Sind Araber die Söhne Ismaels?

Muslimische Araber betrachten sich als Nachkommen Ismaels, dem erstgeborenen Sohn Abrahams im Alten Testament. Doch diese Gleichsetzung Ismaeliter – Araber war nicht von Anfang an gegeben. In der biblischen Überlieferung ist Ismael nicht von zentraler Bedeutung. Er steht in Konkurrenz zum zweitgeborenen Sohn Isaak, dem Sohn der Verheißung. Diese Konkurrenz erhielt in der nachbiblischen Tradition und besonders in der heutigen Zeit seine Brisanz, weil man damit das Verhältnis der Brudervölker Israeliten und Araber sowie der Schwesternreligionen Judaismus und Islam erklären oder entschuldigen will.

Die Geschichte der Ismaeliten lässt sich jedoch nicht auf den einfachen Nenner reduzieren, sie seien die heutigen Araber. In den biblischen und antiken Texten findet sich nichts, was dafür sprechen würde. Es ist bereits schwierig den Lebensraum der Ismaeliten zu lokalisieren, einzig klar ist, dass sie außerhalb des Siedlungsgebiets Israels lebten. Man erhält Hinweise auf Orte und Gegenden südwestlich, östlich und südöstlich Israels. Etwas erhellender wird die Lokalisierung, wenn man die Siedlungsgeschichte und die Geografie der Ismaeliten in verschiedene Phasen unterteilt.

Zum einen findet sich in der späten Bronzezeit oder frühen Eisenzeit (also Ende des 2. Jahrtausends v. Chr.) ein kleiner Nomadenstamm Ismael im westlichen Negeb. Dafür spricht ein Text in Kapitel 16 der Genesis, wo die schwangere Hagar von Abraham vertrieben wird und sie Rettung durch einen Engel erlangt, der ihr eine Verheißung über ihren Sohn Ismael und seiner Geburt mitteilt. Die Hauptquelle für diesen Text ist der sogenannte „Jahwist“ der Bibel (vorpriesterliche Schrift), der von der Bibelwissenschaft des 19. Jahrhunderts so benannt wurde, weil er den Gottesnamen gerne mit Jahwe angab. In Gen 16:14 lesen wir: „Darum nannte sie (Hagar) den Brunnen Beer-Lahai-Roi (Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut). Er liegt zwischen Kadesch und Bered“. Die beiden Ortsangaben können vage eruiert werden: Kadesch ist ein Oasengebiet nordwestlich der Negebberge, im nördlichen Sinai, dort wo heute die Grenze zwischen Israel und Ägypten verläuft. Von Bered hingegen weiß man nur, dass es eben in der Nähe von Kadesch liegen muss. Es gibt keine außerbiblischen Quellen aus jener Zeit über diese Ismaeliter. Ihre Spur verliert sich um die letzte vorchristliche Jahrtausendwende in der Zeit Davids und Salomos.

Im 7. Jh. v. Chr. findet sich dann Ismael wieder in den Texten der sogenannten Priesterschrift der Bibel. Sie ist, wie der zeitlich weitaus ältere Jahwist, eine Quellenschrift der jüdischen Torah, der 5 Bücher Mose. Der Name der Priesterschrift leitet sich von ihrem Inhalt ab, der großes Interesse am jüdischen Kult zeigt. Sie entstand in etwa im 6. Jh. v. Chr., in der Zeit des babylonischen Exils Israels. In Gen 25:13-15 werden die zwölf Söhne Ismaels genannt, deren Namen auch in außerbiblischen Texten als Stammesnamen im Ostjordanland wieder auftauchen. Zwei assyrische Keilschrifttexte des 7. Jh. v. Chr. führen mehrere der Namen als Angehörige eines Stammesbundes Schumuil an. Auf Anhieb kann dieser Name zwar nicht mit dem hebräischen Wort Jischmael für Ismael in Bezug gesetzt werden, bedenkt man jedoch, dass im Hebräischen und in den Nachbarsprachen Vokale starken Veränderungen ausgesetzt sind, denn sie werden nur angedeutet geschrieben, dann ist es von Schumuil zu Jischmael kein weiter Weg. Es kann sogar sein, dass der bekannte Name Ismael dazu führte, dass die assyrische Form Schumuil in der Bibel zu Ismael verändert wurde.

