Spurensuche: Wie aus Jebus Jerusalem wurde

Jerusalem ist keine Gründung der Israeliten. Erst König David konnte sie um 1000 v. Chr. unter seine Herrschaft bringen. David regierte zuvor nach Sauls Tod etwa siebeneinhalb Jahre von Hebron aus das Südreich Juda. Auch als gesalbter König von ganz Israel blieb er zunächst noch in Hebron. Damals begann er seine Planung das noch Jebus genannte Jerusalem zu seiner neuen Hauptstadt zu machen. Dies vor allem deshalb, weil Jebus quasi in einer neutralen Zone zwischen dem Stammesgebiet von Benjamin im Norden und den judaischen Territorien im Süden lag und keinem jüdischen Stamm gehörte, sondern den Jebusitern.

Die Jebusiter gehörten zur vorisraelitischen Bevölkerung des Landes und waren ein kanaanäisches, nichtsemitisches Volk. Ihr Siedlungsgebiet lag im Bergland um Jerusalem und in der Stadt selbst, die sie Jebus nannten. Sowohl  Benjaminiter als auch Judäer gelang es nicht sie während der Landnahme dauerhaft zu vertreiben. Die Stadt lag auf dem dreieckigen Bergsporn zwischen dem Kidrontal im Osten, dem Tyropoeontal (nach Flavius Josephus: Käsemachertal) im Westen und einer Senke (ofel) im Norden, die hin zum späteren Tempelberg ansteigt. Dieses Jebus war ein typischer kanaanäischer Stadtstaat mit einem Palast und einem kleinen Heiligtum. Er war von Mauern umgeben und in eine Ober- und Unterstadt geteilt (nach Flavius Josephus). Die Oberstadt wurde von einer Burg beherrscht und gesichert, dort waren auch der Palast und das Heiligtum angesiedelt. Die Unterstadt bestand aus den Wohnquartieren, dabei diente die am Osthang gelegene Gihon-Quelle zur Wasserversorgung. In der Stadt wohnten etwa 2000 Einwohner (nach M. Broshi, israelischer Archäologe).

Die alttestamentlichen  Texte (2Sam 5:6-11; 1Chr 11:4-8) lassen die Männer Davids unter der Führung von Joab in die Stadt eindringen und erobern. Joab war ein Söldner, der unter David diente. Die Bewohner von Jebus fühlten sich in ihrer Stadt mit der Burg sehr sicher, die Bemerkung in 2Sam 5:6b, dass sie von „Blinden und Lahmen“ verteidigt werden kann, zeugt davon. David hatte eine relativ kleine Streitmacht und konnte die Stadt nicht belagern, weshalb ein rascher Sieg nötig war. Der tatsächliche Ablauf der Einnahme der Stadt kann nicht schlüssig nachgewiesen werden, klar ist nur, dass Joab dabei eine wichtige Rolle einnahm.

Man ging lange Zeit davon aus, dass Joab mit seinen Männern über den Schacht („tsinnor“) aus 2Sam 5:8 in die Stadt eingedrungen war. Er benützte den ungeschützten Quellgang von der Gihon-Quelle aus, kletterte einen senkrechten Schacht empor und kam in das Innere der Stadt, dann öffnete er den Belagerern das Stadttor (G. Kroll: „Auf den Spuren Jesu“). Dieser Schacht wurde 1867 von Lt. C. Warren entdeckt und 1909/10 von dem Archäologen L.-H. Vincent OP erforscht. Er war es auch, der diesen Schacht zum Mittelpunkt der spektakulären historischen Eroberung machte, die Generationen von Bibellesern faszinierte. Allerdings zeigen sich heute Zweifel an diesem Szenario, nicht nur aus militärischer Sicht: Der senkrechte Schacht hat eine Höhe von 13 Metern und ist nur schwer zu durchsteigen, an seinem Ende wäre immer nur ein Angreifer erschienen, womit tatsächlich „Blinde und Lahme“ die Stadt verteidigen hätten können. Zudem bewies die Archäologie (Eric H. Cline: „Biblical Archaeology“), dass der Schacht nicht vor dem 8. Jh. v. Chr. entstand, also lange nach der Zeit Davids. So ist aus militärischer Sicht ein Angriff von Norden her wahrscheinlicher, man erfährt aber aus keinen Texten davon. In der Stadt gab es zudem eine Mischbevölkerung aus Jebusitern und Israeliten, deshalb könnten auch Kollaborateure die Stadttore geöffnet haben, aber auch dies ist reine Spekulation.

