Selfie-Journalismus

In einem Artikel eines Nachrichtenmagazins las ich kürzlich einen mit Adjektiven überladenen Bericht, der mehr wie ein Krimiauszug wirkte, als eine seriöse Nachricht. Null Information, nur eine Wolke romanhafter Atmosphäre, die den Rechtsextremisten, um den es ging, was aber in diesem Zusammenhang egal ist, umhüllte. Und mitten drin ein wackerer und tapferer Detektiv: der Verfasser des Artikels.

Zunehmend erkenne ich, dass journalistische Berichte wie Fiktionen verfasst werden und Romane immer öfter persönliche Erfahrungsberichte sind. Hier ist ein Doppeltrend zu beobachten, wenn sowohl journalistische Berichterstattung als auch imaginäre Charaktere an Glaubwürdigkeit verlieren. Stattdessen stellt sich der Verfasser in den Mittelpunkt. Nun werden nicht mehr Fakten von Kriegsschauplätzen berichtet, sondern man erfährt, wie sich der Reporter gerade fühlt, wie er bei Recherchen durch dunkle Korridore wandert oder welche Meinung sein Jüngster vor dem Fernseher am Abend zu Hause zu diesen oder jenen Thema hatte. Dort, wo früher in einer Reportage stand: „Es ist kalt“, erfährt man nun vom Journalisten: „Ich friere“.

Die Wahrheit wird heute gerne als subjektiv und damit relativ betrachtet, es zählt nur mehr das authentische Ego. Sicherlich waren Nachrichten noch nie völlig objektiv, aber man erhob als Journalist wenigstens den Anspruch für seine Leser Zusammenhänge besser begreifbar zu machen. Nun jedoch muss man sich als Leser immer öfter mit der Gefühlswelt des Berichterstatters auseinandersetzen. Schon einmal vor zwei Jahren habe ich  in diesem Blog einen Beitrag über die Selfie-Kultur in unserer Gesellschaft verfasst (siehe hier) und nun darf ich feststellen: Diese Selfie-Kultur hat sich bereits auf den Journalismus übertragen. Narzissten machen Nachrichten für Narzissten. Dies ist wohl ein Merkmal des sogenannten „postfaktischen Zeitalters“, das noch immer vorhandene Fakten nun in Meinung und Gemütslage des Erzählenden und Beobachtenden verpackt werden.

Medien und die Politik erfahren einen grassierenden Vertrauensverlust und man meint die Ursache dafür in trockenen und wenig überzeugenden Stories zu erkennen. Die Welt ist zu kompliziert geworden und die Geduld und Demut der Reporter zu gering, um Zusammenhänge prägnant und trotzdem informativ berichten zu können. Und natürlich verliert auch die Wahrheit ihren Wert in einer Gesellschaft, die sich nicht einmal mehr ihres Geschlechts und ihres ganzen Seins sicher sein kann. Jetzt wird die Wirklichkeit einfach „aufgepimpt“, „versext“ und man kann als Berichterstatter Information durch seinen Blick auf die Wirklichkeit ersetzen. So sind Interessenkonflikte und politische Unterscheidungen nicht relevant, es gibt nur mehr konkurrierende Narrative. Die Meinungsmacher benützen den Selfie-Journalismus inzwischen ausgezeichnet: Wer die Welt verändern will, braucht nur das Narrativ zu verändern.

Wenn Politiker oder Gruppen der Gesellschaft nur mehr in ihrer eigenen narrativen Blase leben, dann wird ihnen die Wirklichkeit nichts mehr anhaben können. Ein Gefühl der Sicherheit stellt sich ein, kein Kontrollverlust bedroht mehr das Ego und das Selfie ist kein Bild mehr, sondern wird zur eigenen Wirklichkeit. Demokratisch dabei ist, dass jeder seine narzisstische Wirklichkeit ausleben kann. Information wird erst interessant, wenn man sich dabei wohl fühlt und das eigene Narrativ bedient wird. Und Journalisten dürfen dabei die Aufgabe übernehmen darüber zu berichten, wie sich das Narrativ anfühlt.

der emmauspilger

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