Dies beweist allerdings nicht, dass der alte Stamm Ismael im westlichen Negeb mit dem Stamm Ismael im Ostjordanland identisch ist. Eine Wanderung des Nomadenstamms nach Osten ist eher unwahrscheinlich, zumal sonst irgendwelche Quellen in den 3 Jahrhunderten von ihm handeln müssten. Man kann eher annehmen, dass es zwei Stammesverbände zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen mit ähnlichen Namen gegeben hat. Dafür sprechen auch die weiteren alttestamentlichen Erwähnungen von Ismael, so liest man in Gen 25:18: „Ihr Siedlungsgebiet reichte von Hawila bis Schur, das Ägypten gegenüber an der Straße nach Assur liegt“. Wo Hawila lag, bleibt unbekannt, es bedeutet nur „Sandland“. Der außergewöhnliche Begriff „nach Assur“ könnte der Versuch sein den überlieferten Wohnort Ismaels im Westen mit dem späteren und veränderten im Ostjordanland, auf dem Weg nach Assur, in Bezug zu setzen.

Dieser Versuch beide ismaelitische Siedlungsgebiete in Verbindung zu bringen, erhielt auch in nachalttestamentlicher Zeit einen Niederschlag, als der Wohnort Ismaels im Ostjordanland bereits zur geschichtlichen Erinnerung herabsank. In der Kriegsrolle von Qumran nämlich (1QM II:13) sind die Söhne Ismaels als Feinde erwähnt, ebenso wie die Assyrer, Perser und „den Söhnen des Ostens bis zur großen Wüste“, also den Elamitern. Die jüdisch-aramäische Bibelübersetzung, die Targume, aus dem 1. Jh. n. Chr., übermittelt einen anderen Ortsnamen für Kadesch, und zwar Reqam, der aramäische Name für Petra in Jordanien. Ab dem 6. Jh. v. Chr. erfährt man nichts mehr über diesen Stammesverband Schumuil, er wird sich wahrscheinlich aufgelöst haben.

Die Gleichsetzung Ismaeliter – Araber findet sich nur in Texten aus nach-biblischer und nach-koranischer Zeit, eine Rückübertragung auf Texte des Alten Testaments ist deshalb nicht statthaft. Die Bibel weiß nichts über eine Gleichsetzung, auch nicht über eine Verbindung des früheren Stammes im Negebgebiet zum späteren im Ostjordanland. Einzig gemeinsam ist beiden, dass sie, wie die Araber, ein Hirten- und Nomadenvolk waren. In den bereits erwähnten assyrischen Inschriften aus dem 7. Jh. v. Chr. kann jedoch eine Verbindung erkannt werden, denn dort wird der Titel „König der Araber“ mit „König von Schumuil“ für dieselbe Person verwendet. Ein weiterer Beleg für eine Gleichsetzung findet sich im Jubiläenbuch, das zur biblischen Tradition zählt. Es entstand als jüdische Schrift in der Mitte des 2. Jh. v. Chr. und hält fest: „Ismael, seine Söhne, die Ketura-Söhne und ihre Söhne gingen miteinander und wohnten von Paran bis zum Eingang von Babylon – in dem ganzen Land nach Osten, gegenüber der Wüste. Sie vermischten sich miteinander und wurden Araber und Ismaeliter genannt“. Ein weiteres Zeugnis der Gleichsetzung Ismaeliter – Araber überliefert uns der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus. Am Ende des 1. Jh. n. Chr. schreibt er seine „Jüdischen Altertümer“. Dort (I 12.4.221 und II 3.3.32) setzt er zwar Ismaeliter und Araber gleich, aber niemals, wenn er von zeitgenössischen Arabern spricht, was er oft tut.

