Glauben – so tun als ob

Für die Wüstenväter ist Glauben kein Fürwahrhalten von Dogmen und Glaubenssätzen, sondern in erster Linie so-tun-als-ob. Wenn die Mönche sich ein Wort der Hl. Schrift immer wieder vorsagen, um negativen Gedanken ein positives Schriftwort entgegen zu setzen, so glauben sie, dass dieses Wort Wort Gottes ist, dass es die Wirklichkeit beschreibt, wie sie ist, dass es bewirkt, was es ausdrückt. Wenn etwa ein depressiver Gedanke einfällt, dem entgegnet wird: „Ist also einer in Christus, ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, ein Neues ist geworden.“ (2Kor 5:17), so glaubt man, dass dies auf einen konkret zutrifft, dass man wirklich in Christus neu geworden ist. Man spürt es zwar noch nicht, man weiß es nicht gewiss, man hofft und vertraut, dass es stimmt. In diesem Vertrauen tut man so, als ob es stimmt. Allein, es nützt nichts, dass man sich das Wort Jesu immer wieder vorsagt, man muss auch danach handeln. Man kann nicht warten, bis man in sich eine Kraft verspürt, bis man sicher weiß, dass man aus sich herausgehen kann. Man muss einfach auf das Wort hin tun, was es besagt.

Es kann eingewandt werden, man kann doch nicht nur von Einbildung leben, sondern von Glaubensgewissheiten. Betrachtet man es jedoch genau, so muss man zugeben, dass man doch ständig unbewusst von Einbildungen lebt. So ist etwa ein negatives Einreden ebenso eine Einbildung. Wer sich etwa vorsagt: „das ist zu schwer für mich, das schaffe ich nie“, dann ist dies zuvorderst eine Einbildung. Ob die Aufgabe wirklich zu schwer ist, weiß man noch nicht, aber man tut bereits so, als wäre sie zu schwer. Eine negative Einbildung bewirkt in uns etwas Negatives. Einbildungen des Glaubens jedoch bewirken Positives, man lebt mit ihnen realitätsgerecht und gesund. Die Wirklichkeit im Glauben betrachtet, erkennt sie in ihrer ganzen Fülle, weil sie von Gott her betrachtet wird und damit richtig.

Das Verständnis des Glaubens als ein „so-tun-als-ob“ entspricht dabei durchaus der Hl. Schrift, wenn etwa im Hebräerbrief der Glaube folgend definiert wird: „Glaube ist die feste Zuversicht auf das, was wir erhoffen, die Überzeugung von dem, was wir nicht sehen“. (Hebr 11:1). So spricht der Herr: „Darum sage ich euch: Bei allem, um was ihr betet und fleht, glaubt, daß ihr empfangen habt und es wird euch zuteil werden“ (Mk 11:24). Man hat es nicht, spürt es nicht, aber man hält daran fest, in der Hoffnung, dass es stimmt. So den Glauben zu verstehen, befreit vom Leistungsdruck, als ob im Glauben immer etwas gespürt und erfahren werden muss.

Es öffnet sich ebenso eine andere Richtung: Wir sollen von Gottes Verheißungen leben, in dem feststehen, was man erhofft, so tun als ob alles, was Gott uns verheißen hat, stimmt. Der Glaube lebt von der positiven Projektion. Die Gegenwart wird von der Zukunft Gottes her gesehen, man selbst kann sich von Gottes Möglichkeiten her sehen, die er mit uns hat. Man bleibt nicht fixiert auf seine Schwächen und Wunden, die von der Vergangenheit geschlagen wurden. Man lebt nicht mehr von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft her, die Gottes Zukunft mit uns ist. Man lebt davon, dass man in Christus ein neuer Mensch geworden ist, dass der hl. Geist in uns wohnt, unsere sündige Vergangenheit abgetan ist. Dort, wo die Psychoanalyse vergangenheitsorientiert ist, dort, wo sie den Menschen durch die Erhellung der Vergangenheit heilen und verändern will, tut es der Glaube durch die Orientierung an die Zukunft, in dem er von ihr her lebt. Gott als die Zukunft ist mit seinem hl. Geist im gläubigen Menschen bereits Gegenwart, man lebt davon, dass man einmal ganz von Gottes Geist durchdrungen und verwandelt wird.

In diesem Glauben sieht man auch den Mitmenschen von den Möglichkeiten her, die Gott mit ihm hat. Die ganze Welt kann von Gottes Verheißungen her gesehen werden. Nicht ein fixieren auf eine Gegenwart, in der die Blindheit der Völker offenbar ist, Werte und Normen verloren gehen, sondern ein Leben von der Zukunft Gottes her, ein Feststehen in dem, was man erhofft. Man muss nicht alles selbst schaffen, weder in der Welt noch bei sich, man soll Gottes Verheißungen vertrauen, denn Gott hat mehr Möglichkeiten mit uns, als wir uns ausdenken können. In unserer Enge kann so eine andere Wirklichkeit wahrgenommen werden.

Ein Glaube als „so-tun-als-ob“ befreit noch von einem anderen Druck: Dem eines schlechten Gewissens. Zu glauben heißt nicht die Augen vor der eigenen Realität zu verschließen, von den Ängsten und Schwächen, von der eigenen Dunkelheit. All dies ist im Menschen und bleibt auch trotz des Glaubens in ihm. Im Menschen ist vieles, was mit Gott überhaupt nichts zu tun haben will. Inmitten dieser Schwäche jedoch vermag der Mensch aufzustehen, als ob der Geist Gottes in einem ist. Man braucht zuvor keinen Kraftakt des Glaubens zu vollziehen, der die eigene negative Realität nicht wahr haben will. Kein Einreden wie „du darfst nicht schwach sein, du musst glauben, du musst im Glauben stark sein“ ist notwendig, sondern man darf mitten in seiner Leere, in seiner Schwäche dem Geist Gottes in sich trauen. Dieser Glaube führt zu Gelassenheit und Ruhe.

Der Glaube, so muss man wissen, wird nie ein Besitz sein, den man sicher in den Händen hält, den man stets vorweisen kann. Der Glaube muss ständig ausprobiert werden. Der Weg dazu ist ein positives Einreden, das täglich geübt werden kann. Das Wirken von Gottes Wort wird so in einem zugelassen, man gibt ihm Raum, in der Hoffnung, dass es uns verwandelt. Dabei braucht man nicht ungeduldig auf Verwandlung Ausschau halten, vor dem Alten erschrecken, das in uns bleibt. Es ist nicht nötig alle Schwächen zuvor ablegen zu müssen, das ist sowieso unmöglich, denn das Neue des Glaubens kann mitten in der Schwäche aufscheinen. In der Schwachheit kommt Gottes Kraft zur Vollendung, versichert uns der hl. Paulus (2Kor 12:9). Mitten in der Leere, im Zweifel, im Ungeist, der Erstarrung, macht Gottes Geist den gläubigen Menschen lebendig.

 

S.D.G.

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