Jedenfalls wurde Jebus nach der Eroberung mittels Siegerrecht zur Königsstadt von David, wobei von keinen größeren Zerstörungen bei der Einnahme berichtet wird. Ganz unbeschadet blieb sie jedoch nicht, wie aus 1Chr 11:8 hervorgeht, wo es heißt, dass „Joab die übrige Stadt wiederherstellte“. Die jebusitische Bevölkerung wurde aus der Stadt vertrieben (nach Flavius Josephus), allerdings hört man nirgends, dass sie getötet wurde. Scheinbar lebten Israeliten und Jebusiter auch nachher in Koexistenz weiter, denn in 2Sam 24:18-25 wird der Jebusiter Arauna erwähnt, der in der Nähe von Jerusalem eine Tenne besaß, die David kaufte, um einen Altar zu errichten. Später zog Salomo die Jebusiter zu Fronarbeiten heran (1Kön 9:20-21).

Der alttestamentliche Text (2Sam 5:7a; 1Chr 11:5b) beschreibt, dass David die „Burg Zion“ eroberte. Sie steht hier für die ganze Stadt. Die Bedeutung des Namens Zion ist dabei umstritten, er wird je nach Übersetzung als „Fels, die Burg, die Festung“ wiedergegeben. Ursprünglich wird mit „Zion“ der ganze Südosthügel von Jerusalem bezeichnet worden sein, meinte aber auch die jebusitische Burg in der Stadt. Später wurde der Name gleichbedeutend für Jerusalem und das Land Israel. Die Lage der Burg Zion ist vermutlich auf dem freigelegten Terrassensystem („millo“) im Nordosten der Stadt zu suchen. Ihr Aussehen ist weder aus schriftlichen Aufzeichnungen noch archäologisch zu rekonstruieren. In 2Sam 5:9b wird der „millo“  biblisch erwähnt. Das hebräische Wort bleibt meist unübersetzt und heißt „Füllung, Aufschüttung“, womit kein Gebäude gemeint ist. Es wird wohl eher eine terrassenartige Außenmauer gewesen sein, welche die Häuser im Burgbereich als Unterbau diente. Sie wurde von David, Salomo (1Kön 9:24; 11:27) und Hiskijah (2Chr 32:5) erneuert.

Der Palast von David lag im Bereich der Burg in der Oberstadt. Er wird innerhalb der beengenden Mauern nur ein bescheidenes Bauwerk gewesen sein. Da König Hiram von Tyrus Zedernholz und Bauhandwerker senden musste (2Sam 5:11; 1Chr 14:1), kann man davon ausgehen, dass die Israeliten im Bau von größeren Gebäuden unerfahren waren. Ausgrabungen nördlich des „millo“ stießen auf Kasemattenmauern, die aus dem 8. Jh. v. Chr. stammten, also nach der Zeit Davids. Bisher gibt es noch keine archäologischen Hinweise darauf, wo genau der Palast lag, aus strategischen Gründen möchte man ihn auf der Höhe des Bergrückens vermuten. Er verlor jedoch bald seine Funktion, denn schon Salomo, Davids Sohn und Nachfolger, baute einen neuen, weitaus größeren Palast (1Kön 7).

War nun die Eroberung Jerusalems von David eine besonders kriegerische und blutige Aktion? Im Gegensatz zur Eroberung von Jerusalem von Juda in Ri 1:8 scheint sie relativ unblutig verlaufen zu sein. Die Mauern und Grenzen der Davidstadt bleiben jedenfalls unverändert, selbst der „millo“, die Terrassenkonstruktion am Osthang, wurde von David wieder instand gesetzt. Mit Hilfe ausländischer Arbeiter ließ er sich einen neuen Palast errichten, vielleicht anstelle eines bereits vorhandenen. Ein heidnisches Heiligtum wird David, auch wenn es die Texte nicht erwähnen, sicher zerstört haben. Seine Stadt war relativ bescheiden und wohl kaum eine „glänzende Königsstadt“. Allerdings wird sie von nun an zur Hauptrolle in der Geschichte Israels.

 

S.D.G.

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