Christen finden im Neuen Testament Ismael und Isaak als Kinder Abrahams, aber nicht in biologischer Sicht, sondern im Glauben (Rö 4:11-12; Mt 3:9; Gal 3:7). Deshalb wird weder Isaak noch Ismael besonders hervorgehoben, ganz im Gegensatz zur jüdischen oder islamischen Tradition. Paulus lässt die Brüder Isaak und Ismael in Rö 9:7-9 und ausführlicher in Gal 4:22-31 Teil seiner Gedanken werden. Zwar bleibt Paulus in der jüdischen Schriftauslegung, er bricht aber mit ihr, als er die christliche Gemeinde als Nachkommen des kraft des Geistes gezeugten Isaak sieht und die Juden als geistige Nachkommen Ismaels. Die „fleischliche Nachkommenschaft“ ist ihm unwichtig, jedoch führte jene negative Sicht Ismaels zu einer später eher negativen Beurteilung der Araber.

Im Koran findet sich viel an jüdischer und christlicher Tradition, welche er eigenständig weiterentwickelt, aber nicht differenziert. Mohammed erzählt von drei Ereignissen aus der Patriarchensippe: Der Streit Abrahams mit seinem Vater wegen dessen Götzendienstes, die Verheißung von einem oder zwei Söhnen und die Opferung des Sohnes. Der Name dieses zu opfernden Sohnes wird nicht genannt, aber gleich darauf wird Abraham sein Sohn Isaak verkündet. Zwar ist der Koran nicht an zeitlichen Abläufen interessiert, aber man kann aus dem Text heraus annehmen, dass Isaak hier nicht der zu opfernde Sohn war, wie es die Bibel beschreibt (Gen 22). Andererseits bedeutet dies nicht, dass der Sohn Ismael gewesen ist, denn mehrere Stellen im Koran führen auch Jakob als Sohn Abrahams auf. Ismael jedoch wird in keiner einzigen älteren Sure, die vor der Flucht (Hedscha) Mohammeds von Mekka nach Medina (622) entstand, als Sohn Abrahams bezeichnet. Ismael wird im Koran meist mit anderen biblischen Gestalten aufgeführt und es findet sich kein Hinweis darauf, dass Mohammed und sein Volk eine engere Beziehung zu ihm hatte, als zu anderen biblischen Gestalten.

In nach der Hedscha entstandenen späteren Koransuren wird Ismael zusammen mit Abraham als Erbauer der Kaba erwähnt, dem Heiligtum von Mekka. Den Söhnen Abrahams und Jakobs wird aufgetragen, Gott zu dienen. In Sure 2:133 wird die Reihe Abraham, Ismael und Isaak als Väter Jakobs angegeben, dann wird Judentum und Christentum im Gegensatz zur Religion Abrahams gestellt (Sure 2:135-141). Mohammed sieht sich demnach in seiner Zeit in Medina geistlich als Nachkomme Abrahams und Ismaels. Diese Nachkommenschaft scheint eine Stammestradition von Mohammeds Volk gewesen zu sein. Der Koran nennt zudem Ismael Ismail und nicht gemäß der ursprünglichen arabischen Form des Namens Jasmail. Man kann daraus schließen, dass der Name über das Griechische oder Syrische, also durch christliche Vermittlung oder über das Hebräische sowie Aramäische, also jüdischer Vermittlung, in den Koran einfloss.

Somit führt auch der Koran keine Beweise an, dass Ismael als biologischer Vorfahre von Mohammed oder seinem Volk betrachtet wurde. Erst in nach-koranischer Zeit setzten das Judentum und der Islam Ismael und die Araber gleich. In der jüdischen Literatur finden sich in vor-koranischer Zeit durchaus Belege einer positiven Sicht auf Ismael. Diese verschwinden jedoch in nach-koranischer Zeit aus der jüdischen Tradition, ebenso wie aus der christlichen Tradition angesichts der Bedrohung durch muslimische Völker. Koran, wie Bibel bezeugen den Glauben. Beide sind keine historischen Dokumente im modernen Sinn. Christen sehen sich als geistliche Nachfahren Abrahams, Moslems als geistliche Nachfahren Ismaels und damit ebenfalls Abrahams. Somit wird die biologische Abstammung unwichtig (Gal 3:6-9).

 

S.D.G.

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