in sich in der Sackgasse des eigenen Selbst zu enden. Diese Mystik will ja gerade unmittelbar-subjektives Erleben, Erfahrung, Erkenntnis und Erleuchtung. Sie bleibt meist anthropozentrisch. Durch Meditation will man etwas haben oder sich etwas nehmen. Östliche Techniken wollen den Menschen von sich selbst entleeren, sich vernichtigen, weil nur so die Einheit mit einem abstrakten Gott möglich ist. Darum muss das Endliche und Konkrete als Schein erkannt werden, womit auch das Ich zur Illusion wird. Bei der nichtchristlichen Meditation handelt es sich also um eine Reduktion des Menschen.

Die christliche Meditation kennt keine „Vernichtigung“. Auch Gott vernichtigt nicht das sich hingebende Ich, sondern er erfüllt es mit seinem Sein. Der Grund dafür liegt auch im dreifaltigen Leben Gottes. Andersheit und Unterschiedenheit gibt es schon in Gott selbst, das ist die Trinität. Im Wesen Gottes ist die Unterschiedenheit nichts negatives, sondern etwas göttlich Positives. Das Anders-Sein von Vater, Sohn und Hl. Geist ist die Grundlage für das einig-lebendige Leben der Liebe Gottes. Nur Geschiedenes kann sich lieben und in der Hingabe einigen.

Der Anfang der Religion liegt in der Erkenntnis der Endlichkeit. Als Mensch kann ich nicht Gott sein, in der letzten Einheit. Diese Andersheit gegenüber Gott will nichtchristliche Religion bewältigen und beseitigen. In der christlichen Spiritualität hat dieses „Anders-als-Gott-sein“ seinen positiven Platz, weil es in Gott selbst bereits das „Andere“ gibt im Vater, im Sohn und im Hl. Geist. Ziel der christlichen Spiritualität ist, dass der Mensch von seinem „Anders-als-Gott“ in das „Anders-in-Gott“ hinüber wächst. Dieser Wechsel ist durch die Menschwerdung Gottes möglich, weil der Christ in Christus Raum erhält im eigenen Leben Gottes. Christen sind deshalb im Gebet, in der Meditation, im täglichen Leben und später in der Ewigkeit stets schon „Theonauten“.

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