Spurensuche: Lazarus – Der Mann, der zweimal starb

Seit alters her wird in Betanien ein Lazarusgrab verehrt. Der Ort liegt an der Straße von Jerusalem über den Ölberg hin zur Jordansenke. Heute ist dieser Weg durch eine hohe Mauer versperrt, die Israel von Palästina trennt. So ist es in Betanien ruhig geworden, kaum ein Pilger nimmt die Strapazen eines weiten Umwegs in Kauf. Nur die Franziskaner und einige einheimische Christen pilgern jedes Jahr am Passionssonntag nach Betanien.

Betanien war die Heimat von Marta, Maria und Lazarus. Jesus und seine Jünger hielten sich dort gerne zu Besuch auf. Hier ist auch der Ort, wo Jesus ein spektakuläres Wunder wirkte: Die Auferweckung des toten Lazarus (Joh 11:1-45). Auch die Salbung der Füße Jesu durch Maria mit kostbaren Nardenöl (Joh 12:1-8) fand hier statt. An diese Geschehnisse erinnern heute die Lazaruskirche der Franziskaner und das sich in muslimischen Besitz befindliche Lazarusgrab in unmittelbarer Nähe. Von dieser Kirche schreibt schon Eusebius: „Bis jetzt wird noch die Stelle des Lazarus gezeigt …“.  

Aus der Hl. Schrift erfahren wir nichts darüber, wie das Leben des Lazarus nach seiner Auferweckung durch Jesus weiterging. Allerdings erzählen dies uns zahlreiche Legenden, die aber nicht historisch sein dürften. Lazarus musste nach seiner Erweckung aus dem Tod ein zweites Mal sterben, denn das ewige Leben erhielt er beim ersten Mal noch nicht. So gibt es neben dem Lazarusgrab in Betanien noch weitere Gräber von ihm, die gezeigt und verehrt werden, die entscheidende Botschaft dabei lautet: Auferstehung.

Eines dieser Gräber befindet sich in Jericho in der koptischen St. Andreas-Kirche. 1935 erwarb die koptisch-orthodoxe Gemeinde die Ruinen einer alten byzantinischen Kirche, die über eine Nekropole errichtet wurde. Aus einem der bei den Ausgrabungen zahlreich gefundenen Gräbern machte man kurzerhand ein Grab des Lazarus. Es hat keinen historischen Hintergrund. Jedoch ist ein Besuch der Kirche allein schon wegen der besonderen Gastfreundschaft des dortigen Priesters zu empfehlen. Zudem ist ein byzantinisches Mosaik zu bewundern.

Historisch weitaus plausibler ist jene Spur, die das spätere Leben des Lazarus auf die Insel Zypern ansiedelt, in Larnaka, das antike Kition. In einer örtlichen Überlieferung wird erzählt, dass Lazarus von den Aposteln Barnabas und Paulus zum Bischof von Larnaka ernannt wurde. Dieses Amt übte er bis zu seinem Tod aus. Sein bischöfliches Wirken ist historisch nicht fassbar, jedoch gibt es darüber einige Legenden. Eine davon besagt, dass die Salzseen bei Larnaka früher ein reiches Weinanbaugebiet waren. Der durstige Wanderer Lazarus kam dort vorüber und bat den Besitzer um einige Trauben, die man ihm verweigerte, obwohl ein ganzer Korb davon bereitstand. Der Besitzer wies Lazarus darauf hin, dass dies Salz sei, worauf er die Weinfelder in Salzseen verwandelte.

Lazarus erfuhr auf der Insel Zypern große Verehrung und diese setzt sich bis heute fort. Es war im Jahr 890, als man seinen Leichnam in einem Sarg aus Marmor wiederfand. Die sterblichen Überreste verbrachte man daraufhin nach Byzanz und von dort während der Kreuzfahrerzeit nach Frankreich. Dies begründete die große Verehrung von Marta, Maria und Lazarus besonders in Marseille.

Die Bewohner Larnakas behielten einige Reliquien des Lazarus zurück. So entstand über dessen Grab eine große Kirche, die zum sozialen Mittelpunkt der Stadt wurde. Von hier aus gründeten sich Friedhöfe, Schulen und Krankenhäuser. Das Stadtbild der Meeresseite war bestimmt von dieser Lazaruskirche, auch wenn der Glockenturm erst 1857 erbaut wurde, denn die seit 1571 regierenden Osmanen duldeten zuvor keinen Bau von Glockentürmen. Heute ist diese Stadtansicht vom Meer her nicht mehr gegeben, denn seit den 1970er Jahren versperren große Hotelanlagen am Strand die Sicht.

Bei Grabungen innerhalb der Kirche im Jahr 1972 fand man tief unter dem Altar erneut einen marmornen Sarg mit der Inschrift „des Freundes“. Darin befand sich eine kleine Holzkiste mit den vermeintlichen Reliquien. Das Kistchen ist heute im benachbarten „Byzantinischen Museum“ ausgestellt, das auch eine Ikonenausstellung und den Kirchenschatz beherbergt. Die Reliquien in der Kirche werden jedoch sehr verehrt, in der Krypta unter dem Altar finden sich ständig Menschen zum Gebet ein. Die besondere Verehrung gilt einem Stück des Schädelknochens des Lazarus. Zu erwähnen ist auch die herrliche Ikonostase mit 129 Ikonen und zahlreichen Schnitzereien mit österlichen Motiven. Einst hatte dies Lazaruskirche drei Kuppeln.

In Nordzypern trifft man auf eine ähnliche Kirche, die Grabeskirche von Barnabas bei Salamina. Sie ist heute Ikonenmuseum. Den Christen des griechischen Teils von Zypern ist es seit einigen Jahren erlaubt dorthin, in den türkischen Teil der Insel, Wallfahrten durchzuführen. Moslems aus diesem Teil der Insel können andererseits das Heiligtum Hala-Sultan-Tekke und deren Moschee nahe den Salzseen bei Larnaka besuchen, wo das Grab einer Tante des Propheten Mohammed verehrt wird.

Der gesamte lateinische Klerus der Insel Zypern wird von den Franziskanischen Brüdern der Kustodie gestellt, lediglich eine Pfarrei in Paphos ist dem Lateinischen Patriarchat unterstellt. Die Apostolische Nuntiatur des Heiligen Stuhls hat ihren Sitz im Franziskanerkloster von Nikosia. Sie ist die politische Hauptstadt, Larnaka jedoch die kulturelle Handelshauptstadt.

In dieser weltoffenen Stadt zwischen Europa und dem Orient konnte so etwas wie eine erste Ökumene gedeihen. Nach der Eroberung der Insel durch die Türken 1570 wurden alle katholischen Kirchen beschlagnahmt, so auch die Lazaruskirche, bis dahin eine Benediktinerabtei. Knapp zwanzig Jahre später verkauften die Türken diese Kirche an die Orthodoxen, sicherten jedoch den „Lateinern“ (den Katholiken) ein Nutzungsrecht für Messen am Lazarustag und am Tag der hl. Maria Magdalena. Extra dafür richtete man im nördlichen Seitenschiff einen kleinen „lateinischen“ Altar ein. Dieses Recht endete 1794, dennoch sieht man am nördlichen Seitenportal der Kirche und an den hölzernen Türen immer noch das Heilig-Land-Kreuz der Franziskaner.

 

der emmauspilger

S.D.G.

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